Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 21 (27.6.1886)
- Date
- 1886-06-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Tempo allegro fort: .242 ist jitir vollkommen unbekannt, 266 erscheint etwas modernisirt, ebenso 267, sämmtliche Nummern sind modern, toir wesoria und ähnliche Intonationen sind blos Melodienabrisse^. Da möchte ich denn doch fragen, ob wir uns noch in einer wissenschaftlichen Debatte befinden? Das heißt doch wahrlich die Arbeit sich leicht machen! Und doch noch nicht leicht genug! Der Herr College braucht nur kurzweg alle Intonationen zu verwerfen, die seinem System widerstreben, und sie sind gerichtet; denn — Er hat's gesagt! — Unklar ist mir geblieben, wen der Herr College mit dem Ausruf ,Semitonium modi!' apostrophirt; mich oder die Geschichte. Die Halbtöne haben sich bekanntlich bei Cadeuzen und Modulationen, häufig auch um den Gesang geschmeidiger, oder wie ein alter Musikgelehrter sich ausdrückt, ,süßerzu machen, als Bedürfnis herausgestellt, ihre Geltung erobert und dauernd behauptet, und der Herr College, der fleißige, ernste, von lebhaftem Interesse für Geschichte erfüllte Musiker sollte die Ergebniße derselben perhorresciren wollen? Und auf Grund welcher Autorität dürfen wir uns anmaßen zu corrigiren. was auf natürlichem Wege geschichtlich sich entwickelt hat? Ich hätte, meint der Herr College, auf diese Urform Hinweisen sollen! Aberkenne ich dieselbe, kennt er sie, oder irgend Jemand? Und brauchte erst gesagt zu werden, dass die Vorbeterschnle keine Urformen bringt? Ist es doch Niemandem unbekannt, dass es nicht zwei Cantoren gibt, welche die liturgischen Gesänge ganz übereinstimmend cxecutiren, dass vielmehr Jeder seine Special - Tradition cultivirt, und dass folglich in der Vor beterschule auch nur die meinige fixirt sein werde. Ich habe auch keineswegs anmaßender Weise in der Vorbeterschule ein dogmatisches, sondern bescheidener Weise ein pädagogisches Buch anschaffen wollen, um angehenden Cantoren den Selbstunterricht zu ermöglichen und vom alten Nitualgesang, der durch synagogale Ncuschöpfungen' allmalig verdrängt werden könnte, zu retten, was ich mit meinen schwachen Kräften noch zu reiten vermochte. Mehr sollte das Buch nicht sein, und es steht Jedem frei, sich seiner zu bedienen oder auch nicht. Ich freue mich gewiss aufrichtig, dass das beschcideneAWerk dem Herrn Collegen. wie er sagt, sympathisch ist, was aber davon zu erwarten war, darüber hat ihn doch die Vorrede zu demselben, ich denke, ausreichend orientirt. Die Notenbeispiele der Broschüre anlangend, muss ich es bei meiner vorigen Erklärung bewenden lassen. Ob sie auf gleichem Niveau mit meinen Aufzeichnungen stehen, dürfen wir Beide als Parteien nicht bcurtheilen und in Ermangelung eines Lompetenten Forum academicum möge die Entscheidung Denen anheimgegeben werden, welche im Besitze der Vorbeterschnle und der 24 Notcnbeispiele der Broschüre find. Ich kann schließlich nicht verhehlen, dass das Ziel, welches der Herr College sich gesteckt, nicht mit der mir wünschenswerthen Bestimmtheit bezeichnet ist, und will sich daher das einstige, nach feinen Grundsätzen entstehende Bild nnserer liturfischen Musik mir nicht klar gestalten. Geht sein Streben dahin, zunächst den musikalisch-babylonischen Thurm, den die Epigonen der Schöpfer des Chasonus phantastisch ausgebaut, abzutragen, die besseren Nitualgesänge derart zu cultiviren, dass Solo-Recitative ähnlichen Charakters geschaffen und g e l e g e n tl i ch auch ein alter Gesang für den Kunst - Chor mehrstimmig gesetzt würde, die moderne geistliche Musik aber zu unserer Führerin und Beratherin in unserem Schaffen und zum Brenn- und Mittelpunkte