Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-06-01 · Heft 18 (1.6.1886) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 18 (1.6.1886)
Date
1886-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/1304829-3453044-3453062--1755-3455930
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 Chore sich diesen" Zusatz noch gefallen lässt, wie man sich über- Haupt Vieles von ihm gefallen lassen muss. Welcher Reichs- Hälfte ist nun der Vorzug zu geben, und welche darf zumeist das Recht für sich in Anspruch nebmen? Es wäre.eine wahre Wohlthat, wenn Jemand mit einem tüchtigen Zeitungsartikel auch diesem ParticularismuS in den deutschen Landen energisch entgegentreten und die hartnäckig gegnerischen, auf dem synagogalen Gebiete gegenseitig von einander nichts wissenwollenden Parlheien aussöhnen möchte. (Fortsetzung folgt.) Fragmente. Aus denr alten jüdschen Leben im Familienkreise, im Gotteshause, im gemeinschaftlichen Verkehre. (Zweite Artikel-Serie.) Gottesdienst und Götzendienst. VIII. Wenn wir die Gebräuche, Gewohnheiten und die Arten der Gottesverehrung bei den Völkern des Alterthums überblicken, so gewahren wir stets Menschenopfer und unzüchtige Feste; die Hebräer verdanken es Moses, gegen diesen doppelten Schimpf verwahrt zu sein. Ohne uns beim Fetischismus der meisten kleinen Völkerschaften Kanaans aufzuhalten, gehen wir sogleich auf Egypten über. Freilich ist die Achtung, zu der wir für die geheimnisvolle Wissenschaft seiner Priester und für die Pracht seiner Gebäude geneigt sind, groß genug: Aber was finden wir daselbst nach' dem Zeugniße aller Schriftsteller des Alterthums? Völker, zu den Füßen von Thieren hingeworfen, vor einem Stier zu Memphis, vor einer Ziege zu Mendes; höher stehende Männer und Frauen in den Dienst gegeben bei heiligen Thieren und ihr Leben mit der Untersuchung ausfüllend, ob diese feltsamen Gottheiten ihr Amt gehörig besorgten und sich in einem, befriedigenden Zustand von Glückseligkeit und Gesundheit be fänden. Schamlose Aufzüge, Truppen von Männern und Weibern, die im'Tumulte umhertreiben, Haar und Augenbrauen abgeschoren und ihren Körper verwundend, weil eine Katze oder ein Hund verendet ist. Nicht genug: die Stadt, die das Ichneumon anbetete, kämpft wider die Stadt, die dem Krokodil ihre Unterthänigkeit bezeigt, diese wieder gegen eine andere, welche den Wolf als obersten Herrscher verkündete. Und warum dies? Aus Gründen verschiedener Art. Die egyptische Regierung suchte in der Furcht vor Ausständen eine gegenseitige Eifersucht zu unterhalten, welche die Gemüther mit Kleinlichkeiten, die der gewöhnl iche Mann stets mit Feuer ergreift, beschäftigen und so die Ge- Walt der oberen Kasten sicherftellen sollte. Es scheint, dass Jerobeam, der erste König im Reiche Israel, der sich noch bei Lebzeiten Salomons wegen Aufruhrs nach Egypten geflüchtet und längere Zeit daselbst verweilte, diese Methode den Egyptern abgelauscht hatte. Damit sich Israel mit Juda nicht wieder vereine, verleitete er sein Volk zum Götzendienst, errichtete in Dan und Betel goldene Kälber und streute so den Samen des Zwistes unter dem Volke aus, jede Vereinigung zu verhindern, dadurch seine Negierung zu befestigen; das hat er in der Schule der Egypter gelernt (S. 1 Könige, K. 12). Der Ausdruck ,Gottesdienst'. hat in den Schriften der Juden zwei sehr verschiedene Bedeutungen, eine allgemeine und eine besondere. Im ersten Sinne heißt es soviel, als die Erfüllung des Gesetzes und aller Bedingungen der öffentlichen Ordnung, deren Folge die wahre Glückseligkeit des Volkes und seiner Glieder sein würde. Daher wurde derjenige, welcher die größte Weisheit, Sittlichkeit und Vaterlandsliebe besaß, der frömmste Mann geheißen. So lautet der Bibelspruch: .