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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-06-01 · Heft 18 (1.6.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 18 (1.6.1886)
Date
1886-06-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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ושמרתם את משמרתי, ,Zhr sollt beobachten meine Vorschriften', bemerkt der Talmud (Zebam 21) sehr sinnreich: עשו משמרת״ ׳למשמרתי machet eine doppelte Hut, eine mehrfache Schranke." Wer die mittelbare Sünde scheut, wird die unmittelbare um so seltener begehn, und es ist deshalb nicht nur das Laster selbst zu meiden, sondern schon die entfernte Veranlassung zu ihm. W. . . . . r. (Fortsetzung folgt.) Zur Frage des Tradttionsgessnges von Obercantor I. Singer, Wien. Es ist als ein gutes Zeichen für die Erledigung der schwebendeu Frage auf syuagogal-gesanglichem Gebiete zu erachten, dass der Besten einer, Herr College Moriz Deutsch in Breslau, in erster Reihe seine diesbezüglichen Anschauungen kuudgibt. Ihm stehen Wissen und Befähigung in weitgehendstem Sinne, wie nicht, minder eine aus langjährig-rühmlicher Amtsthätigkeit resultirende Erfahrung zu Gebote, um in dieser Angelegenheit ein gewichtiges Wortzu sprechen. Deshalb ist auch seine Kampfesart eine zarte und nicht von rohen Keulenschlägen begleitet, welche, wie bei Anderen, stets nur eine verblüffende aber nirgends überzeugende Wirkung thut. Es sind nur wiffenschastliche Nadelstiche, die Herr College Deutsch mit kundiger, sicherer Hand gegen mich führt, und welche, wenngleich dieselben auch nicht verletzen, dennoch für die Dauer unerträglich sind und daher abgewehrt werden müssen. Herr Deutsch behauptet, ich hätte in meiner Broschüre, Seite 10, erklärt, ״dass noch Niemand die Synagogenweisen aus ihren Zntervallenwert geprüft" und meint. diese Kund« gebuug könne von ihm nicht ohne Einschränkung zugegeben werden, indem ja schon Naumburg, Weintraub, Deutsch etc. vor dreißig Jahren auf die engen Beziehungen unserer Synagogen- Gesänge zu den Kirchentonarteu hingewiesen hätten. Hiebei hat Herr College Deutsch nur den Schlusspassus meiner dortigen Behauptung nicht beachtet, wo es ausdrücklich heiß»: ,und in e i n S y st e m gebrach t." Wie könnte man das Bewusstsein der engen Beziehungen des Synagogeugesanges zu den Kirchenronarten bei fachlich-reifen Männern in Frage stellen, da doch diese Beziehungen, als im Geiste der damaligen Musikrichtung liegend, selbstverständlich, und auch in jeder besseren Musikgeschichte des Alterthums wiederholt angeführt erscheinen. Ich erlaubte mir nur die Behauptung, dass die Tonscalen der Synagogengesänge bis nun noch von Niemandem in ein System gebracht wurden, das heißt, die Resultate des Intervallenwertprüsens nicht der Qeffentlichkeit übergeben wurden, und diese Behauptung muss ich auch jetzt noch aufrecht halten. Der dürftige, beiläufige Hinweis auf eine Verwandtschaft des Synagogen- Gesanges mit dem Kirchengesange ist in der fraglichen Augelegenhcit nicht nur nicht ausreichend, sondern geradezu gefährlich, weil derselbe dem Mindercingeweihten einerseits keine deutliche Einsicht in das Wesen des damaligen Musikstyles gewährt, und andererseits zur historisch-unbegründeten Ansicht verleitet, dass die Synagogentonarten den Kirchentonarten entlehnt seien. Die zuverlässigsten historischen Quellen für den Beweis, dass die allerersten Kirchenzesänge dem jüdischen Tempelgesange entstammten, find so reichhaltig und unantastbar, dass es hiefür keiner weiteren Auseinandersetzung bedarf. Mit der Vorführung dieser geschichtlichen Tbatsache vermeine ich den zweiten Angriff des geehrten Herrn Collegen Deutsch freundlichst abgelehnt zu haben, der, Seite 2, 1. Spalte, erklärt, ich