Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 20 (19.6.1886)
- Date
- 1886-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3453044-3453064--1772-3455949- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Stande ist, das leistete Lewandowski in des Wortes edelster Bedeutung; er wurde eine Zierde der Anstalt, und wo eine künstlerische Ausgabe zu lösen, also die Ehre der Akademie boch zu halten war, da erblicken wir ihn in den vorderen Reihen der Kämpfer und zumeist mir der Siegespalme gekrönt. Gelegentlich einer den Akademikern gegebenen Preisaufgabe, bei welcher eine große Cantate für Chor, Soli und Orchester zu componiren war, galt als Preis für die best anerkannte Arbeit die Aufführung derselben durch die Singakademie unter persönlicher Leitung des Preisgekrönten. Lewandowski betheiligte sich an dem Ehrcnkampfl und überreichte alsbald den eingesetzten Richtern sein Werk, welches auch von diesen als das beste einstimmig anerkannt und vom Componisten-Jünglinz dirizirt, in Gegenwart eines auserlesen musikalischen, geladenen Publikums, sämmtlicher Lehr- und Mitschüler 2c. mit reichem Beifall aufgeführt wurde; auch bei einer zweiren Preisaufgabe, bei welcher eine Symphonie zu liefern war, trug Lewandowski unter gleichen Bedingungen wie oben den Ehrenpreis davon. So nahm die künstlerische Entwicklung Lewandowski'» einen ungeahnt glücklichen Verlauf; alle Bedingungen, die zur Heranbildung eines Musikheroen ersten Ranges nöthig erschienen, vereinigten sich zu einer gediegenen, herrlichen Gesammtheit: reiche Phantasie mit ruhiger Besonnenheit; gediegenes Wissen mit rastloser Thätigkeit; persönliches Selbstgenügen und der Umgang mit Meistern seiner Kunst 2c., all' dies harmonisch gepaart, ließ ichon für die nächste Zukunft das Bedeutsamste aus der Bestrebsamkeit Lewaudowski's erwarten. Da nahte dem arglosen Jünglinge zum zweiten Male ein böses Verhängnis und — warf ihn unbarmherzig auf das Siechbett. Was ein derart gewaltsames Unterbrechen einer nach den höchsten künstlerischen Zielen gerichteten Bestrebsamkeit Unheilvolles im Gefolge hat, das trat leider bei Lewandowski ein. Die Aerzte geboten dem Kranken absolute Ruhe, und sein Inneres verzehrte ein Feuerbrand von Schaffenslust; dennoch ward er zur Unthätigkcit verdammt und mußte es ruhig mit anseheu, dass Schulgc-uosseu, die nach jeder Richtung unter ihm standen, vorwärts kamen und jene Bedeutungßstufe errangen, nach welcher sein rastloser Künstlerzeist jahrelang und nun vergebens gestrebt. War es die allzugroße, wenn auch freiwillige, geistige Ueberbürduug, deren Lasten der rasch emporgefchofsene Jüngling für die Dauer nicht zu tragen vermochte, oder waren es andere im Organismus sich entwickelnde Krankheitsursachen — der Jungling ward zu einer 4jährigen Unthätigkeit verdammt, und dies gerade zu jener Zeit, da der langjährige, treu gepstegte Ausbau seiner künstlerischen Individualität fertig gestellt, da er als praktischer, ausübender Musiker ins Leben treten sollte. Das war die bedeutungs- und verhängnisvolle Scheidewand, die sich plötzlich vor dem vorwärtseilendeu Jüngling aufthat, seinen rastlosen Künstlerschritt bannte und ihm den Ausblick in das gelobte Land seiner geträumten Ideale nicht gestattete. Allein auch hier zeigt sich abermals die starke Hand der Vorsehung, die stets die treue Beschützerin Lewaudowski's blieb. Aus dem tiefen, undurchdringlichen Dunkel seiner augenblicklich trostlosen Verhältniße erstand plötzlich eine Feuersäule, welche die Bahn beleuchtete, die der schwer Geprüfte fortan zu wandein hatte. Die Krankheit hatte Lewandowski von der breiten Heerstraße der