Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 21 (27.6.1886)
- Date
- 1886-06-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 treffenden Leser an den Herausgeber der österr.-ung. Cantoren- Zeitung binnen 3—4 Wochen nicht geordnet wird, die Namen dieser Herren allesammt zu veröffentlichen, wie wir nicht umhin können, all' den Herren Collegen, die unser großes gemeinsames Unternehmen durch ihre vielseitige Mithilfe nach besten Kräften unterstützen, hiefür öffentlichen Dank auszusprechen. Kür ben Morstand des östeir.-ung. Cantoren-Vereines I. S i n g e r, Präses. Unsere Fnchzeitnngen und ihre ehemalige Mustkbeilage (von W i n n a ch e k.) XL Dass nur die unmusikalische und ungeschickte Vortragsweise der früheren unwiffenden Chasanim unseren wahrhaft schönen und auf festen, wissenschastlichen Grundsätzen beruhenden Nationalgesang verunstaltet und verunziert hat, und ihm dadurch einen Namen eingetragen, der wohl die Vortragenden treu charakterisirte, keineswegs aber für ihn selbst geltend sein kann, beweisen die vielen, beinahe enthusiastischen Urtheile der bedeutendstcn Musiker unserer Zeit über den jüdischen Gesang und feine geradezu hinreißende und unwiderstehliche Macht, wenn sie Gelegenheit hatten, den Vortrag derselben aus dem kunstvollen Munde eines Lichtenstein oder Sulzer 2c. zu hören. Zur Etymologie des Wortes ,Polnische, insofern es auf unseren Gesang Bezug hat, möchte ich erklärend und dem Schimpflichen desselben ein für allemal die Spitze abbrechend, noch hinzufügen, dass wir dieses keineswegs berechtigte Epitheton den deutschen Juden allein zu verdanken haben. Der deutsche Jude ist es nämlich gewöhnt — und wenn er selbst in Sprache und Gebahrcn noch so polnisch ist — Alles, was ihm als undeutsch, respective ungebildet erscheint, oder was ihm, besonders an Fremden missällt, mit ,Polnische zu bezeichnen. Da die älteren Chasanim, besonders in Deutschland, in ihrem Vortrage ein wahres polnisches Wesen entwickelten und, wo das mangelhaste Organ den Anforderungen des hauptsächlich jüdischen Gesäuges nicht recht entsprechen konnte, das Fehlende mit convulsivischcn Körpererjchütterungen zu ersetzen glaubten, so war man damals der Ansicht, dass der betreffende Gesang selbst es erfordere, auf solche Art zu singen, und dass dieses einen herzzerreißenden Anblick gewährende Geberden und Arbeiten mit Händen und Füßen dem Gesänge anhafte. Man glaubte daher: der Chasan singt nun ״Polnisch". Das soll aber nur so viel heißen: er (der Chasan) hat damit den polnischen Juden, und zwar nicht einmal einen der besseren Sorte, in seiner lebhaften und schnellen Ansdrucksweise nachgeahmt und ihn carrikirt; nicht aber, dass das etwa polnischer, recte jüdischer Gesang sein sollte. Nein, nichts weniger als das! So glaubt auch der deutsche Jude, was für ein seltener und verdienstvoller Curiositäten-Liebhaber er ist, wenn er sich von einem polnischen Durchreisenden das ״Un’ssanne tokeph“ auf ״Polnisch" Vorsingen lässt und sich davon sehr gerührt stellt, er ahnt es aber nicht und würde es nicht einmal glauben, wenn man es ihm auch sagen würde, dass die vorgebliche Rührung, wenn sie überhaupt eine wahre und vom Herzen kommende ist, nicht von seinem besonderen Verständnis für die F r e m d׳ artigkeit und das Seltsame dieses Gesanges herrührt, sondern gerade im Gegentheil daher kommt, weil er sich mit diesen ״Heimatsklängen" unbewusst verwandt fühlt, und weil eben die Gefangswerse seines Volkes allein diese Macht über ihn auszuüben vermag. Das Volksthümliche unseres Gesanges können wir am besten und sichersten an Gebetstellen, wie ״Jischtaback“, ״Ahawo rabbo“ und dergleichen beobachten, wo der sogenannte ״La!