hätte meine Auseinandersetzung ganz sachgemäß mit den ambrosianischen authentischen Tonarten begonnen und mit einer kurzen Bemerkung an die gregorianischen Plagaltöne gestreift, ohne wieder zu denselben zurückzukehren. Mein Hinweis auf die allerersten Kircheutouarten hatte lediglich den Zweck, das damalige System zu kennzeichnen, indem ich auf die jeweilig verschiedene Lage des Halbtons bei den verschiedenen Tonarten hinwies, um auf diese Weise den Unterschied des damaligen Scalenbaues von dem modernen prägnanter vorzuführen. Dass ich bei dem kurzbemessenen Raum meiner Broschüre den Entwicklungsgang der Kirchentonarteu bis zur Aufstellung der jetzt üblichen Scala nicht erschöpfend klarlegts, findet Herr College Deutsch selbstbegreiflich; allein so dürftig war meine Auseinandersetzung doch nicht, dass von einem bloßen Streifen die Rede sein kann, da ich doch wenigstens die Marksteine dieses Entwicklungsganges durch die Namen und Daten von Ambrosius, Gregor II., Hucbald, Remigius, Benno Augiensis, Guido und Glareanus vorführte, wodurch es dem Wissbegierigen wenigstens erleichtert erscheint, diesen Entwicklungsgang in irgend einer Geschichte des Kirchengesanges nachzulesen. An dieser Stelle muß ich die vom Herrn Collegen Deutsch beobachtete Reihenfolge unterbrechen, allwo von den Kirchentonart.en die Rede ist, im weiteren Verlaufe einige Fragen bezüglich der Unterbringung gewisser Synagogenreeitative gestellt werden, um dann wieder an die zuletzt anfgestellteu sechs Kirchentonarten anzuknüpfen. Die von Herrn Deutsch angeführten sechs Kirchentonarteu mit der Benennung joniscli von c—c; dorisch von d—d; phrygisch von 6—6; lydisch von f—f; mixolydiseh von g—g; aeoliscli von a—a bilden das Ergebnis der kirchengesanglichen Entwicklungsperiode von Guido v. Arezzo (11. Jahrhundert) bis Glareanus (16. Jahrhundert). Früher, d. h. nach dem griechischen Tonsyllem, welchem ja die Benennungen der angeführten 6 Kirchentonarten entnommen sind, lauteten die Scalennamen ganz anders. Um nun die von Herrn Deutsch als Quellen für die Synagogentonarten bezeichneten fünf Scalen anzuführeu, erlaube ich mir darauf aufmerksam zu machen, dass z. Bdie phrygische Scala bei den Griechen nicht, wie oben angeführt, von 6—e sondern von d—d angenommen wurde, wobei der erste Halbton also nicht von der ersten zur zweiten sondern von der zweiten zur dritten Stufe lag; ebenso die lydische nicht von I— f sondern von c—c und ebenso die mixolydisehe nicht von g—g sondern von h—b und die dorische nicht von d— d sondern von 6—6 lautete; die Aufstellung und Benennung der von Herrn Deutsch angeführten vier Kirchentonarten, zu denen ich auch die jonische als fünfte rechne, stammen erst, eudgiltiz aufgestellt von Glareanus, vom Anfänge deS 16. Jahrhunderts. Ist nun Herr College Deutsch der Ansicht, dass der traditionelle Synagogengesang diesen in dem 15. und 16. Jahrhunderte a u f g e st e l l t e n K i r ch e n g ege s a n g s t o n a r t e n entnommen, so soll es ihm unbestritten bleiden, ich schreibe weiter keine Silbe hierüber; denn für eine Gesangstradition von circa 300 Jahren bei einem Volke, welches bereits vor 2000 Jahren weltberühmte Gesänge auffnhrte, verlohnte es nicht der Mühe. , Dennoch scheint dies der Fall zu sein; denn die Benennungen der Kirchentonart-Scalen, so wie sie Herr Deutsch vorführt, stimmen mit den Benennungen der ältesten Kirchenton-׳ arten in keiner Weise, dafür aber auffallend mit denen der von Glareanus ausgestellten. Allein auch eine etwaige Billigung dieses auffallenden Gesichtspunktes lässt den Beobachter bezüglich der Ableitung des traditionellen Synagogengesanges von den neuesten Kirchenton-

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