Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 25 (6.8.1886)
- Date
- 1886-08-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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ihre eigentbümlicbe Slnfd'auitng, vermöge welcher sie die Grenzen zwischen Len a'ttrabiitea, typischen und weitest verbreiteten JrUonati'onen (Cbasonns) nnd dem später bervorbrechenden Jmplovisalionen phanlasieicicher nnd virtuoser Cantoreu oder Dileltanten, welche immcrbin nur temporärer und localer Bedeutung sich zu erfreuen hatten, aus dem Auge verlieren und beide ganz ungleich geartete Producliouen in der einen Bezeichnung ,Nitnalgesang' zusammcnsasseu. Ich habe auch in jüngster Zeit Leu Eindruck empfangen, als erachteten manche unserer Collegen beide Erzengniße als gleichwerthig, ja, als vindicirten sie sogar den Improvisationen die höhere Bedeutung! Von diesem Standpunkte aus werden nun mehrere Angriffe gegen den Collegen Singer gerichtet. Da wird von einer Seite behauptet, es existire gar kein mog6n׳ovo8-Steiger. Von einer andern Seile zieht mau mit einer ganzen Schaar von barbarischen Tonarten gegen ihn zu Felde, oder behauptet glattweg, mau könne singen, was man will, so dass schließlich jede Improvisation sich die ihr beliebige Tonart zurecht macht, wie es mein Freund und College Friedmann empfiehlt. Auch meinem Freunde und Collegen Baer ist das kleine Malheur zugestoßen, den Ariadnefaden im Labyrinth der alten Tonarten zu verlieren. Die Nummer 493 in seinem baal tefilloli bewegt sich durchwcgs sicher Ln D moll und webev mit der von mir aufgezeichneten 918Llrtabaob-Zntonation die entfernteste Aehnlichkeit, noch mit der Tonart des mögen ovos, welche rein phryzisch und nicht, wie er irrlhümlick meint, äolisch, der erhöhte Ton folglich auch nicht der siebente, sondern der dritte ist. Unrichtig ist auch, dass ich in der mixolydischen Tonart die Terz erniedrige, einen einzigen Fall ausgenommen, wo die kleine Terz viel zu kürz ist nnd zu rasch durchgeht, um die wirkliche Tonart auch nur im geringsten zu alterireu. Doch cs sei genug der Hinweise aus Zrrthümer und Ver- Wirrungen, die ich belrächtlich noch vermehren könnte, und es kann doch sicherlich Niemanden entgehen, dass sie wohl das Gebiet der Improvisationen treffen können, unsere typischen Intonatiouen dagegen vollständig unberührt lassen. Nun bin ich der festen Ueberzeugung. dass College Singer, gleich mir, unter Nitualgcsang nichts Anderes versteht als die typischen Jntonationeu, was deutlich ans dem Umstande hervorgeht, dass er Seite 9 seiner Brochürs Traditionsmusik und Chasonus als Synonyma nebeneinander stellt und seine Beispiele auch auf dieselben beschränkt. Ist dies aber der Fall, dann treffen die meisten gegen ihn gelichteten obenerwähnten Angriffe nnd Ausfälle nicht zu und sie wären wohl schwerlich unternommen worden, hätte er nicht mit der Bezeichnung ,Steiger' das Gebiet der Jmpromtu's betreten und dadurch vielen unverdienten Anfechtungen Thor und Thür geöffnet. Diesmal wird College Singer mir zugeben, dass er mich misverstanden hat. Ich weiß von keinerlei hämischen Bemerknngcn von gegnerischer oder christlicher Seite und hatte lediglich die Auslassungen mancher unserer Collegen im Sinne. Sollte es schließlich Jemandem auffallen, dass ich meine Besprechung der Singer'schen Brochüre wie meine eigene Be- Gründung unseres Nitualgesanges in einzelnen abgemessenen Dosen liefere, so antworte ich darauf, dass ich mit der mir knapp zu׳ gemessenen