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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-06-01 · Heft 18 (1.6.1886) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 18 (1.6.1886)
Date
1886-06-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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arten aus Schritt und Tritt im Stiche. ,Ich übergehe b׳er absichtlich den Hinweis des Herrn Deutsch, der dir Entlehnung der Adonoi moloeh־ und Mögen owaus-Stetgerfcala, als von der mixolidischen und phrygisclien Kirchentonart, demnach als aus dem 16. Jahrhunderte stammend, hinstellt, trotzdem meine An- Führungen als von den arabisch-persischen Tonscalen Uschak und Newa (im 14. Jahrhunderte entstanden) schon das Vorrecht des Alters beanspruchen dürfen, weil ich diese wie jene Tonscalen, als einem älteren (wahrscheinlich dem griechischen) Tonsystem entnommen, erachte und weil ich ja in meiner Broschüre, Seite 13 letzte Zeile, ausdrücklich erklärte, dass diese beiden Steigerscalen eher, als aus griechischem oder persischem als auf jüdischem Boden entstanden, zu betrachten sind. Allein die Einreihung der von mir aufgestellten und auch von Herrn Deutsch acceptirten dischtahach- Steigerscala 0. Des. E. F. Gr. As. B. C in die phrygische Tonart ist eine geradezu ausfallende und muß von mir freundlichst abgelehnt werden. > Herr Deutsch meint, dass die von mir aufgestellte disch- | tahach-Steigerscala sich von seiner, der phrygischen Tonart, blos durch die große Terz und die übermäßige Sec un de von der zweiten zur dritten Stufe ^unterscheide; dass die hie und da auftretende, große Terz blos als Ueberleitung gum aeolischen, also keineswegs als leitereigener Ton zu betrachten sei. Nehmen wir zur besseren Erläuterung dieses wich. Ligen Gegenstandes die von Herrn Deutsch im Jahre 1871 ver- Hffentlichte Vorbeterschule zur Hand und betrachten wir, wie der Verfasser in Nr. 41 dischtahach reciliren lässt. ' Die Nummer besteht aus 23 Tacten, innerhalb welcher die große Terz neu:1 M a l und die kleine nur zwei Mal auftrilt u. zw., ohne- Lass die große Terz nur ein einziges Mal zum aeolischen überleitete. -Ich frage nun, welches Intervall hat ein größeres Anrecht als leitereigen betrachtet zu werden, ein solches welches neun Mal -vorhanden ist, oder ein Intervall, welches nur zweimal 11. zw, wie mich bedünkt, ganz unberechtigt auftritl d Ich vermeine nun nachgewiesen zu habe«, dass die von mir hingestellte.disehtahach-Steigerscala mit der kleinen Secunde won der 1—2 und der großen Terz von der 1—3 Stufe ein wesentliches Merkmal des dischtahach-Steiger und ähnlicher traditioneller Synagogengesänge bilden*), und stnde es geradezu unbegreistich, weshalb Herr Deutsch dieses offenkundige und auch von ihm angewendete Wahrzeichen des traditionellen Synagogengesanges von sich weisen und die Tonart mit Gewaltmaßregeln in die Kirchentonarten einreihen will, wo dieselbe keines- Wegs unterzubringen ist. Das Zugeständnis des Herrn Collegen Deutsch, diese disehtahach-Steigerscala eine spscisisch jüdische Tonart nennen zu dürfen, nehme ich vcllinhaltlich an und erkläre hier nochmal feierlichst, dass die von mir ausgestellte disehtabach-Steigerscala, z. B. auf der 0.-Basis mit den Intervallen -0. Des. E. F. Gr. As. B. C., als eine jüdische Tonscala anzuerkennen sei; 1. weil die charaktiristiscben Merkmale dieser Scala bei den meisten traditionellen Gesängen **), wenn auch nur fragmentarisch, vorhanden sind, und weil das Tongefüge dieser Scala in der Musikgeschichte irgend einer anderen Nation nicht nachweisbar ist. *) An dieser Stelle kann ich die Erklärung nicht unterdrücken, dass die jedem polnischen Llsseborsr und Chasan geläufigen Ahavo rabbo- und Or chodoscb־©tet>jec mir wohl bekannt sind, und ich Licselben bereits in Nr. 7 Jahrgang 1880 des ״Indischen Cantor" erwähnte. Die höchst unwesentlichen Abweichungen dieser nebeneinander gruppirten Singweisen veranlagten mich jedoch zu der Collectiv-Benennung ״ckiscbtabaeb-Steizer", weil dieses Gebet Las älteste der ganzen Gruppe ist. **) Auch in den von Herrn Deutsch angeführten Nr. 240, 244, 255 .249 der Dorbeterschnle. Herr Deutsch stellt die Frage, wohin die Intonationen des al horischonim, akdomus, ja'aleh nach meinen ausgestellten drei Steigerscalen einzureihen wären, ferner die Singweise zu ato eehod, seh’mone esreh der 3 Feste und endlich die Melodien zu tonwesoria, el emuno, und beantwortet später diese Frage, indem er die drei Gruppen in die dorische, jonische und lydisehe Tonarten des 16. Jahrhunderts einreiht; also wäre diese Melodie nicht älter als beiläufig 300 Jahre. Dem entgegen erlaube ich mir die Bemerkung, dass der al horischonim, Nr. 67 der Vorbeterschule, modern und mit Fragmenten meiner dischtahach-Steiger- Scala versehen, akdomus vollständig modern, ato echod im Mog. ow.-Steiger und sch’mone esreh der 3 Feste im dischtahach- Steiger gearbeitet ist. 242 ver Vorbeterschule ist mir vollkommen fremd,' 266 erscheint etwas modernisirt, ebenso 267. Bei 264 sollten die Schlüsse nach der Brocho stets auf der Basis der Unterquarte ruhen. — Sämmtliche Nummern sind modern, mit Anklängen an meine disehtahach-Steigerscala, wie diese überhaupt allenthalben, wo die Charakteristik des flehentlichen Ausdruckes gezeichnet werden soll, vorhanden sind. Toir wesoir, ebenso 284, 285, 286 und 336*) sind nur Melodienabrisie, die sich dürftig bis zur Sexte bewegen, und allesammt modern. Die übermäßige Quarte, die hie und da auftritt, ist nicht von so großer Bedeutung, wenn dieselbe nicht gar als semitonium modi angesehen werden dark. Lemitonium modi! — Das ist ein gar heikler Punkt. Was wird heutzutage nicht alles in die Kategorie des semitonium g erecknet, und dennoch soll cs nichts anderes als den Leitton, d. h. de njenigen Ton auf der 7. Stufe der Tonleiter bedeuten, der am deutlichsten die richtige Basis einer beliebigen Melodie kennzeichnet; auch der Unterhalbton kannn als semitonium erachtet werden. Trotzdem werden auch leiterfremde Töne, die weder als Septime noch als Uuterhalbton betrachtet werden können, als semitonium hingestellt und, um nur die Berechtigung für dieselben zu retten, als Modulationstöne für eine andere Tonart bezeichnet, was jedoch nicht immer der Fall ist. Allein selbst in voller Würdigung der nothwendigen Anwendung dieser Halbtöne können dieselben unmöglich der Willkür anheim gestellt werden, sondern es muß zuvor die Ursprungsform angeführt und an dieser nachgewiesen werden, welche Halbtöne erlaubt seien. Nach der angedeuteten Nichtung bilden die von mir hingestellten drei Steigersealen das Princip der Urspcnngsform, an welcher etwaige erlaubke Aenderungen der musikgeschichilichen Entwicklnng nachgewiesen werden sollen, und die Vorbeterschule des Herrn Deutsch das Resultat eines Principes, welches, wie ich anzunehmen volle Berechtigung habe, ihm ganz genau bekannt war, das jedoch seinerzeit zu verzeichnen er gänzlich unterließ. Er, der gebildete Fachmann, der im Begriffe war, das Erbstück der Väter im moderneu Gewände an die Nachwelt zu überliefern, hätte zuvor, wenn auch nur in kurzen Umrissen, auf die alte Form Hinweisen sollen׳ wenn er nicht Gefahr laufen wollte, dass das von ihm in der Vorbeterschule überlieferte moderne Gewand einstens für die Urform angesehen werden dürfte. Beinahe zum Schlüsse seiner Erörterungen versetzt mir Herr College Deutsch noch einige ethische Nadelstiche, indem er den geistigen Inhalt, wie die Textbehandlung meiner der Broschüre beigegebenen Notenbeispiele dahin charakterisirt, dass ich mich von einer zu weit gehenden Pietät gegen das m i r Ueberlieferte leiten ließ. Es sei mir gestattet, hierauf zu erwidern, dass meine *) Heber den Inhalt der mir sonst sympathischen Vorbeterschule des Herrn Deutsch werde ich ja gelegentlich der Fortsetzung meiner musik-ästhetischen Artikel-Serie dieser Blätter zu sprechen Gelegenheit haben. ׳ - י

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