Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 19 (11.6.1886)
- Date
- 1886-06-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 erleidet, wenn die Weiber nicht hinter einem undurchsichtigen Gitter,! in einem besonderen Synagogenkäfig eingesperrt bleiben, und wo der Teufel sofort sein Spiel hat, wenn eine weibliche Stimme sich nur vernehmen lässt. Niemals wird die Scham- Hastigkeit so schwer verletzt, als wenn sie eigens demonstrirt wird und wo mau mit ihr Ostentation treibt. Also ein Gcmeindegesang. in welchem Männer- und Frauenstimmen zur Ehre Gottes zusammenklingen, führt zur Andacht. Soll aber das Wirken des Cantors in der Schule dem Gottesdienste ersprießliche Dienste leisten, so muss der Lebrer ihm behilflich zur Seite stehen. Der Lehrer soll nicht nur beim Gesangunterrichte anwesend sein, damit eine gehörige Disciplin walte, weil doch die Schuljugend dem Lehrer mehr Gehorsam leistet und vor ihm mehr Nespect bekundet, sondern er soll selber am Unterrichte theilnehmen, damit er im Gotteshause den Jugend- Chor dirigire und über die Ordnung wache. Wenn die Schulfügend gewöhnt wird, im Gotteshause nlitzusingen nach den Regeln des Gesanges und sich zu betragen nach den Gesetzen des Anstandes, dann wird, aus dieser kleinen, verständigen, weihevollen Gemeinde eine große, eine andachtsvolle, der Gesang in der Synagoge wird ein מורשה קהלת יעקב und an dem Gemeindegesange werden sich bewähren die Worte des Psalmisten: במהקלוח ברכו אלהים. Siklos, 24. Mai 1886.׳ Aron Roth Bezirks-Rabbiner. Stimmen über den traditionellen Synagogengesang. Nachfolgend veröffentlichen wir eine Reihe von Enunciationen über die Broschüre ,die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges re.' die dem Verfasser, Herrn Obercantor I. Singer, zugekommen sind und mancher wichtige Moment zur Klärung jetzt an der Tagesordnung stehenden Frage beitragen dürften. I. Sehr geehrter Herr Obercantor! Mit aufrichtiger, großer Freude begrüße ich Ihre höchst werthvolle Arbeit, ,die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges*. Meinem Gefühle, meiner musikalischen Empfindung nach sind Sie mit Ihren Bemühungen, den Synagogengesang nach strengen Prineipien einheitlich zu gestalten, auf dem allein richtigen Wege. Alles das, was mir aus frühester Jugendzeit an alten liturgischen Melodien erinnerlich ist, lässt sich mit Leichtigkeit — gerinsügige Varianten abgerechnet — in die von Ihnen ausgestellten drei Steigerscalen einreihen. Ob die erwähnten Varianten das Werk der Willkür früherer Cantoren sind, ob dieselben sich im Laufe der Jahrhunderte durch Ungenauigkeit der mündlichen Ueberlieferung eingeschlichen haben, wage ich nicht zu entscheiden, keinesfalls aber waren diese Varianten so wesentlich, dass das Gepräge des Synazogengesanges verwischt, beeinträchtigt, oder der Charakter der Liturgie verändert wurde. Sowie durch die Nabbinen seit langen Zeiten ein gemeinschaftliches Gebetbuch für ganz Israel gegeben war, so war auch der Ritualgesang derselbe in den israelitischen Gemeinden. Der aus weiter Ferne gekommene, in fremdem Lande weilende Jude konnte sich allerorten im Bethause seines heimatlichen Gebetbuches mit Sicherheit bedienen und zu den ihm wohlbekannten Weisen in den Nesponsorien singend miteinstimmen. Aber wie hat sich das seit Anfang dieses Jahrhunderts geändert? Benachbarte Gemeinden haben theilweise modifieirten Cultus: je nach der Anschauung der Vorstände oder Prediger variiren Gebetbücher und Gesänge. In der Sucht zu reformiren, begannen zuerst einzelne Cantoren eines oder das andere unserer altheiligen Gebete nach modernen Melodien abzusingen. Statt der ergreifenden, eigenartigen Sangesweiss wurde die Gemeinde an hohen Festen durch den Vortrag fremdartiger und befremdender Gesänge überrascht. Die überlieferten Psalmodieu wurden durch freie Phantasien des Vorbeters verdrängt. Neuerscheinende, mit deutschen Liedern und Gebetstücken ausgestattete Sidurim und Machsorim waren die willkommene Veranlassung, weitergchende.l Colupositionsgelüsten der Cantoren Thür und Thor zu öffnen. Ueber den musikalischen Werth oder Uuwerth verschiedener solcher mir bekannt gewordener Compositiouen will ich mich nicht äußern,׳ nur das war mir ärgerlich, dass die meisten dieser Tonstücke dem Charakter des altjüdischen Gottesdienstes nicht entsprachen. Die Einführung der Orgel in die Synagoge hob den Contraft zwischen abendländischer, geistlicher Musik und jüdischer Liturgie noch greller hervor, und so ist's gekommen, dass gegenwärtig der Gottesdienst in manchen israelitischen Gemeinden ein höchst unerquickliches, wunderliches Gemisch von Schofar und Orgel, von theilweise beibehaltenem alten Chasonus und modern christlicher Kirchenmusik, von uralten hebräischen Gebeten und nsueingefügten, in verschiedenen Büchern sehr verschiedenartigen, deutschen Liedern und Gebetstücken geworden ist. Ob Sie mit Ihren Bemühungen den praktischen Zweck einer allgemeinen Reorganisation des Synagogengesanges erreichen können, muss die Zeit lehren; ich will es herzlichst wünschen. Jedenfalls aber werden Sie sich ein ausgezeichnetes Verdienst erwerben, wenn Sie auf dem von Ihnen betretenen Pfade mit der gleichen Gründlichkeit und Sorgfalt weitergehen. Durch Sie kann und muss es gelingen, die altjüdischen Melodien von dem Untergange zu sichern. Sie werden! am besten diese ältesten Blüthen religiöser Tonkunst endgiltig richtig fixiren. Sollten Ihre Arbeiten in ihrem vollen Umfange auch nicht gleich der Synagoge zugute kommen, so werden Sie doch einen eminent schätzbaren Beitrag zur Geschichte der Musik liefern. Leipzig, im April 1886. F. Jad a s so h n.*) II. Euer Wohl geboren! Der Freundschaft des Herrn Musikdirectors Jadassohn — der aus besonders günstiger Voreingenommenheit meine Bedeutung sowohl als meinen Einfluss so ganz außerordenttich überschätzt — verdanke ich die Kenntnis Ihres gediegenen Vor- Habens, durch welches Sie sich ein großes Verdienst um das Judenthum erwerben, und zu welchem Sie mit innigem hoch» achtungsvollem Gruß zu beglückwünschen sich beehrt. Prag, am 30. April 1886. M. Hirsch, Oberrabbiner der Prager israel. Cultusgemeinde. III. Lieber Freund! Besten Dank für das schöne Zeichen freundlicher Erinnedas Sie mir mit Ihrem Werke gegeben haben! Leider rnng, verstehe ich nicht viel davon und hätte doch so gern Alles verstanden. Nichtsdestoweniger habe ich den für mich lesbaren Theil mit großem Interesse und wahrer Freude gelesen. Von allen *) F. Jadassohn in Leipzig, einer der bedeutendsten Componipen der Gegenwart, Professor am Conservatorimn für Harmonielehre, Contrapnnkt, Composition und Pianoforte.