freien Zeit rechnen muss und dass ich mich leicht dem Verdacht, um die Sache ,herumkommen' zu wollen, ausgesetzt hätte, wenn' ich damit hätte bis zu ihrer endlichen Fertigstellung warten wollen. Ein Verdacht, der von einem mir befreundeten Collegen ganz ungenirt gegen mich geäußert wurde zu einer.Zeit, in der die Brochüre eben erst das Licht der Welt erblickte. Breslau, am 18. Juli 1886. Zur Würdigung des religiösen Gesanges. Von M. Finlner Ccmtor und Lehrer in Bnnztan, Schlesien. II Der erste Eindruck, welchen ein Synagogcnchor auf uns macht, wird oft maßgebend sein über die Fähigkeit des Cantors als pädagogischer Negenschori; denn das Ohr ist der strengste Revisor. Auch in den kleinen Gemeinden wird dem Chorgesange mehr denn jemals Aufmerksamkeit geschenkt, doch der Eifer allein genügt nicht um einen schönen Gesang zu fördern, sondern es handelt sich auch darum, ob derselbe auch mit Geschick betrieben wird. Ich will Niemandes Verdienst schmälern und mag auch jedes redliche Streben gern anerkennen; aber ich kann nicht anders sagen, als: der Mechanismus beim Einüben unserer Chöre steht noch in vollster Blüte. Kann sonach eine reine Intonation im Tempel erklingen? Nein! — Wie dem abznhelsen, .ist leichter fühlbar, als mit Worten auszudrücken; aber Einiges möchte ich mir erlauben darüber anzudeuten. . Wer möchte es bestreiten, dass der Gesang die edelsten Empfindungen in einem hohen Grade erregt, die Eindringlichfeit in das Gemüth fördert und durch die Wirkung des Textes den Andächtigen entstammt. Hat doch die religiöse Musik nicht nur den Zweck, den Gottesdienst zu verherrlichen, sondern auch nachhaltig als Bildungsmittel einzuwirken. Es dürste daher empfehlcnswerth sein, in Gemeinden, wo nur ein kleinerer Chor vorhanden ist, bei der Wahl der Synaj gogengesänge vorsichtig ans Werk zu gehen; denn schwierige, große Tonstücke können kaum im Sinne des Eomponisten zur Aufführung gelangen, soll ein.Meisterwerk nicht zur Corruption werden.- Das Interesse der Gemeinde wird gewiss rege erhalten, wenn einfache, melodiöse, nach Innigkeit und Freudigkeit aufstrebende Gesänge, dem Charakter des jüdischen Cnltns angemessen, in der reinsten Intonation executirt werden. Nur solche Melodien werden schnell Eigenthum der Gemeinde, wodurch der Gemeindegesang wesentlichen Vorschub erhält, wahre Erbauung in das Gotteshaus einzieht, und auch eine bleibende Stätte im Hanse, in der Familie findet. Das öftere Experimentiren mit Gesängen fördert wenig die Andacht, verdient auch keine Anerkennung. Das Festhalten gut eingeübter Gesangweisen befähigt die Gemeinde, selbstthätig beim Gottesdienste mitzuwirken. ... Unsere alten, lieblichen, ungekünstelten Klänge werden nie ihren Werth verlieren; denn Kenner derselben widmen den Schöpfern, die schon vielleicht Jahrhunderte im Staube schlummern, einen unverwelkbaren Kranz der Pietät auf das urigekannte Grab —! »Hat sich aber erst eine Gemeinde'in das Schlechte hineingesungen, so wird es auch wieder mit seinem befestigten Geschmack ein Despot für die Ausübenden, und daher möchte man beide vergleichen mit dem schlechten Magen, über dem ein Kopf mit Kopfweh sitzt. Der Kopf verdirbt den Magen, der Magen den Kopf, nnd am Ende bleibt nichts übrig.- als dass man einen gesunden Tod herbeiwünscht'. (Thibaut's.) Ein Tonstück schlecht einüben ist eine Sünde. Um dieser zu entgehen, beobachte man zuvörderst Reinheit des Ton es, Takt I und Besprechung des Textes, dann wird selbst der kritische. Laie