Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 20 (19.6.1886)
- Date
- 1886-06-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453044-3453064--1774-3455951- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zweifel über die Nichtigkeit desselben aufkommeu lässt, da nur ein flüchtiger Blick auf die ambrosianischen und gregorianischen (authentischen wie plagialischen) Kirchentonarten uns zeig׳, dass, während unsere Mögen Owaus- und Adonoj M010ch־<Stetger aus ihren Tonverhältnißen entsprungen, der JisclitadacESteiger in keine von ihnen hineinpasst. Das einzige Bedenken, welches sich mir bei diesem Tonsystem aufdrängt, ist der Umstand, dass dieses (C— Des E—F Gr—As B C) den Charakter der diatonischen Molltonleiter für Harmonie annimmt, sobald man mit der Quarte aufwärts zu gehen beginnt. Es gebricht mir augenblicklich an Zeit, etwas näher auf diesen Gegenstand einzugehen (vielleicht thue ich's etwas später), würde es aber sehr gern sehen, wenn Sie, verehrter Freund, auch dies Bedenken verscheuchen wollten. Und nun noch einige Vergleiche Ihrer aufgestellten Systeme der 3 Steiger mit dem Inhalte der vorhandenen Werke: der ״Jischtabaeh - Steiger" entspricht den Aufzeichnungen von Sulzer, Deutsch, Weintraub und Baer (in der zu Nr. 493 im ״BaalTfillah" gehörenden Anmerkung, welche die in Rede stehende Weise (üs anstatt f zu singen) angibt, soll es nach dem Worte anstatt ״f": und ״es" anstatt ״e" gesungen heißen). Lewandowski, Naumburg und Rubin (auch im ״Baal Tfillali" als 1. Weise) haben tür Jischtabach allein ganz den )Mögen O waus-Steiger, während von ״Kodosch" (vor ״Whoofannim") an wiederum Alle übereinstimmen.*) Bei Allen aber sind kleine Abweichungen von Ihrem festgesetzten System vorhanden. Der ״Nogen Orvaus-Steiger" **) (warum nicht lieber ״'M'aj'cliullu-Steiger") stimmt mit den Aufzeichnungen der obengenannten Verfasser bis aus nur einige Abweichungen von Ihrem Systeme überein. Diese bestehen darin, dass -zuweilen die 7. Stufe erhöht (statt ״b“:h) ist, wodurch diese Tonart den Charakter der diatonischen Molltonleiter für Harmonie erhält. Naumburg erhöht sogar die 6. und 7. Stufe beim Aufsteigen, wodurch die diatonische Molltonlciter für Melodie hervortritt. Weintraub hat noch andere, recht eigenthümliche Abweichungen. Der ״Adonoj Moloch"- und ״Umaawir Jom :c. -Steiger" entspricht ebenfalls den Aufzeichnungen der genannten Verfasser; nur dass ebenso hie und da die 7. Stufe erhöht (statt ״b“:b) ist, wodurch diese Tonart der diatonischen Dur-Tonleiter ähnlich wird. Deutsch und ich ließen auch zuweilen die 3. Stufe erniedrigt erscheinen, wodurch wiederum die Scala des gregorianischen (authentischen) Systems (d—d) hervortritt. Doch alle diese Abweichungen, sowie solche, welche noch bei genauerer Untersuchung sich vorfinden dürften, haben ihre Berechtigung und dürfen deshalb auch glicht als ,Verunglimpfungen' des Styles betrachtet werden. Ihr nun sestgestelltes System der 3 Steiger aber können sie durchaus und in keiner Weise beinträchtigen. Jedenfalls, mein hochverehrter Freund, haben Sie durch die Herausgabe Ihrer Broschüre sich im höchsten Grade verdient gemacht, und Alle, die Sinn und Herz für unsere Traditionen besitzen, werden Ihnen ihre Anerkennung und ihren herzlichsten Dank für Ihre so mühevolle Arbeit, welche uns wieder ein höchst dunkles Gebiet erhellt, sicherlich mit Vergnügen darbringen. Was mich besonders betrifft, so brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu versichern, mit welch' freudigen Gefühlen ich Ihre so herrliche Arbeit gelesen! Wissen Sie es doch zur Genüge, mit *) Es wäre daher richtiger, diese Weise anstatt ״Jisclxtabach*® teiger“ , ״Kodosdh״״ ober ״Or