- bab08" für die Gemekndeabgaben, die er leistet, sich das Vorrecht herausnimmt, so gut wie Der und Jener seine ״holde Stimme" erschallen zu lassen; da hören wir ganz deutlich, dass im fernsten Deutschland wie im tiefsten Polen auf eine und dieselbe Weise, mit demselben Tone, derselben Melodie und Gesangsweise geschrieen und dem Chasan nachgeahmt wird, vielleicht nur mit dem Unterschied, dass in Deutschland diese C h a s a u c a r r icatur nicht so schön und treffend ansfällt als in Polen. Wo bleibt nun das ,,Polnische" in diesem Gesänge? Es mag aber vielleicht sein, dass man unseren Volkssy n a g o g en g e sa n g deshalb ״Polnisch" nennt, weil er in Polen und Rußland mit mehr Kenntnis und mehr Geschick und mehr natürlicher Begabung gepflegt und sortgepflanzt wird; wenn das der Fall sein sollte, so bin ich sofort bereit, diese Benennung unseres Gesanges für alle Ewigkeiten zu acceptiren. Was nun dazu gehört, einen bisher theoretisch, wenig oder gar nicht cultivirteu Gesang, wie der unserige, musikalischwissenschaftlich zu bearbeiten und ihn einigermaßen lehrfähig zu gestalten, lässt sich natürlicherweise auf einmal und im ersten Ansätze hierzu schwer angebeu und festftellen: die geeigneten Mittel und Wege zu einem solchen Lehrgänge ergeben sich gewöhnlich erst im Lause der Arbeit selbst und stellen sich in der Länge der Praxis, in welche man sich erst hineinleben muss, naturgemäß heraus. Jedoch für die erste Zeit und im Anbeginne unserer vorläufig ungewohnten Arbeit muss das Hauptaugenmerk hauptsächlich darauf gerichtet sein, unsere Ton- und Gesangsgattnngen durch endgiltige und keinen Zweifel erweckende Feststellung ihrer Tonfolgen und der innerhalb derselben liegenden I nt e r v al l e n-V e r h ä l tu iße in das unermessliche, jede Toncombination zulassende Tonreich einzusühren und sie alsleibliche Kinder und rechtmäßige Abkommen desselben anerkennen zu lassen. So müssen wir zu allererst dafür Sorge, tragen, die charakteristisch l e i t e r e i g e n e n Töne einer jeder Tongattung — nämlich solche, die die Tonart besonders kennzeichnen und sie sowohl von den Normalwie von den Kirchentonarten verschieden gestalten — genau zu bestimmen, wodurch auch die Tran sp o sit 1 o nskeu n t nis für diese Tongattung von selbst sich ergeben wird. Da ferner unsere Tonsysteme — im Gegensatz zu den kirchlichen — zu ihrer Ausführung anch den Gebrauch der Obertasten unumgänglich nothwcndig machen, so müsste auch die chromatische Vorzeichnung für jedes derselben nnabänderlich festgesetzt werden; vielleicht ließen sich auch dadurch musikalischere, auf diese Vorzeichnungen begründete Benennungen für dieselbe herausfinden. Ferner wäre es von Nutzen, wenn wir die gebräuchlichsten und anwendbarsten Satz- oder Z ei! e n s ch l ü s s e und die biegsamsten und Nächstliegenden M od u l a ti o n s m i tt e l einer jeden Tonart — vorläufig wenigstens in melodischer Beziehung — ausfindig machen würden. Nach allen solchen und ähnlichen, vorbereitenden Arbeiten werden wir den Weg vor uns geebnet und gebahnt finden, wenn wir einmal endlich daran gehen sollten, anch feste Grundsätze und wohlbegrnndete Lehrregeln für die künftige H a r m o n isirung unserer Tongattungcn aufzustellen, und somit eine Theorie unseres Gesangswesens — gestützt auf die Erfahrungen, die wir bereits in der allgemeknen Musiklehre besitzen, und jene,