Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 26 (14.8.1886)
- Date
- 1886-08-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Ein Znsammenbang der altjüdischen Musik mit der griechischeu und der arabischer! liegt unter diesen Umständen nahe, noch näher liegend ist es, an eine Ableitung von der Musik der Egyprer zu denken, unter denen die Juden so lange weilten, und deren hober Cnltur sie gewiss auch in musikalischer Hinsicht eine starke Beinflnssung zu verdanken hatten. Spricht doch dafür auf's deutlichste die Tbatsache, dass zwischen den Saiten- Instrumenten, namentlich den Harfen der Juden und denen, welche uns die bildlichen Darstellungen der egyptischen Alterthnmer weisen, eine große Aehnlichkeit waltet, dass ferner lautenartige Instrumente mit Griffbrettern, die eine Erzeugung von Ganz- und Halbtons-Zutervallen durch Verkürzung der Saiten zulassen, was bekanntlich bei den Saiten-Jnstrnmenien der Griechen nicht der Fall war, in Egypten stark in Gebrauch waren und sicher auch den Juden nicht unbekannt geblieben sind. Da uns indessen weder ein Ueberrcst altegyptischer Notation, noch eine Abhandlung über Musik erhalten ist, so lässt sich absolut nicht seststcllen, inwieweit die Steiger der indischen Tempelmüsik durch Musiksysteme der Egypter beeinflusst worden sind. Es ist aber bei dieser Sachlage auch nicht zu erweisen, dass der 4i86b.t3.i)aeI1-Lcala die speciflsch israelitische Originalität zukommt, welche der Verfasser für dieselbe in Anspruch nimmt, weil er in den Tonsystemen der Griechen und der Mohamedaner kein Analogon dazu findet. Zwar bemerkt er mit Recht, dass auch heutige Componistcn, wenn sie ihrer Musik ein national-jüdisches Gepräge verleihen wollen, sich der charakteristischen Intervallen- Schritte dieser Leiter, namentlich des Schrittes C-Des-E bcdienen; cs ist aber hervorznheben, dass sie diese Intervalle auch anwenden, wenn sie ihren Tonsätzen ein orientalisches Gepräge im Allgemeinen geben wollen. (Vergl. das Lied der ״Asratt von Nubinstein.) Die Tonleiter, welche im Gegensätze zu unserer harmonischen NoU-Scala, die das Zniervall von 1V2 Tönen am Ende zeigt, diesen Schritt am Beginne hat, ist sicher orientalischen Ursprungs und war vielleicht auch den alten Egypten!, nicht srernd. Die so charakteristische kleine Secunde hängt mit der Vorliebe der Orientalen für sehr kleine Intervalle zusammen, die in der Musik der Araber und Hindu sich sogar in Schritten von Viertel- und Achteltönen ausspricht. Auch in den . uralten liturgischen Gesängen der armenischen Christen ist das 0186b!tada6I1- Tongcsüge wahrzunchmen, obwohl in der modern-europäischen Notirung, in welche dieselben ans Veranlassung der Mechitaristen- Congrcgaiion von S. Lazaro bei Venedig gebracht worden sind, unverkennbar die Eigenart der Melodien verwischt und nach moderu-saden Klang-Anforderungen nivellirt ist. Bei den vielen Wechselbeziehungen der antiken Cultnren, der egyptischen zur griechischen einerseits, der egyptischen zur israelitischen andererseits und dieser wiederum zu den Arabern, den Persern, Babyloniern, den.Syrern und Aramäern, ist cs jetzt überhaupt nicht mehr sestzustellen, welche Tonbildungen als das specifiscke Eigenthum der Juden anzusehen sind. Einen Beleg zu dieser Ansicht liefert der Verfasser selbst, indem er der von Paulus Cassel ausgespochenen geistreichen Conjectur Erwähnung thut, dass die meisten Ueberschristcu der Psalmen Hellenismen seien, so z. B. in der bisher den meisten Uebersetzern dunkel gebliebenen Ueberschrift des 56. Psalms das Wort ״Jonas' offenbar zu bedeuten habe, dass der Psalm in der jonischen Tonart vorzutragen sei. Der Nachweis des hohen Alters aber bezüglich der drei ermittelten Grund-Scalen ist dem Verfasser trefflich gelungen. Ist doch nach Angabe der Heraklides Ponticus die aeolische Tonart, welche, wie oben erwähnt, mit demNogsn owäus genau