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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-07-13 · Heft 23 (13.7.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 23 (13.7.1886)
Date
1886-07-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Noch befremdender klingt aus dem Munde eines erfahrenen , Amtsgenossen der bemerkenswertbe Nus: ,Wir singen so, weil wir Juden sind". — Herr Obcrcanror Friedmann erklärt zwar nicht, wie wir singen, weil wir Inden sind, weist aber ganz nnbegreiflicher Weise die wissenschaftliche Begründung des Intervallcnvcrbäliliißrs, welche seinen emphatischen Ausruf: »Wir Inden singen .s 0*! geradezu erklärt, entschieden zurück. Klingt Las nicht sonderbar?' Herr Obercantor Friedmann meint: ,Ob nun der fromme Vorbetcr, der das ,cki8eI1tal)L6I1' in alter Weise rccitirt, das Aller dieses Steigers kennt oder nicht, das hat ja für den Gottesdienst gar keine Bedeutung'. Hier app-llirt Herr Friedmann an die große Menge der jüdischen Cantoren und von Liesen dürste diese Merkwürdigkeit, wie viele andere, mit einem 1 wahrhaften Jubel begrüßt werden. Ich erlaubte mir schon vor Jahren einmal eine ähnliche Kundgebung des Herrn Friedmann abznweisen, wo er behauptete, der jüdische Cantor müsse sich dem jeweiligen Geschmacks der Gemeinde accommodireu und habe nicht die Aufgabe als Verbesserer des Geschmackes zu wirken; in Len oben angeführten Worten tritt mir abermals eine solch' denkwürdige Kundgebung des Herrn Obercantors Friedmann entgegen. Sollte cs temZHerrn Professor Friedmann wirklich nicht vci dienstlich, ja nothwendig erscheinen, bezüglich des Alters irgend einer öffentlichen Wirksamkeit eingehende Forschungen anzustellcn und den Gegenstand so viel als möglich zu belenchteu? Sonderbarl Uno wenn der in Ehren ergraute Fachgenosse, Herr Obercantor Friedmann, von der wisienschaftlichen Bedentung und Entwickelung unseres Faches wirklich so wenig hält, weshalb schreibt er gleich nebenan: ,Wir haben ja bereits vor drei Jahren über dieses Thema geschrieben, und weiters: ,An derselben Stelle haben wir auch d i e d r c i S i n g w e i} e u (Steige r) m nsikalisch b e sp r o ch eil'. Herr Obercantor Friedmann schrieb vor drei Jahren über .Polnisch-Singcn'. wobei cr betonte, dass die Charakteristik des Polnisch-Singens nicht in Coloratnren '2c. sondern in gewissen bcmeik.nswcrthcn Intervallen liege; welcher Art und G attn n g jedoch diese Intervalle sind, und ans welchen Stufen sich dieselben voisindcn, das sagte Herr Obercantor Friedmann nicht. Und weil cs jctck ein Anderer kundgibt, so scheint dieses dem Herrn Professor nicht zu behagen und cr möchte es einfach zurückweisen.' Oder ist Herr Professor Friedmann der Ansicht, dass die geschichtliche und wissenschaftliche Entwickelung des jüdischen Cautorates zuwarreu müsie, bis e r daß gewichtige Wort zu sprechen sich veranlasst sehen wird. Diese geschichtliche und wissenschaftliche Entwickelung hat genug lange auf sich warten , lassen, weshalb sprach der für maßgebend geltende Herr Professor Friedmann dieses bedeutungsvolle Wort nicht schon früher? Vielleicht wäre dann die Herausgabe meiner Broschüre gegenstandslos geworden. Jetzt aber ist sie es nicht und sie ist cs auch nach der eigenen Anschauung des Herrn Professor Friedmann nicht, der am Schlüsse seiner interessanten Necension zu dem Ausspruche sich gedrängr fühlt: ,Der strebsame Autor hat jedenfalls das Verdienst, den Gegenstand in Fluss gebracht zu haben". — Nun Leun, wenn ein Autor ein V e r d i e n st hat, einen Gegenft a n d'in Fluss gebracht zu haben, so muss doch der G c g e n-! st a n d ein v e r d i e n st l i ch e r sein; mit welchem Rechte weist nun Herr