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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-06-19 · Heft 20 (19.6.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 20 (19.6.1886)
Date
1886-06-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 jede herzliche Vertraulichkeit mit den Heiden unmöglich zu machen — bekannt unter dem Namen, י״ח דברים, achtzehn Bestimmungen — fällte Nabbi Josua beu Chananya ein lehr tadelndes Urtheil, er sprach sich darüber aus : ״An jenem Tage hat die Schule Scbamais das Maß der Lehre abgestrichen. Wie wenn man Wasser in ein Gefäß voll Oel gießt; je mehr Wasser hincinkommt, desto mehr Oel stießt ab." Mas eben sagen will, je mehr Erschwerungen eingeführt werden, desto mehr Wesentliches geht von der Lehre verloren (Je1־uschalmi, Sabbat 1, 6). So erzählt auch der Talmud (B. Basra 60j: Nach Zerstörung des zweiten Tempels gab es viele Pharisäer, welche sich den Genuss deS Fleisches und des Weines versagten. R. Josua stellte sie darüber zur Nede, woraus sie anworteten: ״Früher aßen wir Fleisch, das man ans dem Altäre geopfert, tranken wir Wein, den man am Altäre ausgegossen, jetzt aber ist der Altar zerstört, wie sollten wir uns diesen Genuss erlauben?" Darauf sprach der weise Nabbi : ,,So sollt ihr auch kein Brot essen, weil die Speiseopfer aufgehört, keine Frucht genießen, weil Biknrim nicht mehr stattsinden, ja sogar kein Master trinken, weil auch dieses auf dem Altar ausgegosscn wurde. Trauern ist ja recht, aber nicht derart, wobei das Leben gefährdet wird, שאי{ גוזרי[ גזרה על הצבור אלא אם רוב צבור יבולי[. Man darf keine Erschwerungen auf legen, durch welche die Gesamnuheit nicht bestehen kann." Dieser Ausspruch deS Nabbi ist gewiss anerkennenswerth. tolerant und zugleich ans religiösen Motiven entsprungen, aber er darf nicht misdeutet werden. Das heutige Judenthum huldiget gewiss diesem Grundsatz, macht aber zu weiten Gebrauch davon. Man setzt sich über viele Observanzen hinaus, man reißt alle Zäune nieder mit der Entschuldigung, wir können sonst nicht bestehen. Doch kehren wir nach dieser Abschweisnng zu unserem Thema zurück. Alle gottesdienstlichen Formen wirken auf eine zweifache Weise: entweder von außen nach i n u e n, indem sie die Sinne in Anspruch nehmen, um die Lehre, der dieser Cultus zur Unterstützung dienen soll, in die Gemüther einzuführen und einzugraben, oder von i 1t 11 e u nach auße 11, indem sie einem natürlichen Gefühle des Menschen eine Nahrung reichen. Die Opfer der Bürger, ihre Gebete und alle ihre Huldigungen waren nur der Ausdruck ihrer inneren Gefühle und besänftigten ihre Furcht oder schmeichelten ihren Hoffnungen. Es ergeben sich hieraus mehrere Wahrheiten. Es kann ein gut eingerichteter Cultus eine schlechte Lehre und ein schlecht berechneter Cultus eine gute Lehre begleiten, \ je nachdem die Formen dieses Cultus mit größerem oder geringerem Erfolge das Gemüth zu den Grundsätzen hiuleitet, welche er festzustellen bezweckt. Es müsten die gottesdienstlichen Formen selbst, indem sie den Gedanken erwecken und die Gefühle befriedigen sollen, zahllosen Umänderungen, nach Ort, Zeit, Denkweise und Gefühlsbeftimmung der Menschen, unterworfen sein. Was wäre aus dem Judenthum geworden, wenn nach der Zerstörung des Tempels, wo der Opsercultus ausgehört hatte, nicht der Grundsatz ausgesprochen worden wäre: ]תפילה במקום קרב; das Gebet vertritt die Stelle der Opfer? Nabbi Jochanan ben Sakai, so erzählt der Talmud, besuchte mit seinen Schülern die Tcmpelruine zu Jerusalem. Da brachen seine Schüler in Thränsn aus: ״Wie werden unsere Sünden jetzt gesühnt werden, da der Altar zerstört ist?"Der Nabbi beschwichtigte sie: יש לגו בפרה אהת שאי[ במותו, wir besitzen eine Versöhnungsstätte, die ihresgleichen sucht, והו גמילות הברים, diese besteht in der Ausübung