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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-07-05 · Heft 22 (5.7.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 22 (5.7.1886)
Date
1886-07-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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drS Materials. Der Verfasser bekundet einen seltenen Sannnelfleiß, große Belesenheit, volle Kenntnis der einschlägigen Quellen und warme Hingebung für seinen Beruf. Die Arbeit des Herrn Singer, wenn auch in den Details nicht tadellos, bat jedenfalls einen akademischen Werth. Eine andere Frage ist die: ob diese Broschüre auch einen praktischen Nutzen für die Synagoge hat, und ob die darin enthaltenen Notenbcispicle geeignet sind, die Weiterentwicklung des traditionellen Chasanos zu fördern? Das vermögen wir nicht beransznstnden. Das kleine Büchlein constatirt zweierlei: erstens, dass die Tonarten der jüdischen Weisen bereits vor tausend und noch mehr Jahren cxistirt haben, dass sie also alt sind; zweitens-׳ dass die Tonarten des Synagogeugesänges hinsichtlich des Jutere vallenverhältnißes drei Catcgvrien bilden. Beides ist für die Synagoge irrelevant. Die Hauptsache ist, dass die traditionellen Singweisen bis zu einer gewissen Grenze — nicht etwa auf Kosten des modernen Musiksystems und des ästhetischen Geschmackes — gehegt und gepflegt werden. Ja wir sollen diese Weisen im Gottesdienste verwerthen, weil sie traditionell fick aus uns vererbten, weil sie schon durch das Alter allein eine Heiligkeit erwarben, und weil sie endlich, wenn schon ohne fremden Zusatz vorgetragen, zur Förderung der Andacht und Erbauung viel beigetragen. Ob nun der fromme Vorbeter, der das Jisehtabbach in ultcr Weise rcciiirt, das Alter dieses Steigers kennt oder nicht, das hat ja für den Gottesdienst gar keine Bedeutung. Ein polnischer Jude fragte einmal, was ist der Unterschied , zwischen Poesie und Prosa l Man erklärte ihm : Poesie ist eine höhere erhabene Ausdrucksweise, Blumen- und Bildersprache re., während mit Prosa die gewöhnliche Redensart bezeichnet wird. Merkwürdig, bemerkte der Pole, demnach rede ich schon 50 Jahre Prosa, ohne es gewusst zu haben. Es ist vielleicht besser, wenn der בעל תפלה in Prosa vorbei et. als dass die musikalischen, besonders die russischen und rumänischen Cantoren das altjüdische Oba8an08 verdrängen und die Synagoge durch eigene profane -Compositioncn entheiligen. Die Folge dieser sträflichen Willkür ist, dass in Frankreich, wie wir erst jüngst gelesen, die Rabbiner für die Beibehaltung des Synazogengesangcs ein- und auftrcten. Ein solches Alter, wie es die frommen Juden dem Ohasanos beilegen, kann Niemand Nachweisen. Die Frommen sagen nämlich, das Chasanos ist בסיני. Nun ist doch anzunehmen, dass selbst der strengste Altgläubiger sich nicht einbilden wird, die Melodien sind aus dem Berge Linas unter ע קולת וברקים erkündet worden. Haben doch damals die Gebettcxte nicht existirt. Mit dem Worte בסיני will man sagen: das ist uralt und deshalb heilig. Oder soll vielleicht der Nachweis des Alters als Entsckuldigung dienen, dass wir diese Weisen überhaupt benützen? Sonderbar! Weltberühmte Meister, wie Verdi, Nubiustein und Goldmark haben in ihren Opern an jenen Stellen, wo die Handlung ein orientalisches Colorit erheischt oder ein jüdisches Moment Lnvolvirt, echt jüdische Weisen benützt, ohne sich zu entschuldigen, ohne auf .phryzisch^ und ,mixolydisch* hinzuweisen, während jüdische Vorbeter klügeln und grübeln, wie und wodurch es Andersgläubigen gegenüber zu rechtfertigen sei. dass wir in der Synagoge altjüdische Gesänge gebrauchen. So dürfte es denn bald dahin kommen, dass die Imitation im Theater das Original in der Synagoge übertreffen wird. In den Bethäufern anderer Confessionen schämt man sich des Alten durchaus nicht. Zu unserem