in unserem Gottesdienste zu machen, dann biete ich ihm mit Freuden die Hand dazu und gewiss viele Collegen mit mir. Erstrebt er aber die Rückkehr zu antiquirten Productionen mit Ausschluss des modernen Systems, ferner die Adoption seines alleinigen Drei-Ton-Systems und endlich Be-, licbiges Corrigiren geschichtlicher Ergebniße, so müssen solche Velleitäten als arge Verirrung und zur praktischen Ausführung untauglich bezeichnet werden, und ich bin überzeugt, dass es nicht erst nothwendig sein wird, sie zu bekämpfen. Der Herr College wendet mir ein, dass die Resultate der mittelalterlichen Kämpfe ,sa vor uns liegen und wir brauchen sie ja blos zu benutzen *, die Resultate sind ja aber eben das moderne Tonarten-System und seine absolute Herrschaft. — Einen Wunsch, den ich bis jetzt zurückgedrängt und den, wenn Einer, der Herr College Singer zu erfüllen geneigt Acin dürfte, ist der, dass wir uns anstatt des Wortes .Steiger"''oder ״Stegcr" (die Gelehrten diffenren hierüber in der neuesten Zeit) der Worte. ״Weise, Tonart oder Intonation" bedienen, da ja doch nichts Anderes gemeint ist. Ich bin erbötig nachzuweisen, dass dieses Vocable aus der hinschwindenden Mauschel-Sprache zu manchen Ausfällen gegen den Herrn Collegen Anlass gegeben hat, bte^ wohl zu vermeiden waren. Gesangs-Briefe. (Fortsetzung.) Erlauben Sie mir. werther Leser, Ihnen mit wenig Zugen die erhaltene, stufenweise Bildung unserer Zöglinge zur bequemen Uebersicht vorzulegen, um dann den noch folgenden Unterricht nach einem nöthigen Nuhepunkte daran zu knüpfen. Der junge Schüler hat gelernt, seinem Körper und seinem Munde die vonheilhafteste Stellung zu geben, nach der Vorschrift und dem Begriff eines einzelnen vollkommenen Tones ganze Tonrekhen zu bilden und athemreich dabei zu sein. Dann lernte er rein intoniren, und durch Uebungen aller Art das Metall seiner Stimme entwickeln. Seit seiner Kindheit bildete sich das Ohr durch gute Musik. So wie er von der Mutter lesen lernte, machte sie ihn auch mit den Noten, Schlüsseln und den ersten Grundsätzen der Theorie dnrcb praktische Anwendung bekannt. Bald äußerte er ben Wunsch, Lieder singen zu können׳ die auf dem Noteuplan als Zeichensprache sich befanden, um seinen Vorrath von musikalischen Ideen durch neue Melodien zu bereichern. Diesen Umstand haben Sie benützt, um ihm das Treffen der Noten begreiflich zu machen. Dadurch wurden ihm alle Intervalle genau bekannt; auch war es ihm nicht genug, Uebungen mit der Unterlage bloßer Vvcale zu singen, denn er wollte mehr Bedeutung in die Töne bringen. Da Sie den jungen Zögling richtig lesen lehrten, so wurde ihm die Vereinigung der Dichtung mit der Musik nicht schwer, denn seine Sprache erhielten Sie von jeher fehlerfrei. Nun wächst unser Sänger unter täglicher Uebung heran. Der Musikfreund freut sich, den Geschmack und die zweckmäßige Bildung für den Gesang unter der Jugend befördert zu'sehen, und.hört schön, darum mit Vergnügen seine Lieder, Jahre sind angewendet worden, um seine Stimme in gründlicher Schule °anznziehen, die Andere unbenützt verstreichen ließen. In mancher Rücksicht macht uns der Zögling große Freude, doch singt er noch etwas kalt und gehaltlos. Diesen Vorwurf macht man mit Recht, allen Kindern, Knaben wie Mädchen. Es wäre ja unnatürlich, wenn wir es anders fänden. 'Sie sind die Schöpfung des Prometheus, bevor er den Göttern den Feuerfunken entwandte, um ihn seinen Gestalten mitzutheilen. Natürlich erzogene Kinder,, die man nicht unter der Last unzeitiger Kenntniße drückte, sind wenig poetisch gesinnt, verstehen sich weder auf witzige noch auf verwickelte Wendungen. Ein munteres Lied von fasslichem Inhalt tragen sie mit Feuer