der Liebeswcrke (Ab. d. N. Natan -4). Die Zerstörung des Tempels und die Auflösung des jüdischen Staates haben Veränderungen hervorgerufcn von der tiefsten und weitgehendsten Bedeutung; da traf N. Jochanan neue Einrichtungen, schaffte Gesetze ab, die bedeutungslos für seine Zeit geworden und änderte ohne Scheu die balachischen Bestimmungen nach derselben. Man kennt im Ganzen neun solche Einrichtungen, Gesetzesinstitutionen (8. Rosch haschana 31 u. a. St.). Eine Religion, die nicht bildungsfähig ist, kann auf ewige Dauer keinen Anspruch machen. Es wird der Cultus endlich um io einfacher und um so mehr von eigentlichen Formen befreit werden, je entwickelter die menschliche Vernunft, je mehr das menschliche Herz von allen, zu seinem eigenen Wohlsein unerlässlichen Grundsätzen durchdrangen sein wird. Denn die künstlichen Ncizmittcl für den Verstand und die künstliche Nahrung für das Gemüth werden weniger erforderlich sein, bis das Propbetenwort in Erfüllung gehen wird: ׳בי מלאה הארץ דעה את" יי כמים לים מכסים alle Bewohner der Erde werden erfüllt von der reinen Gotteserkenntnis sein, wie das Wasser das Meer anstülli (Jos. 11, 9.). Der Götzendienst, der Einzelnwesen ohne Bedeutung, oder besonderen Naturkräften eine allgemeinen Herrschaft und einer bestimmten Classs von Menschen, auf Kosten des Volkes und des Gesetzes, die ganze politische Macht verlieh, der zu gleicher Zeit nicht nur unsinnige, sondern selbst verderbliche gottesdienstliche Formen einsetzte, dieser Götzendienst war für Moses einer feiner gefährlichsten Widersacher. Er riss durch einen unbesiegbaren Hang die Hebräer wie alle andern Völker der Zeit mit sich fort. Die Idee eines unendlichen, ewigen, einigen Wesens, dessen Auge, um mich eines üblichen Bildes zu bedienen, stets offen war für die geringfügigsten Handlungen des Lebens, sagte ihnen weniger zu, als die Gegenwart eines tastbaren Gottes, eines Götz.nbildes, das sie wie ein Spielwerk in ihrem Bündel mit sich!ragen, an das sie vertraut ihre Gebete richten konnten, und das ihren Verstand für den Preis einiger leicht geschehener Huldigungen seiner natürlichen Trägheit überließ, bis die Stunde eines neuen Opfers kam. Daher bestand der Götzendienst für den Gesetzgeber nicht blos in einem religiösen Jrrthnm, er war ihm eine wahrhafte Umwälzung der öffentlichen Ordnung, ein Princip der Knecht, schaft, ein Verbrechen der beleidigten Nation, und er verfolgte ihn mit aller Wärme der rechtmäßigen Vertheidigung, mit aller Kraft, welche die Nähe der Gefahr und die Nothwendigkeit, tiefe Eindrücke zu machen, in ihm erweckte. Die benachbarten Götzenbilder, der Moloch und Kemosch der Amoniter und Moabiter; der Belzebub der Philister, der Belpoer der midianitischen Völkerschäften; die Astaroth und Thammus der Sidonier, oder Venus \ und Adonis und eine Menge anderer Gottheiten, die hauptsächlich die physische Schöpfung darstellsn sollten, wurden abwechselnd der Gegenstand der Anbetung für die Hebräer, und so entspann sich ein verwickelter Kampf zwischen dem Geiste der Zeit und den mosaischen Institutionen, der die fortwährenden Mittelzustände und die befremdenden Thatsachen, welche die jüdische Geschichte erfüllen, erzeugte. W.r (Fortsetzung folgt.) Stimmen über dm tmditisnelleil Synagogengesang. IV. Hochgeehrter Freund und College! Empfangen Sie vor Allem meinen herzlichsten Dank für Ihre so liebenswürdigen Zeilen, sowie für die freundliche Zusendung Ihrer vortrefflichen Broschüre ,die Tonarten der traditionellen Synagogengesänge'. Ich muss gestehen, dass ich selten ein Schriftchkn gesehen, welches in so knappem Umfange so viel Gediegenes darbietet, als das Ihrige. Dabei ist der Gegenstand so klar, deutlich und überzeugend dargestellt, dass es gar keinen

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