aufrichtigen Bedauern müssen wir hier auf das Rituale der Kirche verweisen, wie es in der Charwoche geübt wird. Das Officium der Psalmen Und Lamentationen, namentlich jener Psalmen, welche auf Tod, Trauer, Klage und Buße Bezug haben, ist in der sixtinischen Kapelle zu Nom in Text und Gesang bis auf den hetttigeit Tag erhalten gebliebeu, ohne zu prüfen, ob auch dieser alte Gesaug der Modernen Kunstrichtung entspricht. Wir haben bereits vor drei Jahren über dieses Thema geschrieben. Auf diese Frage: warum wir das alte Cbasonos singen? ist die richtigste und ehrlichste Antwort die: weil wir Juden sind. So uns z. B. Jemand fragt: warum wir Borchu, Schma jisroel, Kodosch, Schemone esreh re.׳ beten? Warum wird bei uns ,gelaint" und Haftora gelesen? Auf alle diese Fragen gibt es nur die eine Antwort: weil wir Juden flnd, als solche aber eine eigene Geschichte, eigene Legende und eigene Liturgie haben. Dasselbe ist auch beim Synagogengesange der Fall,- mit dem Unterschiede jedoch, dass wir diese Melodien nur zu einem gewissen Theile der Gebete anwendeu, während der größere-Theil derselben in streng musikalischer und je nach Verhältnis der vorhandeuen Kräfte'.auch in rein künstlerischer Weise executirt wird. Ja'׳es ist Aufgabe des gebildeten Cantors, auch den urjüdkschen Gesang in möglichst veredelter Form zu Gehör zu bringen. Wir sollen׳ die jüdischen Siugweisen, soweit die Beibehaltung des׳ Prototyps es zulässt, der allgemeinen Musik accommodireu, aber nicht׳ eine jüdisch-partikulistische Tonkuust schaffen. Das haben-wir bereits vor drei Jahren geschrieben. An׳ derselben Stelle (Siehe Beamteu-Zenung Nr. 2, 1883, S. 13Jr haben wir auch die drei Siugweisen (Steiger) musikalisch besprocheu. Natürlich machten wir nicht daraus so viel Aufsehens' und traten nicht mit so großem Pomp aus, als handelte es sich um weltbeglückende Dinge. Was wir damals gesagt, das halten wir. auch heute aufrecht. Wir haben dreierlei Singweisen, Steiger׳ genannt. Der sogenannte .,Kiduseh“ öder Adonajmdloob-Steiger. Diese Weise lässt sich nach unserem modernen Musiksystem ganz regelrecht handhaben, und zwar als Our- Tonart mit großer Terz und reiner Quinte. Die zweite Weise, Ni-8ob6b6raob-Tteiger genannt, ist im Gegcntheile zu der ersten eine bloIl-Tonart mit kleiner Terz und reiner Quinte. Gegen diese zwei Weisen ist musikalisch nichts einzuwenden. Sind ja in allen Synagogenwerken, von Sulzers Schir Zion angefangen, eine Unzahl von Compositionen jüdischen Styls enthalten, welche ganz schön und regelrecht harmouisirt sind. Selbst das so allbeliebte Kol iiidre, ein echt jüdischer Gesang, eollidirt durchaus nicht mit der Harmonielehre. Auch Schreiber dieses hat in diesen beiden ,Steiger* bereits vor 23 Jahren viele Gesänge geschrieben, dieselben dem Nestor Sulzer und den zwei weltlichen Musikmeistern Lißt und Goldmark vorgelegt und . bei allen Dreien nur Beifall gesunden. Auch haben wir mit diesem Blatte schon zu wiederholten Malen Musikbeilagen versendet, welche alle in diesen zwei Arten — dur und raoll — componirt waren und sogar bei Herrn Obercantor Singer freundliche Ausnahme fanden. Einer der gelehrtesten Cantoren unserer Zeit, Deutsch in Breslau, hat das Chasanos vom ganzen Jahre (Vorbeterschule) in den modernen Tonarten geschrieben, ohne zu griechischem Auskunflsmittel zu greisen. Endlich gibt es noch eine dritte Weise, die in unserem Gottesdienste am häufigsten gebraucht wird, das ist der sogenannte Ahawoh rabboh, Mimkomoch, oder auch Tikanto -Schabbos-'Steiger, mit welch' letzterem auch der disobtabbaob-Steiger bis auf eine winzige Nuance identisch ist. Man spricht auch noch von zwei Weisen: eine Imitation des türkischen Gesanges, 08 bekol genannt, und Klawaner-Steiger. Diese zwei Singarten sind aber, wie schon dio

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