Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 21 (27.6.1886)
- Date
- 1886-06-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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itnb Freude vor; diese Empfindung ist ihrem Alter angemessen. Aber es gibt deren unzählige, bei welchen sie nichts denken, noch fühlen. Wodurch könnten solche Kinder Gesäuge heben? Höchstens durch erlernten, künstlichen Ausdruck, den wir ihnen weder geben, noch wünschen; denn für ihre künftige Bildung muss es uns lieb sein, dass sie ganz natürlich, also kalt bei solchen Gesäugen blieben, wo sie des Dichters Sinn weder ahnen, noch empfinden konnten. Da sie aber nie die Gewöhnheit annehmen sollen, sich mit etwas zu beschäftigen, das über ihren Horizont erhaben ist, weil die Kinder dadurch gedanken- /und gefühllos werden: so entspringt aus dieser Bemerkung die Nothwendigkeit, eine Wahl unter den Gesängen für sie treffen zu müssen, die ihrem Alter wie ihren Fähigkeiten, sowohl in musikalischer, als dichterischer Rücksicht angemessen sind. Unschuldige Erzählungen, kindlich gute Gefühle in fasslicher Einkleidung und muntere Scherze gehören in dieses Gebiet. Inzwischen könnte es sich ereignen, dass die jungen Sänger selbst die Lieder solchen Inhalts kalt und leblos vortrügen, und dies würde mich glauben machen, dass sie eine falsche Scham zurückhält, weil sie nicht an die zwanglose Freimüthigkeit einer liberalen Erziehung gewöhnt wurden. Es gibt Kinder genug, die sich nie ihrer Natur überlassen durften, die im Beisein ihrer Erzieher keine freie Aeußerung wagen, die fortdauernd in einem conventionellen Artigkeitssyfteme hintrauern, das späterhin nur durch ein noch'drückenderes Zwanggesetz gesellschaftlicher Decenz vertauscht wird, wo man einen laut artikulirtcn Ton, die Stellung, welche nicht wie mit dem Senkblei auf den Stuhl gegossen ist, für eine Sünde gegen die guten Sitten anrechnet. Solche arme Wichte werden cs freilich nie über sich erlangen, mit argloser Unbefangenheit der geselligen Freude frohe Lieder zu weihen. — Ast unser Zögling so weit herangewachsen, dass wir ihn nicht mehr als Kind betrachten können, wo sein Körper sich schneller zum völligen Uebergang vom jungen Mädchen zur Jungfrau, vom Knaben zum Jünglinge entwickelte, so leidet die Stimme, wie der ganze Mensch, eine Veränderung, die nicht unbemerkt in Rücksicht auf die Fortsetzung im Unterricht des Gesanges bleiben darf. Befolgen Sie die gegebene Regel: das Wohlbefinden des Sängers zum Maßstabe dessen, was man ihm zumuthen kann, zu nehmen, jo wird Ihnen die matte Heiserkeit seiner Stimme, die Anstrengung und Unbequemlichkeit seines Organes deutlich genug sagen, dass die Natur jetzt Ruhe für sie heischt. Die größere oder geringere Unbequemlichkeit der Stimme bei dieser Gelegenheit hängt von der schnelleren oder langsameren Entwicklung, sowie von der sehr verschiedenen Körperbeschaffenheit ab. Und wenn unter der Leitung eines klugen Lehrers die junge Sängerin den Singunterricht nicht ganz einzustellen braucht, so ist für den zweifelhaften Fall eine gänzliche Ruhe auf׳ einige Zeit sehr anzurathen. Diese Vorsicht kommt der Stimme wieder zu statten. Bei des Knaben Stimme ist sie durchaus nöthig, ja die Pause muss selbst weit länger dauern, weil durch schnelleres und stärkeres Wachsen und durch die Anstreilgung, welche dadurch die Singorgane leiden, die Stimme so leicht verloren geht, wenn der ungeduldige Sänger sich die /Warnung nicht zu Herzen zieht. Hier setzt die Natur einen Wegweiser in die Bahn: wer wollte solche Erfahrungen nicht nützen, die auf die Beobachtung ihrer ewigen Gesetze gegründet sind! Hier bemerke auch ich einen großen Rnhepunkt für den .Unterricht der singenden