allgemeinen Mnsikthätigkeit abgelenkt und auf einen schmalen, bis 2um nur wenig beachteten, durch Gestrüppe und Gerolle beinahe unkenntlich gemachten Nebenweg gedrängt, welchen er treu zu pflegen und von jetzt ab zu wandeln hatte, ihm demnach als fein eigentlicher Lebensweg vorgezeichnet ward : es war der damals eng umfriedete Pfad des Synagogeng esauges. Die durch Sulzer vorgezeichncte Neugestaltung des Aynagogengesanges hatte auf das nach Bessergeftaltling der allgemeinen Verhältniße ringende Judenthum, also auch auf die Berliner jüdische Gemeinde, einen mächtigen Eindruck gemacht, und diese gieng ebenfalls daran, ihre Synagogengesangsverhältniße dem damals herrschenden neuzeitlichen Geschmacks anzupassen. Aus dem Chase!:, Baß und Singerl sollte ein Cantor mit Chor geschaffen werden. Gerade an jenem Zeitpunkte angelangt, wo die physischen Kräfte Lewaudowski's wieder einigermaßen zu wachsen begannen, ward er (1840) als 19jähriger junger Mann zum synagogalgesanglichen Leiter der Berliner Gemeinde ernannt. Von hier ab beginnt die, namentlich für uns jüdische Cantoreu, bemerkenswertheste Epoche in dem Leben Lewandowski's. Der ideal angelegte junge Alaun erfasste seine neue Aufgabe mit der ganzen Tiefe seines ernsten Wesens. Die ihm anheimgegebene Thätigkeit, beziehungsweise dev Inhalt der zu lösenden Aufgabe, dünkte ihm ungemein interessant, und das gewaltsame Hindrängen auf die jüdisch-künstlerische Bahn erschien ihm nun minder verhängnisvoll, indem er zum Bewusstsein gelaugte, dass er keineswegs der Spielball eines unglückseligen Verhängnißes, sondern zum dienstbaren Werkzeuge eines höheren Willens anserkoren sei. Trotz der mehrjährigen, fremdartigen Umgebung, bei der es an Angriffen gegen seine Religion und an mannigfachen Auffordernngen zum Wechsel derselben nicht fehlte, bewahrte.Lewandowski stets und bis zum heutigen Tage noch sein ethisches Judenthum; es ist daher keineswegs zu verwundern, wenn der 19jährige Jüngling, der, wie durch ein Wunder, auf ein religiöskünstlerisches Gebier gedrängt wurde, die erlittene Unbill, die übcrstandenen Plagen mehrerer Jahre sehr rasch hinta»setzte und wieder die etwas erblassten Erinnerungen an sein frommes Elternhaus in sich wach rief. War auch die im Elternhause verlebte Jugendzeit keine andauernd glückliche, so trat doch der ganze Zauber seines trauten Elternhauses vor seine Seele und erfüllte dieselbe mit Wehmuth und Seligkeit. Das Bild seines frommen Vaters, der geliebten Mutter, Geschwister 2c., dis Sabbaths und Feiertage und all' die religiösen Zeitpunkte, welch' letztere er nun durch seine Kunst verherrlichen sollte, erfüllten neu und jngendfrisch seinen Geist und gewährten ihm hohe Befriedigung. So ganz und gar ansgesöhnt mit seinem Geschicke, arbeitsfreudig und überaus tüchtig vorbereitet, trat Lewandowski seinen ihm im Jahre 1840 von der Berliner jüdischen Gemeinde zuertheiltsn Ehrenposten eines Chordirig-nten der dortigen Synagoge an. (Fortsetzung folgt.) Fragmente. Aus dem alten jüdschen Leben im Familienkreise, im Gotteshause, im gemeinschaftlichen Verkehre. (Zweite Artikel-Serie.) Gottesdienst und Götzendienst. IX. Deswegen ist Maßhalten auch in dieser Richtung geboten, man darf das Bollwerk nicht gar zu ängstlich ausdehnen zwischen der unschuldigen Empfänglichkeit für den Genuss und ihn selbst; man darf nicht Zaun an Zaun mehren, dass man am Ende den Garten selbst nicht betreten kann. Ueber die erschwerenden Umzäunungen, welche die Schule Schamais kurz vor dem Tempeluntergange mit Ungestüm und Leidenschaftlichkeit eingeführt hatte, die größteutheils dahin gerichtet waren, den näheren Umgang und