Professor Friedmann meine Bestrebung zurück? Den weiteren logischen Gedankenausban überlasse ich den geehrten maßgebenden Kreisen. — Abnorm, ja unbegreiflich klingt auch der Friedmann'sche Lehrsatz: ,Eine Stimme allein, ob singend oder spielend, kann machen, was sie will; man braucht - nur eine Tonart zum .Ausgangspunkte, also Grnndton, Terz, Quinte und Octave; alle übrigen Intervalle, wie immer sie Dann ans freier Phantasie gegriffen werden, sind bei einer Stimme selbst vom streng musikalischen Standpunkte nicht verboten n. s.w. Erst wenn man mehrere Stimmen zusammengibt, wenn man Harmonisiren, moduliren, ein ״Asseinblö" bilden will, erst dann tritt die musikalische Grammatik aus'. — Dieser eine Lehrsatz besitzt eine, solche. Opulenz von Unbegreiflichkeiten, dass man es nicht glauben kann, ein in Ehren ergrauter Fachgenösse habe denselben ausgeicllt und wäre der Schöpfer dieses Lehrsatzes nicht in Ehren ergraut, so hätte ich es nicht über mich vermocht, hiezu zu schweigen. — Das bestehende Factum jedoch macht meine Feder stumpf. 1 Das sind die ,Irrthümer', die der verehrte Herr Professor und Obercantor Moriz Friedmann meiner Broschüre vorwirft und die er, wie er meint, nicht weiter verfolgen 'will.*)׳ Ich liebe cs nicht, bei wissenschaftlichen Behauptungen Geleitsmänner anzusührcn, weit zwei mal zwei, ob mit oder ohne Geleitsmann, immerhin vier bleibt, und der Hinweis auf Geleitsmänner von bedeutendem Rufe lediglich der großen Menge imponirt, den wahrhaften Fachmann jedoch verstimmt; allein Herr Professor . Friedmann zieht es vor, für seine Behauptungen Namen anzuführen, nun so muss ich mich, so unlieb mir das auch ist, ans denselben Standpunkt begeben.' Bezüglich der Friedmann'schen Behauptung, Herr College Deutsch in Breslau habe das Chasonus vom ganzen Jahre (Vorbeterschule) in den modernen Tonarten geschrieben, ohne zu griechischen Auskunftsmitteln zu greisen, dürfte Herr Friedmann ans der Deutsch'schen Auseinandersetzung bereits eines Besseren belehrt worden sein; auch bezüglich Meister Nnbinstein, mit dem ich eine diesbezügliche interessante Besprechüttg gepflogen, könnte ich Herrn Friedmann eine seiner Intention vollständig gegentheilige Aufklärung geben, wenn mir nicht ein solches Vorgehen widerwärtig erschiene. Einen Rath möchte ich jedoch Herrn Professor Friedmann mir zu ertheilen erlauben': Möge er die Freundlichkeit haben, meine Broschüre, seine Rezension über dieselbe und diese meine Beantwortung seinem berühmten Schwager (den Herr Friedmann' selbst als Gewährsmann ansührt), dem gediegenen Componisten Herrn Earl Goldmark, vorzulegen und von' ihm die Antwort hierauf einholen. Herr Friedmann dürfte alsbald zur Einsicht gelangen, dass es von i h m Unrecht war, mir ״Irrthnmer" vorzuwerfen. Gesangs-Briefe (Fortsetzung.) Gesang ohne belebende Empfindung ist todter Klang, darum kann man von Kindern noch keinen genngthuenden Gesang erwarten, aber desto eher da finden, wo' der erwachsene Mensch mit allen Empfindungen und ihren Abstufungen vertraut ist. Sie werden für den Gesang, was der Orgel die Register sind.. Was dem Herzen entströmt, geht auch wieder zum Herzen über, und da der Zweck guter Musik schönes Spiel der Empfinj düngen bleiben wird, sowie ihr höchster Triumph darin besteht, das Gefühl zu veredeln, die Herzen zu erweichen, zu wärmen und zu rühren, den Glücklichen über sich selbst zu erheben, den weniger Begünstigten seinen Sorgen zu entreißen, um ihm deglückendere Phantasien vorzuspiegeln, die ihn in eine bessere Welt hinüberziehen: so gehört es allerdings zu den Pflichten *) Es war nach meiner Ansicht gut, dass er es unterlassen.

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