Jugend. Indessen mögen wir Hygieen Blumenkränze winden, und Hccatomben von schneeweißen Stieren opfern, damit sie ferner unsere Lieblinge im Geleite ihres Zwillingsbruders, des frohen Muthes, unter ihrem Schutze auf der Bahn führe, wo sie die süße Gewohnheit, ihr Dasein zu fühlen, als das höchste Geschenk betrachten lernen. Schöne blühende Erde, wie liegst du holdselig vor unserm Blick und erweiterst unser Herz, wenn nach hartem Winter endlich der Sonne belebende Strahlen auf dis hohen Bergkuppen, in die tiefen Schluchten dringen, und der Flur das Leichen-! gewand entziehen; wenn die erstarrten Bäche und die jungen ' Vögel, mit neuen Stimmen und Schwingen begabt, in das allgemeine Coucert einstimmen, das alle Farben und alle Töne in Harmonie verschmelzt; wenn der weiche, grünende Teppich sich weit hinaus in den Wiesengründen ausbreitet und das lichte Laub holden Wiederscbein auf alle Gegenstände wirft; wenn um das friedliche Dörfchen die ehrlichen deutschen Pappeln wieder ihre Häupter kräuseln, sich die röthliche biegsame Weide in den allgemeinen Farbenton der Natur kleidet, und die fleißige Bienenfchaar aus des Saalbaums duftender Blütbe die erste honigreiche Nahrung zieht, der Eichenhügel majestätisch im jungen Laube wogt und die Kindheit mit dem Alter auf einem Stamme vereint; wenn Hecken und Büsche Blüthen regnen und dem Sinn des Geruchs süße Berauschung zuwehen; wenn alles Leblose lebend ansruft: Jugend! wie schön bist du, o Jugend! Aber der Mensch, wie ganz anders empfindet der Lebendige diese Wonnenmonde, wenn er aus dem Schlummer der Kindheit erwacht, neue Kraft, neues Leben, neue Seele in sich fühlt! Wie er die treibenden, strebenden Empfindungen in ihrem chaotischen Wirbel kaum fasst! Wie er Alles mit Wärme umfängt und liebende Arme in die Welt ausbreitet, mit den Wolken dorthin und dahin ziehen und sich eine Bahn brechen möchte, die ec nicht kennt! Wie Wonnegefühle des jungen Lebens seiner Seele Ideale eiuprägen, deren Höhe und Größe er im euthusiastischen Drange seines Wesens uachfliegt und vorauseilt l Wie er Alles hingibt aus seinem Jnuersten und im frohen Anstaunen der edlen Menschen-Natnr nie ahnet, zu viel hingegeben zu haben, weil er weder List noch Argwohn kennt; wo ihm nichts zu steil, zu unerreichbar für seinen alles überflügelnden Sinn scheint; wo Wohlwollen und Freude im sanftsrn Wesen des Weibes, Kraft und Thätigkeit der männlichen Seele entkeimt, und wo sie im Anschanen der blühenden Natur, die mit ihnen sympathisirt, weil sie auch juug ist, alle Wonne umfassen, und jedes Glück, nur das nicht, sich selbst genug zu sein, wie sie jedes Giück fühlen und genießen, während sie es besitzen, da späterhin der Mensch nur bas preist, was er nicht mehr hat oder noch erwartet! Wie da jeder Blick von des Herzens Dank überfließt und stumm zu sagen scheint: Frühling des Lebens, du schönste Poesie, dich möchte jedes Wesen fest umklammern, um dich nie zu verlassen, weil du so einzig bist! — Die glückliche Jugend sucht einen Ausweg, ihre Wonnegefühle laut werden zu lassen, der neuen Mischung von Empfindungen, die das Herz füllt, Zungen zu leihen. Sie möchte so gern mittheilen, was sie fühlt, hörten es auch nur die vorüberstreichenden Lüfte. Die Sprache ist für solche Augenblicke.'zn arm, denn die Odenstimmung dieser Seele lässt sich nicht durcch gewöhnliche Worte ausdrücken. Selbst die Dichtkunst, die er» habene, ist ihr zu wenig. Da ergreift der strebende Flug hoher Begeisterung die tönende Stimme, und sie bildet sich in der tragenden Luft ein eigenes Gebiet, in dem sie ihre Ideale beleben, ihre Empfindungen verhauchen kann. Sie erfindet in diesem leidenschaftlichen Zustande — den empfindungsvollsten. Gesang! (Fortsetzung folgt.)