Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 25 (6.8.1886)
- Date
- 1886-08-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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© Einlass, sondern auch als gerne gesehenen Hausfreund Wohlgelittenheit und Liebe verschaffte. Thätigkeit war die Würze seines Lebens und in seinem haushälterischem Vorgehen erfasste er bald die prakkischeu Seiten des Lebens und erwarb sich ein kleines Vermögen,׳ er war Hausbesitzer und erzog seine drei Söhne, die heute gramgebeugt seinen Sarg umstehen, zu ordentlichen Burgern der Geschäftswelt. In den freien Stunden ertheilte er Unterricht im Violinfpiel, und seine Schülerzahl aus der Elite der Gesellschaft zählt nach Hunderten. Diese allgemeine Achtung in jeder Schichte der hiesigen Bevölkerung manifestirte sich auch lebhaft bei seinem Leicdenbegängniße, weiches die Cultusgemeinde, die in dem Heimgegangenen einen ihrer ältesten gewissenhaften Beamten verehrt, den sie zu wiederholten Malen, letztlich im Jahre 1881 anlässlich seines ZO-jährigeu Dienst-Jubiiäums, in anerkennendster Weise ausgezeichnet, auf ihre Kosten veranstalteu ließ. Der tropischen Hitze zufolge fand dieses Leichenbegängnis am 27. d. in später Abendstunde im Trauerhause statt, wo sich schon lange vor der festgesetzten Stunde eine unübersehbare Menge um den mit vier Pferden bespannten Galaleicheuwagen versammelt hatte. Der Conduct wurde vom Chorpersonale aus dem Zimmer, in welchem er bedeckt mit Kränzen aufgebahrt war, in den Hofraum getragen. Mit doppelter Kraft, von sichtlicher Wehmuth gerührt, erklang nun der mächtige Bariton unseres ObercautorS, Herrn Kartschmaroff, in dem herzerhebenden Recitativ des מכתם לדוד und unter Thränen mit fast erstickender Stimme iutonirte der Knabenchor das TH*#, und geleitete schluchzend und singend seinen alten bewährten Lehrer und Meister in das ewige Reich der himmlischen, diffouanzlosen Harmonie. Sodann bestieg Herr Oberrabbiner Dr. Neumann die Kanzel und würdigte in tiefergreifenden Worten die erheblichen Verdienste des Heimgegangenen, betonte nachdrücklichst sein friedliches Zusammenleben mit den Nebenbeamten, seinen Fleiß und seine, jeder Mißstimmung trotzende Thatfrische und Berufspüuktlichkeit. Hierauf folgte das ה' מה אדם und יושב בסתר עליון, woraus sich der Leichenwagen langsamen Schrittes aus dem Trauerhause, gefolgt von einer endlosen Reihe Verehrer und Theilnehmer, zum Friedhor hin bewegte. Hier angelangt, wurde der Verklärte nach dem üblichen Ceremoniell ins kühle Grab gesenkt, wo er endlichsten Grundton seiner bewegten Lebensscala gesunden. Friede seiner Asche! Gr. Wien. Der vor einigen Tagen in Bayreuth verstorbene Abbe Liszt widmet in einem seiner Werke den Bestrebungen der Juden auf musikalischem Gebiete einige Capitel, aus welchen wir einen kurzen Auszug unseren Lesern wiedergeben wollen. Dieser dürfte von umso größerem Interesse sein, als Liszt darin auch auf den jüdischen Gottesdienst und unseren allverehrten Nestor Sulzer zu sprechen kommt: ,In der Musik haben die Juden glänzende Namen. Als Virtuosen und als Componisten haben sie die Form wunderbar gehandhabt. Durch den dem actuelleu Genie ihrer Nace so eigenen Hang zur Combination haben sie dieselbe geschmeidiger gemacht und vergrößert. Sie haben auf dem Gebiete der Harmonie und der Instrumentation geniale und fruchtbare Gesichtspunkte gehabt. . . Wer weiß, wo die Musik heute noch stehen würde, ohne den unermüdlichen, unternehmenden, kühnen und halsstarrigen, den Israeliten so eigenen Geist." — Liszt schildert daun den Einfluss der jüdischen Compositeure auf die Entwicklung der modernen Oper und widmet ein eigenes Capitel der Schilderung eines Gottesdienstes im Wiener israelitischen Tempel. Er schreibt: ,Nur einmal erlebten wir, gleichsam ahnungsvoll sehend und hörend, was aus einer jndäijchen Kunst werden könnte, wenn die Israeliten in neuen, von ihrem asiatischen Genie geschaffenen Kuustfonncn den vollen Pomp ihrer Phantasie und ihrer Träume, die ganze Intensität der sie beseelenden Gefühle und ihrer unterdrückten Leidenschaften