״ושמרתם ועשיתם, .Beobachtet die Gebote und übet sie aus, weil sie der Beweis euerer Einsicht in den Augen der Völker sein werden, die, wenn sie dieselben vernehmen, ausrufcn werden, dieses Volk ist einsichtig und weise, diese Nation ist groß4) '׳. M. 4, 6 ) In der engeren Bedeutung aber umfasset der Ausdruck: ,Gottesdienst', die äußeren Handlungen, welche den Sinn der Bürger auf das Gesetz des Staates hinleiten, die Bedürfniße der Zeit befriedigen, üble Gewohnheiten durch unschädliche verdrängen- und die Maßregeln der allgemeinen Ordnung unterstützen sollten. In diesem Sinne gehören viele Gesetze, welche man zum Gottesdienste zu rechnen pflegt, nur auf entfernte Weise dahin. So überzeugte man sich, dass die Speisegesetze im Interesse der öffentlichen Gesundheit gegeben wurden, sie boten aber gleichzeitig ein Hinderniß für zu häufige Auswanderungen dar und verliehen der Gesetzgebung einen unterscheidenden Charakter, der die Bürger inniger miteinander vereinte. In dieser Beziehung war der Gottesdienst in der Thar ganz und gar im Dienste des Staates, und der hohe Rath deS Volkes, der das Grundgesetz deutete und entwickelte, hatte auch das Amt, die Verfügungen desselben anszudehnen und zu beschränken. Alle Propheten erkennen übereinstimmend die religiösen Gebräuche und gottesdienstlichen Einrichtungen als Mittel, denen der Zweck der Gotteserkenntnis zu Grunde lag. ,Der Gehorsam gegen das Gesetz ist besser als die Opfer, Eifer für seine Gebote besser als das Fett der Widder" (1. Sam. 15, 22); ״das Blut der Stiere, spricht Gott, die Weihgeschenke, die Näucherungen, Gebet, Gesänge und Musik, ich habe kein Wohlgefallen daran. [׳למדו היטב י Lernet Gutes thun, strebet nach Recht, unterstützet die Bedrückten und meidet das Böse" (Jes. 1.) Und hatte schon Salomon behauptet: ״Thun, was recht und gut ist. gilt Gott mehr, als^alle Opfer" (Spr. 21, 3.) Schwungvoll und erhebend ist es zu lesen, wie der Prophet Jesaia (K. 58) die Weihe des Versöhnungstages schildert. Da wird die Welt als das große Heiligthum Gottes dargeftellt, und die Menschen, die darin leben, als Priester betrachtet, welche den Gottesdienst ausüben, aber nicht durch Opfer, sondern durch Recht, Wahrheit und Liebesthaten. Wir erinnern uns eines Weinberges, von welchem der Prophet Jesais (K. 5) spricht, der die auserwählteften Pflanzen trug und den man mit Hecken und Mauern umgab, dass er nicht zertreten werde. Dieser Weinberg ist der moralische und politische Theil des Gesetzes, diese Hecken und Mauern sind die Gebräuche, die ihn zu schützen eingesetzt wurden. Stellen wir uns auch eine Stadt und ihre Wälle vor, je mehr man die Bewohner bedroht, je stürmischer man sie belagert, um so größeren Eifer verwenden sie auf die Befestigung ihrer Mauern, ohne an die Verödung der inneren Gebäude zu denken, umsomehr Vollwerk häufen sie zwischen sich und den Belagerern auf. Man gebe ihnen den Frieden und es eröffnen sich an allen Seiten Zu- und Ausgänge. Dies ist der Schlüssel zur ganzen G e sch i ch t e des mosaischen C u l t u s. Was der Prophet in einem größeren Bilde dargeftellt, hat die Mischnah (Ab. 1, 2) in einem kleinen Nahmen gefasst, durch den Ausspruch: ׳ועשו סיג לתורה״ Machet einen Zaun um die Thora׳' Die Sitte im geselligen Verkehr hat ja auch Vorbcugungsmittel geschaffen gegen Ausbruch des Lasters selbst; hat die Züchtigung durch Anstandsgesetze gekräftiget und dem keuschen Sinne mächtige Stützen gegeben; so ist auch die doppelte Hut ' des unnahbaren Geheimnißes nicht überflüssig. Zur Bibelstelle: MWN

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.