Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 19 (11.6.1886)
- Date
- 1886-06-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Tönen 1111b Tonarten, die Sie ba mit Ihrer großen Fachkenutnis vorfnhren, hat mir persönlich ein einziger Ton, den ich zu verstehen glaube, ganz besonders imponirt, und zwar der wissenschaftliche Our-Ton, der die ganze ernste Arbeit durchzieht. Sie haben den für archäologische Forschungen in erster Linie richtigen Weg eingeschlagen, den der kritischen Analyse und des Zurückgehens auf die einfachen Urelemente. Sie haben auf diese Weise drei Tonarten als die ältesten und Ursprunglichen gefunden; das ist ein großer wissenschaftlicher Gewinn. Glauben Sie aber, dass diese Tonarten älter sein könnten als die Gebete, welche denselben den Namen gegeben? Diese Gebete sind nämlich nicht gar so sehr alt. Das älteste derselben, Eisesttakaek, ist mehrere Jahrhunderte nach Zerstörung des zweiten Tempels entstanden, Nogen 0rvau8 ist fünger, und als Bestandtheil des Gebetes ist Adonoj-moloek am jüngsten. Das höhere Alter dieser Tonarten bei den Juden wäre freilich deshalb noch .nicht unmöglich, aber doch näher zu beweisen. Dass die Neginok späteren Datums ist, würde gegen das höhere Alter der Tonarten, die sie bezeichnen, nichts beweisen. Wie die Poesie älter ist als die Schrift, so ist auch der Gesang älter als die älteste Art von Noten. Die Negiaok könnten also wohl eine spätere, schriftliche Fixirung alter Gesangswcisen sein. Abgesehen aber von Ihren schlagenden musikalischen Bemerknngcn, halte ich die Neginok überhaupt nicht für nrsprüngliche Noten. Sie sollten vielmehr.theils die Betonung der Silbe bezeichnen wie die griechischen Accente, theils als Jnterpunklions. gcichen dienen. Der Singsang beim Bortrage hat sicherlich nicht in der älteren Zeit stattgefunden, als jeder Anfgcrnfene seinen Abschnitt selbst vortrageu mußte. Dieser ist gewiss erst entstanden, als die stimmbegabren הזנים die Borlesunz der Thora für die Aasgerufenen übernommen haben, was bekanntlich noch gar nicht so lange her ist. Interessant und von weiterer historischer Wichtigkeit sind Ihre Bemerkungen, betreffend die Thoravorlesung für ימים נוראים und Festtage. Sehr gefreut hat mich, dass Sie das Seiltänzer stückchen des seligen — er hieß nämlich früher Seelig —. Paul Cassel abgewiesen haben. Paul Cassel ist ein grundgelehrter Mann, aber mehr geistreich als kritisch. Sie haben Recht; ebensowenig als רהקים א^ם aulos ehoricos sein kann, ebensowenig kann יונה jonisch bedeuten, zumal cs keine jonische Chorstöte gab. Das ist ein Spiel des Witzes, aber keine Arbeit des Geistes. Eine solche ist die Ihrige, und das Judenthum kann sich dazu gratuliren, dass Sie auf solchen Grundlagen und mit ernstem Streben den weiteren Ausbau des synagogalen Gesanges unternehmen. Beulheu Ob..-Schl. Dr. F. Noseuthal, Rabbiner und Prediger. Jahresbericht der israelitischen Allianz in Wien. Als vor 14 Jahren unser Verein gegründet wurde, war unsere Thätigkeit vorwiegend von der zweiten, im §. 2 unserer Statuten vorgezeichneten Aufgabe in Anspruch genommen, und blieb so durch eine Reihe von Jahren in Folge der unseren Glaubensgenossen in Rumänien, Kleinasicn und Bulgarien widerfahrenen Mißhandlungen und Verfolgungen. Kaum zur Ruhe gelangt, kaum dass wir uns der, so zu sagen, ,inneren Mission* unseres Vereines ,Förderung der Volkserziehung bei den Israeliten, durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen 3c.