ergießen und die Glnth ihres Feuers offenbaren würden — dieses heißen Feuers, das sie voll Vorsicht mit Asche bedecken, damit es uns kalt erscheine. In Wien kannten wir den berühmten Sulzer, welcher in seiner Eigenschaft als Vorsänger der Synagoge sich einen um so hervorragenderen Ruf erwarb, als dieser sich auf den Kreis wahrer Kenner beschränkte. Bei dieser Künstler-Organisation war die MaSke, welche das innere Wesen verhüllen sollte,, weniger dicht, aus Augenblicke konnte man das wahre, seiner Seele von den geheimnisvollen Unterredungen väterlicher Belehrung aufgedrückte Gepräge erkennen. Seine Reden durchkiang eS gleichsam, als habe er die Felsenguadern zum Aufbau der Pyramiden mit gemessen, als habe er die egyptische Finsternis und Pharao, den Gottlosen, erblickt, ihn und das Meer, das ihn verschlungen, als habe er gerührten Blickes die feurige Wolke geschaut, welche, den Feinden unsichtbar, daS erwählte Volk Gottes geleitet! . . .Um ihn zu hören, gingen wir in die Synagoge, wo er musikalischer Chef und zugleich der Sänger des Hauptpartes war. Selten noch waren wir von einer Erregung so tief ergriffen, so erschüttert, dass unsere ganze Seele widerstandslos der Andacht und Theilnahme sich hingab, wie au jenem Abend, wo im Lichte von tausend Kerzen, gleich Sternen auf weitem Grunde, ein fremdartiger Chor dumpfer und Hobler Stilllmen um uns erklang. Jede Brust schien ein Kerker, aus Lessen Innerem ein unfassbares Wesen sich zu entringen suchte, um mitten im Elende und in der Sclaverei den Gott der Bnndcslade zu lobpreisen, mit ergebenem und unerschütterlichem Glauben zu ihm rufen, dass er sie eines TageS befreien möge von dieser endlosen Gefangenschaft, hinwegführen von dem gehassten Boden, den fremden Flüssen. . . Je nachdem die hebräischen Worte ausgesprochen wurden, war es gleichsam, als lösten sich düstere Blumen von ihren Stengeln, um als klingende Blätter und tönende Kelche sich in der Luft zu verlieren. Plötzlich wurden diese Männer׳ von kurzen, schnell en uitd regelmäßigen Bewegungen ergriffen, als wollten sie auch dem Auge ihre beredten Anrufe in einem bestimmten Rhythmus sichtbar machen. In diesem Momente war es, als schwebten die Psalmen gleich flammenden Geistern über uns, alS dnrchzogeu den Raum Wolken beflügelter Cherubim, die dem Allerhöchsten zum Fußschemel dienen.* Wien. Wir haben vor einiger Zeit von dem Treiben der antisemitisch-verkappten Thierschutz - Vereine gemeldet, welche durch ihre Eingaben an den deutschen Reichstag es dahin bringen wollten, dass man den Juden das Schlackten verbieten soll, weil diese Todesart nach ihrer Meinung eine Thiergnälerei fei. Durch die Schließung des Reichstages jedoch konnte diese Frage jetzt nicht zur Verhandlung kommen, und wäre es erst Aufgabe der nächsten Session gewesen,- diese Angelegenheit zu verhandeln. Nun bringt jetzt die ״Jüdische Presse" folgende telegraphische Depesche aus Kissingen : ״Herr DiitrictSrabbiil'.r B a.m b e rger, hier, hat sich anlässlich der Anwesenheit des Fürsten Bismarck an denselben mit einer Eingabe in Bezug ans die Anti-Schacht-Agitation der Tyierschntz-Vereine gewendet. Daraufhin hatte derselbe die Ehre von dem Chef der Reichskanzlei, Herrn ge- Heimen Ober-Regierungsrath Dr. Rottenburg, empfangen zu werden. Dieser gab die beruhigendsten Versicherungen und sagte unter Anderem: ,,Der Fürst beauftragte mich, Ihnen mitzutheilen, dass die Reichsregierung dem Verlangen der Tyierschntz-Vereine, das einen Eingriff in die religiösen Satzungen des Judenthums bedeute, niemals ihre Zustimmung geben werde". W. I. Lemberg. Ueber die vom Vereine .Schomer Israel, an Seine Excellenz, den Herrn Minister für Cultus und Unterricht, überreichte Petition bezüglich des schreib- und Zeichenunterrichtes au Samstagen, ist "nachstehender Erlass erstossen : Präsidium des k. k.- LandeZschnlrathes in Lemberg Zl. 409. Ueber die an Seine Exellenz, den Herrn Minister für Cnltns und Unterricht, gerichtete Eingabe^ vom 12. Mai 1886 wird dem Ausschüsse des Vereines ,Schomer Israel* bedeutet, dass die durch die^Tagesblätter verbreitete Nachricht,