Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 23 (13.7.1886)
- Date
- 1886-07-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 — ibn — nach den gewöhnlichen Begriffen von Cantorenbildnnz und Cantorengröße — am allerwenigsten erwartet hätten? Ja das ist in der Tbat eins sichtbare Fügung und eine rvabre Zeitbegnnstigung für die Verwirklichung unseres Ideals in Bezug auf Gelang und Gottesdienst und für die Wiederaufiichrnng und Auferstehung unserer zwar alten, aber nicht veralrrten, sondern ewig jungen Synagogenlieder, dass sie wieder, wie vordem, in unseren Gotteshäusern mit aller ihrer Wahrheitstreue und in ihrer ganzen Originalität, in ihrer ganzen Fädigkeit unseren Gottesdienst wahrhaft zu veredeln und ihn zu einem wahren Dienste Gottes zu gestalten, erklingen können. ׳ (Schluss folgt.) Die Tonarten des traditionellen Synagogen-Gesanges (Steiger) ihr Verhältnis zu den Tonarten der vorchristlichen Musikperiode ' von Obercantor I. Singer. —Wien 1886. Verlag Em. Wetzler. Um dem Compositionsgelüste seiner College» entgegenzutreten und ein möglichst einheitliches synagogal-liturgischcs Gesangssystem anznbahnen (s. Vorrede) bemüht sich der Verfasser, den Nachweis zu führen, dass die Art und Weise, in welcher der Vorbeter der deutschen und polnischen Synagoge sein freies Necitativ vernehmen lässt, und die der polnische Jude ,Steiger׳' nennt, gar alten Ursprungs sei, ja sogar bis in die vorchristliche Musikperiode zurückreiche. Während bisher die Bezeichnung ,Steiger^ nur als Prototyp für das freie Recitativ gebraucht wurde, indem man von einem ,־יקום פלרלןן ׳־אהבה רבד und ־מי שברך oder ־^ הרחמיםSteiger sprach, will der Verfasser alle Melodien der Synagoge — Neginoth, Pismonim, Aboda, gewöhnliche Gebetstücke und die verschiedenen Pijutim — zusammensasseu, um fie drei Tonsystcmen nntcrzuordnen. Er geht dabei von den alben Kirchentönen aus, gelangt ans Seite 12 zur äolischen Tonart und schließt einzig und allein aus der Uebereinstimmung derselben mit seinem אבות s^-Steiger auf das Alter desselben. Diese Art, das Alter einer Melodie zu bestimmen, kann aber nicht acceptirt werden, weil sie jeder wissenschaftlichen Basis entbehrt, wenn auch der Verfasser an dieser Stelle in gesperrter Schrift pachetisch ansrust: ״Wer kann und darf cs nun wagen, Las Alter dieser Singweiscn zu bezweifeln, wenn ihr Tongesüge, Las heißt dis charakreristische Zusammenstellung der Scala, als im Alterthum bekannt (der Herr Autor nimmt die Jahrzahl 800 vor Christi an), nachgcwiesen erscheint?" Abgesehen davon, dass dir ״Steiger" vom Herrn Verfasser individuell anfgesasst erscheinen, ist das Alter der äolischen Tonart allein noch kein Beweis für das Alter des אבות s^Steiger. Meiner Ansicht nach hätte Herr Singer bei der Analyse der betreffenden Melodien nicht blos auf ihre Tonfolge, sondern auch auf die Jntonalion, den Choral- und Finalton (aus welchen länger und oster verweilt wird) und die Art des Schlußes eingehen müffen, er wäre dann zu ganz andern Nesnltaten gelangt! Zur Unterscheidung, welcher Epoche diese oder jene Melodie angehört, stehen uns sichere Mittel zu Gebote, einerseits die Texte, andererseits der Styl und Charakter der Melodie selbst. Aus diese Merkmale streng geprüft, ist auch jeder Synagogengesang in ein bestimmtes System — 1111r in kein Tonartssystem! — zu bringen. Dabei muss sich eine bestimmte harmonische und sogar modnlatorische Be- Ziehung der Töne zu einander ergeben. Ich möchte das Dargelegte durch ein Beispiel erhärten und nur noch bemerken, dass das Geheimnis dieser Gesangsweise (sie rührt von Volhynien Vordersatz ( — — her, von wo anS sie durch eine Anzahl berühmter חזנים Verbreitnng gefunden, und ist kaum 150 Jahre alt) in der Entsaltuug einer reichen und doch gebundenen Phantasie beim! Necitiren der bestimmten Gebete liegt. Denken wir uns den I "^L2^-Steiger in C, so finden wir, dass folgende Tonphrasen in ihm in Awendnng kommen.׳ C e g g f e. g g e f g a 11 c c b a g c g fis es d c d es fis g e d c. Die in ihm angeschlagenen Töne sind: auswärts c •d e f.g a 11 c abwärts cbagfedc Außerdem ist charakteristisch in ihm die Tonfolge: aufwärts e d es fis g abwärts g fis es d c. Die Intonation: c e g, Cboralton: g (als Oberdominante), Finalton: c (als Toni ca), Schlnßcadenz: s d c. Mittelsatz mit dem Charakteristicnm der kleinen Terz in der ersten Zeile, während die Halbcadenz die große Terz bringt. — f g a g f e g d Schlußsatz < _ - . _o_ (gedcdede Beim 3. Satze ist zu verzeichnen: die Modulation nach f (als Unterdominante) und d (als Quinte der Oberdominante mit Ouartsprung g bis d) und wiederum die Cadenz e d e. Ich kann unmöglich ein Tonstück, in welchem 6 und 68, £ und fis, h und b vorkommt, in ein Tonart-System bringen, und dow ist es oben in ein bestimmtes System gebracht, welches Intonation, Choral- und Finalton, sowie die Schlnßcadenz genau verzeichnet, dabei braucht man der Melodie selbst keine Gewalt anzuthun, wie das Herr Singer öfter thnn musste, um seinem System gerecht zu werden. Um jedem Misverständnis vorznbengen, möchte ich ausführen, dass ich nur den .Steiger* in seiner heutigen Form — ich möchte sie Knnstform nennen — der oben bezeichneten jüngern Epoche zuschreibe, die stabile Melodie des ל' מלך aber erachte auch ich für viel älter. Und ich freue mich, in diesem ׳ Punkle mit dem Verfasser, wenn auch nur scheinbar, übereinzusiimmen. Das Scheinbare unserer Uebereinstimmung darf jedoch nicht übersehen werden. Während Herr Singer alle Steiger ans Grund ihrer Uebereinstlnimung mir seinen Tonarten in ein so hohes Alter setzt, halte ich die מלך '^-Melodie nur aus dem Grunde für alt, weil ich in ihr eine Psalmodie alten Ursprungs erkenne, nach welcher alle liturgischen Sabbath- und Festtags- 5 Psalmen gesungen werden, nicht wie der Verfasser (S. 13) sagt: ,Der Adonoj moloeb-Steiger jedoch findet nur eine einmalige Verwendung, und zwar bei der Liturgie des Freitag- Abend-Gottesdienstes und bei dem Gebetstücke, dessen Namen er!rügt'. Zur Bekräftigung meiner Desinitiou bin ich sogar in der Lage, anzusührcu, dass der Tonus quintus. des Gregorianischen Gesanges dieselbe Melodie im Initinm, Nediatio und Finale aufweist. Der Lehrsatz zur Festhaltnng der Melodie des fünften Kirchentoncs lautet nämlich in der Transposition nach ' 0 also: