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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-07-13 · Heft 23 (13.7.1886) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 23 (13.7.1886)
Date
1886-07-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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eines guten Singmeisters, die Aufmerksamkeit aus diesen Halt- Punkt seiner Kunst zu richten und seinen Zögling darüber zu belehren. Zweierlei ist der Ausdruck im Gesang. Der Sänger, welcher uns rühren soll, bedarf dieser deppelten Erhöbnng und Würze des Vortrages, die man nicht unpassend den künstlichen und natürlichen Ausdruck benennen könnte. Der erste entsteht durch die wohlbedachte Anwendung der Kunst, um der Stimme die möglichste׳Biegsamkeit zu geben, um an gehörigem Ocke durch die Fülle der Stimme den stärkern, sowie durch ihr leises Berühren den zarten Ausdruck zu unterstützen. Der Sänger muss, um diesen vollkommen zu besitzen, das 6re866ndo, sowie das sanftere Absterbcn des Tones, das kräftigere Forte und das leise Piano, ganz nach Willen anwendeu können; denn diese angewandten Abstufungen auf den herrschenden Affect des Singstückcs sind die künstliche Seele des Gesanges. Es gibt eine unzählige Menge von halb angegebenen, ver- ' haltcnen Tönen, Aspirationen seiner Anschläge und Verschwelznngen der Stimme rc., die man ans keiner Scala verdeutlichen Darf, weil sie, wie die zarteren Empfindungen mancher feinsinniger Menschen, durch die Auseinandersetzung der Worte ihren Zauber und ihren Ausdruck verlieren würden, die aber dem guten Sänger alle zu Gebote stehen, wenn er aus einer guten Schule kommt. Schwerlich wird jemals ein Lehrbuch des Gesanges es über sich nehmen, diese ätherischen Znthalen der Empfindung durch Notenbeispiele für das Auge zu erlegen. Dies wäre verschwendete Mühe; denn der Sänger, welcher sie kennt und besitzt, sucht sie nickt hier, und der mit ihnen unbekannte Zogling würde sie wie ein hölzernes Machwerk nachähmen, ohne sie jemals gehörig brauchen zu können. Um diese Lücke zu füllen, die jeder schriftliche Unterricht offen lässt, muss man dem Zögling anrathen, keine Gelegenheit zu versäumen, wo er gute, Sänger hören könnte, die ihm alsdann in der Anwendung die lebendigen Beispiele dieser Art des Ausdruckes verdeutlichen werden. In keiner Kunstfertigkeit fördert das lebendige Beispiel so schnell als bei dem Gesang, wo der denkende Zögling nach dem Hören des Sängers, ohne Rücksicht auf die Meinung der Menge oder des herrschenden Modetons, nur nach den Grundfätzen seiner empfangenen gründlichen Schule die Virtuosen benrlheilen und würdigen soll, tun sich das zu bemerken, was vor- .züglich lobenswerth an ihnen war; um sich zu prüfen, ob auch er im Stande sei, es zu leisten. Selbst die Fehler des Virtuosen müssen ihm zum Spiegel dienen. Dies bringt neuen Reiz und frisches Leben in den Singnnlerricht. Und wenn es immer schön -bleibt, die Künstler, welche so oft dem Brod nachrei!en müssen, auch wenn wir keinen handgreiflichen Vortbeil für uns dabei ersehen, bestens nach unseren Umständen unterstützen zu helfen, to können Lehrer und Eltern dem jungen Sänger nie größere Vorthcile für die Zukunft seiner Kunst verschaffen, als wenn sie -ihm oft die Gelegenheit geben, sein Urtheil und sein eigenes Talent durch Anhörung fremder Virtuosen zu läutern. Der geringe Vortheil ist hier für den Künstler, der größere für die .Unterstützung der Kunst selbst. Die Nachtigall ist unter allen Vögeln die anziehendste Sängerin, -denn sie scheint wirklich zu fühlen, indem sie singt, weil sie durch das Wachsenlassen und Absterben ihrer Töne glauben macht, als modulire sie ihre Klagetöne so weich ans -Empfindung ihres Grames. Wahrlich, der Fabeldichter, welcher uns zuerst Theseus Grausamkeit, Prognens Liebe zur Schwester, irnd Philomelens Trauer in so phantasiereizendem Colorit ver- Webte, that der Nachtigall guten