übereinstimmt, schon zu den Zeiten des Kitharoden Terpander von Lesbos, also ungefähr um 800 v. Ehr. bekannt gewesen! Der Verfasser hat, im Gegensatz zu mehreren Gelehrten, wie Speidel (,Unverwerfliche Spuren von der alten Davidischen Singknust', Stuttgart 1740), C. G Anton, neuerdings F. Dielitzsch, die theils aus den hebräischen Vocalreichen, theilß aus den Neginoth. (eine Art Neumen, stenographische Notation der aus der Thora vorzutragenden Abschnitte) ein Musiksystem, Anton, sogar ein harmonisches, wie es dem׳ Alterthum ganzAfremd war, herleiten wollten, Bestrebungen, die zwar verdienstlich und auch von Singer als solche anerkannt, aber im klebrigen ohne praktischen Werth sind, ein reales Fundament für weitere, Forschung auf dem Gebiete der altjüdischen Musik geschaffen. Möge ihm dasselbe bei seinen weiteren Bemühungen zu Statten kommen. Ein Bedenken jedoch kann ich hier nicht unterdrücken, wenn er wirklich die Absicht, die er am Schlüsse seiner Schrift ausspricht, eine stilgerechte Harmonisirung der alten Melodien schaffen zu wollen, auszusühren bemüht sein sollte. Melodien, welche aus einem rein melodischen Tonsystem uralter Zeiten beruhen, aus der schaffenden Phantasie eines von unserem jetzigen Harmonie-System nichts ahnenden Volkes entsprungen sind, passen sich gar nicht oder nur sehr schwer in ein modernes harmonisches Gewand hinein und verlier. 11 durch ein solches nur zu leicht ihren originellen Charakter. Dem Bearbeiter, der hier als Bekleidnngskünstler austreten will, bieten sich zwei Wege, aber einer ist bedenklich wie der andere. Wählt er eine moderne Harmonisirung, so ist die Verwischung und Verflachung fertig, wovon ich als abschreckendes Beispiel Signor Bianchini mit seiner Bearbeitung der Hymnen der armenischen Kirche anführen möchte; wählt er ein mehr archaistisches Harmonie-Gewand, so liefert er doch im besten Falle nicht mehr als eine Stil-Ver- Mischung unlogischer Art, nämlich die des antiken, rein melodischen mit dem unentwickelten,, allerdings eigenartig kräftig und alterthümlich erhaben wirkenden Harmonie-Stil der Renaissance; auch hier fällt der antike Charakter der Melodie zum Opfer. Der beste Ausweg würde noch sein, den Euisono-Gesang im Allgemeinen beiznbehalten und nur an gewissen Stellen, die einer besonderen Hervorhebung werth scheinen, mit einer ganz einfachen, nur ans Dreiklängen beruhenden Harmonie zu bekleiden. namentlich aber dabei von dem modernen Ausklingen in Quartsext und D0lni!!ani>Septime abzustehen. Mit Recht hat man in der katholischen Kirche die harmonische Bearbeitung des Gregorianischen Gesanges verschmäht, und die armenischen Mechitaristen von S- Lazaro scheinen auch die musikalische, an ihrer Liturgie verübte Gewaltthat zu fühlen, indem sie von der harmonischen Umarbeitung nur bei besonderen feierlichen Anlässen Gebrauch machen, gewöhnlich aber 1111130110 autiphonireu. So einseitig und verkehrt es wäre, nur die einfache, im alten Tonfall gesungene Liturgie als musikalischen Theil des Cultus zu toleriren, aus die mehrstimmige Musik, Gesang mit Orgel- und Instrumental-Begleitung zu verzichten, so empsiehlt es sich doch, diese beiden Hauptsactoren der kirchlichen Musik nicht mit einander zu vermengen, beide jedoch in möglichst reiner und würdiger Art zu gestalten, dem liturgischen Gesänge Zeinen..alterthümlichen Charakter zu wahren, daneben aber die Figural-Mnsik in der gediegensten Weise und frei von aller schnöden Verweltlichung zur Geltung zu bringen und sich dabei an die besten Muster alten Kirchenstils zu halten. Dieser Stand- Punkt ist wohl auch für die Synagogeu-Musik der richtige, denn die Art der allen christlichen Kirchen-Componiften steht nicht im geringsten im Widerspruche zu der israelitischen Gottes-Anbetung. Die Musik kennt nichts von dogmatischen Unterschieden, talmubischen Spitzsindigkeitcn und theologischen Quisquitien. Die