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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-06-11 · Heft 19 (11.6.1886) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 19 (11.6.1886)
Date
1886-06-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— L — Sind nun schon diese nur kurz angedeuteten Themata allein ganz dazu geeignet, nicht ein, sondern mehrere Fachblätter Zahre lang zn erhalten, sie vollständig zu beschäftigen und ihren Inhalt den Fachleuten höchst interessant und anziehend zu machen, so wäre noch der überaus anregende, aber noch nicht zur rechten Neife gekommene Gegenstand des früher dargestellten jüdischen Tonsystems in der synagogalen Necitativsweise, oder dem sogenannten »Steger', noch besonders dafür geschahen, den Wirkungskreis unserer Fachorgane um ein Bedeutendes zu vergrößern und zu vermehren und die Tbätigkeit derselben nur dem Dienste der Fachwissenschaft und dem Cantorthume zu widmen. Da wären die ,Musikzeitnngen' innerhalb unserer Fachzeitschriften six und fertig, und wir würden dann mit einem Male und unversehens mitten auf rein musikalischem Gebiete stehen. Vor Allem hätten wir vollauf damit zu thun, um unseren bisher so verschrieenen, verspotteten und als .Singsang" verrufenen Synagogengesang in die geheiligten Hallen der allgemeinen Musikwissenschaft überhaupt einzuführen und in die Gesellschaft der verschiedenen und eigengcartcten Volksgesangsarten aller andern Nationen, die jede für sich einen besondcrn Zweig des musikalischen Begriffes bilden, einzureihen. Wie ist es denn überhaupt bis erst vor Kurzem mit der jüdischen Religion und der ganzen jüdischen Wissenschaft zugegangen? So lange sie in Folge der Unbekanntheit und der Unzugänglichkeit der hebräischen Sprache von der übrigen gebildeten Welt abgeschlossen und vom allgemeinen Weltverkehr ausgeschlossen waren, da sind sie dem immerwährenden Spott und Gelächter aller Rationen ancgesetzt gewesen und man hat — natürlich nur ans Unwissenheit — Wunder geglaubt, welche Geheimlchrcn und gräulichen Aberglauben sie in sich bergen, und welche intolerante inhumane Gesetze gegen Andersgläubige dieselben im Stillen erlauben. Seitdem aber unser Schriftthum auch in der Litteratur anderer Völker Eingang gefunden, und die ethischen Grundsätze unserer Religion sowohl, wie die Grundlichkeit und Tiefe unserer Wisienschaft, die den Denkern und Philosophen aller Zeiten und Länder nur zur Fundgrube diente, Lurch Uebertragungen in die Landessprachen auch den Gelehrten und Gebildeten anderer Nationen bekannt wurden; da ist das Lächeln von allen Gesichtern auf einmal verschwunden und der Spott hat der Anerkennung und Bewunderung Raum machen müssen. Und nicht anders wird es mit unserem Gesänge oder unserer Musikart — man ist's gewöhnt, die beiden Begriffe zu verwechseln und eines für's andere zu nehmen — gehen. So lange unsere Volksmusik Jedem, dem Musiker wie dem Laien, dem Juden wie dem Nichtjuden, noch unbekannt und, den eingeweihten Fachmann ausgenommen, für Alle sonst eine ״terra ineognita" ist, wird sie noch immer bei Jud und Christ den liefe Verachtung und beschämende Geringschätzung ausdrückendeu Beinamen ,polnische oder .jüdischer Singsangs führen; sobald sie aber aus ihrer bisherigen Abgeschlossenheit heraustreten wird, um sich in der großen Welt blicken zu lassen und die Bekanntschaft gebildeter und musikalischer Leute zu machen, dann wird sie zwar — nach antisemitischen Begriffen — noch immer die Fremde, die Semitin heißen, aber die schöne Fremde, die liebliche, Achtung und Werthschätzung verdienende Orientalin, wird unbedingt beigefügt werden müssen. (Fortsetzung folgt.) Das Zusammenwirken -es Cantors und kes Lehrers MrHebung des Gottesdienstes. Die in diesen Blättern von