Dienst. Wer weiß,, ob ohne ckiese dichterische Wortunterlage so mancher Trauernde sich würde angezogcn fühlen, seinen Gram durch den Gesang der kleinen Sängerin zu lindern, wenn sie Abends im dämmernden Wiesengrund der Ecko ihre Traner'öne znsiötet. Es geht aber der Nachtkgall wie so mancher ita'ieniichen Kehle, deren schöner Anklang des Tones und Biegsamkeit, besonders das am rechten Orte angebrachte crescendo und diminuendo, das ersetzen, was ihnen an innerem Gefühl mangelt. Ein solcher Gesang kann gefallen, aber rühren wird er selten. Das wahre, innige Gefühl, der reine Ausdruck, welcher zu jedem Herzen spricht, wenn ein im wahren Sinne des Wortes guter Sänger singt, den ich gern im Gegenlatz mit dem vorerwähnten Ausdruck, der ein Product der Kunstbcstissenheit ist, den natürlichen nennen möchte, entsteht nur da, wo sich der Sänger ganz in des Dichters Sinn versetzt, wenn er selbst durch die Aceorde des Tonsetzers gerührt, nicht als Nachhall des Dichters und Compositenrs, vielmehr als Sänger vor uns steht, dessen eigenem Gefühl das vorgetragene Stück ׳ soeben entquollen war. Diese Illusion kann der weichgeschaffene Mensch leicht unterstützen, in dessen Seele jo viel Saiten ansprechen, dass jeder Accord, jedes Dichters Gefühl nur aus ihr geschöpft zu sein scheint. Sind diese 'gefühlvollen Wesen nun noch dazu ganz natürliche Menschen, die wenig von der Kunst erlernen mögen, ihre Empfindungen vor dem zufälligen Beschauer zu verleugnen, so schwebt mit dem ertönenden Gesänge auch ihre Seele aus ihren Lippen. Sie wählen fast immer den Tonsetzer und Dichter nach ihrer Stimmung, und daher hört stnan von ihnen festen solche kalte künstliche Gesänge, die man ebenso gern vermisst haben würde. Sind solche Sänger nun vielleicht durch ein verwandtes Gefühl der Freude, der Liebe, der Sehnsucht oder des Grams selbst reizbarer für den Inhalt ihrer eigenen Gesänge, so tragen sie diesen Geist in ihre leidenschaftliche Diction über, schmelzen unser Herz durch diese Accente zu reinem; Eiuhusiasmus hin, wo der Zuhörer nicht selten das geleistete Vergnügen mit feinem innigsten Wohlwollen, mit einem Theil seines Herzens verzinst, indem er leicht den singenden und den individuellen Menschen in eine Vorstellung zusammenzieht, und durch den einen den anderen liebgewinnt. Hier könnte man vermnthlick den Nachtheil anffinden, welchen Manche für die weibliche Erziehung befürchtet haben, wenn sie die Jugend gern vor den Eindrücken der Tonkunst und noch mehr vor dem Umgang mit den Virtuosen selbst zu bewahren suchten. Aber zum Glück für die allgemeine Ruhe gibt es dieser echten Natur- und Seelenfänger wenige. Dieser erhöhte Ausdruck findet sich leichter im häuslichen Zirkel des Dilettantenlebens, als in Concerten und auf Bühnen, wo eine gewisse Allgemeinheit der Empfindung herrscht, und äußere Zerstrcuung das Ueberströmen in den höchsten Ausdruck des individuellen Gefühls hemmt. Nicht bei Opernsängern, sondern bei Dilettanten, je freieren Sinnes sie von Charakter sind, wird der Gesang oft ein Verräther des HerzenS. Wie der erfahrene Arzt nur des Fieberkranken Hand im Vorüberftreifen zu berühren braucht, um den Grad und die Art des Nebels zu bestimmen, so versteht der psychologisch geübte Sänger, als Zuhörer, die leise Sprache der Empfindungen aus der verborgenen Stenographie der Töne, gleich seiner eigenen Handschrift, zu entziffern. Gegen das Uebermaß einer Tugend zu Felde ziehen, heißt mehrcntheils mit einem Traumbilde feckten. Doch grenzen nicht selten, am äußersten Ende die schönsten Tugenden an einen sie selbst verdunkelnden Fehler. Darum kann ich nicht umhin, noch ein Wort von dem Nachtheil zu sagen, der durch ein zu stark überströmendes Gefühl, das den Sänger zwar auf Angen- ' blicke interessant macht, für die Haltung seines Gesanges ent- * steht. Der Sänger soll sich zwar ganz in seinen Gesang hinein-

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