chodosch-@teiger“ zn nennen. **) In diesem Steiger werden theilweise auch die Gebetstücke איז כערכך bis את שם vorgetragen, oder wenigstens treten hier und dort Anklänge dieses Steigers in ihnen auf. welchem lebhaften Interests ich Jbrem Streben von jeher gefolgt und voller Freude folge. Möge es Ihnen, theuerer Freund, vergönnt sein, alle ibre Wünsche in dieser Beziehung erfüllt zn sehen und die Früchte ihrer Mühewaltung mit freudigem Gefühle der Genugrhuung zu genießen, dann wird sich sicherlich Keiner so sehr freuen, als ihr Sie herzlich grüßender und Ihnen treu ergebener , A. B a e r. GoLhenburg (in Schweden), den 12. Mai 1886. V. Im Besitze des Merkchens ״die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges" muß ich der Freude Ausdruck verleihen darüber, dais^es einem Amtsbruder gelungen ist, mit einem Schlage Wahrheiten an den Tag zu bringen, die so lange unter der Deckender Nichtbeachtung geschlummert. Dem Entdecker der 3 traditionellen jüdischen Tonarten, die nun unangefochten als unser Eigenthum der Musikgeschichte einverleibt werden, gebührt der volle Dank aller ernsten Musiker, insbesondere aller jüdischen Cantoren, die nunmehr mit größerem Selbstbewusstsein unser ehrwürdiges Chasonus vor Unbill schützen werden. Nicht umsonst hat der geschätzte Verfasser bereits von bedeutenden Musikern und Collegen anerkennende Zuschriften erhalten. Es wird ja wohl auch Kritiker geben, die da sagen: Was Obercantor Singer als so große Neuigkeit bekannt macht, habe ich längst vergessen; oder: Wenn ich mir Mühe gegeben und über- Haupt eine solche hervorragende, allen Quellen zugängliche Stellung einuehmen würde, wäre cs mir ein Leichtes gewesen, Derartiges zu schaffen.*) Das ist das bekannte Ei des Columbus. Nein, uneingeschränkt sei das Lob und laut werde es verkündet, dass vorliegende Arbeit geglückt ist. Der bis zu seinem allzufrühen Ende dahier wirkende Componist.Joachim Raff hat mir seinerzeit eingeräumt, dass den Eeginotb viel Melodie innewohne und der alten jüdischen Liturgie ein System zu Grunde liegen müsse, das er genau festzustellen wünschte. Habe ich die große Bedeutung anerkannt, die dieses Werkchen und die darin niedergelegte und durch Beispiele erhärtete Wissenschaft für uns hat, stehe ich nicht au, an meine Collegen zu appellieren, die so gewonnenen Tonarten möglichst zn verwerthen, was im Solo-Vortrag, respectivs Necitativ, leicht zu ermöglichen ist. Ob es aber wüuschenswerth wäre, sür mehrstimmige Compositionen solche Tonarten zu verwenden; ob der einmal maßgebende Geschmack insofern umgestoßen werden kann, als man an Stelle der bisherigen Chorgesänge solche mit alt-neuen Tonarten und sich daraus ergebenden Modulationen setzen dürfte —- das erlaube ich mir sehr zu bezweifeln. Wenn ein solch neuer Musikstyl überhaupt möglich wäre, so bedürfte cs der tüchtigsten Kräfte, die sich diesem Berufe mit ganzer Hingabe und großem Geschick widmen. Am Schlüße der interessanten Schrift verheißt der glückliche Verfasser ,eine stylgerechte Harmonisirung der Melodien' anzuftreben, und dann feine Thätigkeit als würdiger Nachfolger des allverehrten Sulzer als abgeschlossen zu betrachten. Ist Ersteres zu wünschen, so füge ich dem Letztcrn noch hinzu: Lieber Amtsbruder, Du bist noch viel zu jung und hast im Verhältnis zu Deinem Wissen und Können noch lange nicht genug geleistet. Du bist einer der Berufenen, regenerircnd einzugreifen — Dein Ziel muß weiter ge. steckt werden. Frankfurt a. M., den 1. Juni 1886. S. Popper, Cantor der Hauptsynagoze. *) Ist fa in einer der letzten Nummern dieses Blattes in der Fortsetzung von Minnachel eine sehr gründliche und achtnngswerthe Bearbeitung desselben Gegenstandes enthalten.