Minnachel ausgesprochene Ansicht, dass die Gemeinde in reger Aktivität den Cantor durch Gemeindegesang unterstütze, ist eine empfehtensmerthe, weil nur dann der Gottesdienst ein erhebender, zur Andacht stimmender werden kann, wenn er nicht in seiner Harmonie, in seiner Einheit und Einklang gestört wird; nur ein geregelter Gemeindegesang beflügelt die Seelen und entflammt den Geist der ganzen Gemeinde, ohne ihn nützen alle Experimente und alle Präservativmitte! zur Erhebung des Gottesdienstes, welche sind: Chor, Orgel und Predigt, nichts. — Herr Dr. Jellinek sagt folgende treffende Worte: ״Woher aber kam es, dass der Choralgesang einen solchen Kampf bervorrief und so heftigen Widerstand weckte? Klangen etwa die älteren Weisen und Melodien der Synagoge lieblicher, angenehmer und. schöner? Unmöglich, da ihnen die Hanptbedingung alles Schönen fehlte: Maß, Verhältnis und Einheit! Allein nicht der Choralgesang stieß auf solchen hartnäckigeu Widerstand, sondern das durch denselben bedingte Schweigen der Gemeinde, die, allerdings gegen den Willen des jüdischen Gesetzes, gewöhnt waren, thätigen, schreienden und lärmenden Antheil an dem Vortrag der Gebete zn nehmen. Und doch muss Jeder bei ruhiger und besonnener Ueberlegung einräumcn, dass die des Gesanges unkundigen Gemeinden schweigen mussten.' ,Nur Eines', sagt Dr. Jellinek, ,hatte man in der Hitze des Augenblickes vergessen, die Heranwachsende Jugend in den religiösen Gesängen unterrichten zu lassen! Wobl wird der Gesang in den jüdischen Familien gepflegt; die Gesänge Zions aber blieben fremd den Söhnen und Töchtern in Israel!"*) Der Gemeindcgesang kann nur durch das Zusammenwirken des Cantors und des Lehrers realisirt werden, sie müssen sich einander ergänzen; der Cantor habe die Aufgabe, in der Schule den Gesangunterricht an die ganze Schuljugend, ohne Unterschied des Geschlechtes, zu ertheilen, die Schüler und Schülerinnen sollen einen geschulten Chor bilden; der Cantor sei bedacht, dass bei diesem Chore die Grundgesetze Gesanges: Har monie, ׳ Einheit. Einfachheit, Regel, Einklang, Wohllaut walten sollen, aber nicht nur bei der Schuljugend, sondern auch bei den schulentwachsenen Knaben und Mädchen sollen die liturgischen Gesänge gepflegt und gefördert werden. Aus dieser Jugend mit geläutertem Geschmacke und geschultem Chore kann später ein Gemeindegesang in seiner Würde und Herrlichfeit zum Ruhme Gottes und zur Ehre der Juden erstehen. Dass Frauen durch ihre zarten, wohlklingenden Stimmen an dem Gemeiudegesange theilnehmen, ist nicht neu. Mirjam führte den Neigen des Frauenchores,' der das erste jüdische T'e deum laudamus am rotheu Meere sang. Der Wortlaut der Bibel er.-' kennt bezüglich der Pflichten und der Rechte keinen Unterschied der Geschlechter als den, welcher in der Natur selber begründet ist, der Talmud hat den Grundsatz aufgestellt, hass Frauen solchen Gebeten nicht unterliegen, deren Erfüllung än eine bestimmte Zeit geknüpft ist. . י Nun gibt es aber Viele, welche die gesangliche'Mitwirkung weiblicher Kehlen beim Gottesdienste nicht erlauben, weil es heißt': ,קול אשה אחד ,Weiberstimme ist Keuschheitsverletzung'. Nun heißt es aber in ארח חיים Cap. 3, Par. 3 : יש לאהר ׳משמיע קול המר אשה בשעת ק* ש also nur beim Lesen des Schema durfte man nicht Weibergesang hören und hiezu bemerkt Para ,אבל קול הרגיל בו אינג עחד. Wenn man schon an die Stimme gewohnt ist, so ist es keine Keuschheitsverletzung mehr. Unsere Nabbinen sagen nicht nur קול באשה עחה, sondern auch שער באשה עחה, und wo wird Lies mehr beachtet? Möglich, dass diese ängstlichen Cautelen nöthwendig waren Ln solchen Himmelsstrichen, wo die Andacht wesentlichen Abbruch *) Predigten Dr. Jellinek, 1. Theil, S. 98.

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