* zuzuwenden begonnen hatten, da brachen im Herbste 1881 und im Frühjahr 1882 jene unglückseligen, russischen .Unruhen und Verfolgungen ans und wurden, um das hiedurch erzeugte namenlose Elend unter unseren Glaubensgenossen zu lindern, um Tausende von Vertriebenen einer neuen Heimat zuzuführeu, die vollen Kräfte unseres Vereines aufgeboten und auch die Unterstützung von gesinnungsverwaudten Corporatiouen und anderen Humanitären Vereinigungen in Anspruch genommen. Wahrend die Nachwehen jener traurigen Zeit heute noch nicht verwunden sind, und deren Nachwirkungen ziffermäßigen Ausdruck in unserer letztjährigen Ausgabenrubrik finden,, haben in letzter Zeit Ausweisungen aus Rumänien und Deutschland stattgefunden, welche man ebenso vom Standpunkte der Humanität und der allgemeinen Menschenliebe, als auch im Hinblicke ans die Grundsätzs des Völkerrechtes als endgiltig ausgeschlossen hätte erachten sollen. Als wir vor mehr als drei Jahren den galizischen An« gelegenheiteu näher traten und einen Einblick in das Ringen unserer dortigen Glanbensgeuossen gewannen, da wurde es uns klar, dass hier nolhwendig Etwas geschehen müsse. Wir haben seitdem behufs Sammlungen von Erfahrungen zur Sanirung der unter den Juden in Galizien herrschenden traditionellen .Uebelständc wiederholt an Ort und Stelle Informationen einholen lassen und sind immer mehr zur Ueberzengung gelangt, dass wir ungewöhnliche Kräfte aufbieten müssen, um das von den Verhältnißen uns vorgezeichnete Ziel: die jüdische Jugend Galiziens der redlichen und gesunden Arbeit zuzuführen, sie zu tüchtigen, modern geschulten Handwerkern und zu Ackerbauern heranznziehen, wenn auch vorläufig nur theilweise zu erreichen. Ohne entsprechende Schulbildung ist aber ein solches Ziel nicht zu erreichen, ist das für die genannten Zwecke nölhige Schüler- Materiale nicht zu erzielen, und darum mußten wir vor Allem damit beginnen. Schulen zu gründen. Gestatten Sie uns, Ihnen in kurzen Strichen über die von uns bisher theils neu gegründeten, theils subventionirtcn Schulen in Galizien Bericht zu erstatten. Wir gehen dabei chronologisch vor und beginnen mit unserer Schule in Sablvcie. Diese Schule wurde von uns vor etwa 2V2 Jahren aus den primitivsten, bescheidenen Anfängen, welche dortigen strebsamen Gcmeindemitgliedern zu danken waren, ins Leben gerufen. Eröffnet wurde damals die vorerst zweiclassige Schule mit kaum dreißig Zöglingen. Heute ist sie eine vierclassige, gut geleitete, i allen gesetzlichen Anfordernngcn entsprechende Volksschule, welche von fünsundneunzig Kindern besucht wird, und bietet eine wahr- Haft erfreuliche Perspective für bas Erziehungswerk, das wir unter so schwierigen Umständen auf galizischem Boden begonnen haben. Der Zudrang zu dieser Schule wächst mit jedem Jahre, und heute ist sie bis auf den letzten Platz besetzt, so dass zu Beginn des letzten Schuljahres viele Zöglinge wegen Raummangels abgewieseu werden mußten. Von den 95 die Anstalt dermalen besuchenden Kindern sind 41 aus Sablocie selbst, der Ziest recrutirt sich ans den umliegenden Ortschaften: Jelesnia, Kamesnice, Korblow, Koszarawa, Krzyzowa, Lachowice, Lesna, Milowka, Mislenice, Przyborow, Nycenka, Nadzichow, Slatwina, zwei sogar aus der Arva in Ungarn. Fünfundzwanzig Zöglinge sind vom Schulgelde gänzlich befreit, zwanzig zahlen einen kaum nennenswerthen Beitrag. In anerkennenswerther Opferwilligkeit betheiligten sich die Gemeindemitglieder von Sablocie an. der. Erhaltung dieser von uns mit fl. 1000 jährlich ftibveniionirten Schule und sind überdies bemüht, die unbemittelten Zöglinge zu verköstigen und zu bekleiden. Die Frauen selbst greifen werkthätig ein, und wir fühlen uns-gedrängt, diesen unseren Mitarbeitern hier unseren wärmsten Dank auszusprechen. An der Schule wirken zwei geprüfte Volksschullehzer,