Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 18 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 endlich den Gedanken zur Reife, das Gymnasium zu verlassen und sich vollständig dem Musikstudium zu widmen. Von 1837 an hörte er an der Berliner Universität durch 4 Semester bei Professor Marx Vorlesungen über Formenlehre, Harmonielehre, einfachen und doppelten Contrapunkt und Orchesterlehre, arbeitete mit vielem Eifer in diesen Fächern und hörte auch bei Professor Dove Akustik und bei Professor Gans Geschickte; für letztere Disciplin zeigte der Jüngling neben der Kunst ein ungemein empfängliches Herz. Allein die Freiheit der Univcrsitätsstudien ließen in den Kenntnißen des Jünglings manche Lücke zurück, welche ganz entschieden ansgefüllr werden mußte, sollte er bei feinen späteren Unternehmungen nicht Schiffbruch erleiden. ' Dessen war sich Lewaudowski wohl bewusst under dürstete nach v o l l k o mm euer Ausbildung. Es war nunmehr sein' eifrigstes Bestreben, in die Academre der Künste ausgenommen zu werden; allein dies war ein schweres Slück Arbeit für einen jüdischen Eleven, in eine Anstalt eingereihl zu werden, welche bis damals von keinem Juden besucht wurde, außerdem nur die beschränkte Anzahl von 16 Schülern acceptirte und überdies von einem hohen Geistlichen, dem damaligen Minister Eichhorn, dirigirt wurde. Auch hiebei ward die Protection Alexander Mendelssohns und feine Beziehungen zur besieren Gesellschaft Berlins für Lewandowski von der weitgehendsten Bedeutung. (Fortsetzung folgt). Unsere MchMungcn und ihre ehemalige Mnfikbeilage (von W r n n a ch e 1.) IX. Aus den bisherigen Erörterungen folgt aber auch, dass den geschätzten Mitarbeitern an der hier in Vorschlag gebrachten Musikbeiiage, sowie im Allgemeinen den Bearbeitern unseres Gesammt-Traditionszesanges trotz der Gesetzmäßigkeit dennoch die freie Phantasie und die begabte Produktivität nicht gänzlich benommen wird, sie können vielmehr ihre diesbezüglichen Talente an dem erwähnten Jmprovisationsgesange, der unter dem Collectivnamen ,Jüdische wohlbekannt ist und ihu auch mit Recht verdient, nach Herzenslust üben und der Phantasie freien Lauf lassen. Und wir werden sogar ihnen dafür dankbar sein, indem für uns dadurch die schönsten und geeignetesten Necitative und die reizvollsten Sologesänge entstehen würden, deren wir so nothwendig bedürfen und die — der allgemeinen Klage nach zu schließen — nicht gar reichlich vorhanden sind. Bei diesem Capitel ist noch, wenn auch ein wenig post festum, nothwendig hervorzuhebcn, dass diebeiden jetzt ,diatonisch' genannten Tonarten, nämlich die frühere .äolische' und ,jonische' Tonart, unsere jetzige C-Dur und A-M0U, Scala — das Fundament des ganzen großmächtigen Baues der heutigen Musikkunst — keineswegs in den Synagogen-Tonarten fehlten; dass sie vielmehr dort ebensogut einen ihnen gebührenden Rang eingenommen, wie sie in den Kirchen-Tonarten dominirten, und, an beide Enden der authentischen Tonarten gestellt, gleichsam als Stamm-Tonarten, die dazwischen liegenden jedoch nur als N e b e n-Tonarten erschienen. Die Wahrheit dieser Behauptung ersehen wir aus vielen Traditionsmelodien selbst, die als Gesangs-Piecen oder Recitationswoisen zu den ältesten, aus der Tempelszeit her noch stammenden Gebetstücken dienen und tonisch eben jenen Tonarten ■ angehören. So z. B. ist die Sabbathmelodie für יוצר משרתים und für den Anfang der ש״ע'׳ vollständig in Dur gehalten, und die דרי;! ^-Melodie, von der Rabbi Mord’chai Japha (כעל ׳(הלבוש der im 16. Jahrhundert, also noch vor der vollständigen Einführung unseres jetzigen Tonsystems lebte, behaup. tet, dass .am ganzen Kol nidre* die Melodie desselben das Beste sei, am meisten Sinn habe, (vergl. Heydenheim), ent״ spricht vollkommene der Noll-Tonart. Das sind jedenfalls Beweise, die jeden darüber etwa noch aufkommcuden Zweifel verscheuchen und uns auch noch über vieles andere Unklare im Traditionsge sänge Ausschluss geben. Und nun zu unsere Fachzeitungen selbst zurückkehrcnd — um auch sie nickt aus den Augen zu verlieren und ihrer künftigen, geistigen Lebensfähigkeit ebenfalls ein Capitel zu weihen — wird für sie, frage ich, aus einer solchen Niesenschöpfung, die in ihrer Osficin entstehen und durch ihre Vermittlung den Weg nach allen Richtungen der Windrose nehmen wird, gar kein Vvrtheil erwachsen? Ich glaube kaum, dass das wohl möglich, sein könnte. Eine solch' umfassende Arbeit, die bis in die kleinsten Details für vollkommen und für unantastbar und unanfechtbar jeder wissenschaftlichen Kritik gegenüber gelten soll, erfordert nicht allein die bloße Aufzeichnung der verschiedenen Melodien und Gesänge, sondern es bedarf auch der allseitigen, wissenschaftlichen Begründung und Beleuchtung der inmitten der Arbeit auftauchenden Schwierigkeiten und Zweifel bezüglich des Textes wie der Melodie; sie wird neue Studien und neue litterarische Erörterungen auf dem Gebiete der Fachwissenschaften erforderlich machen und hiedurch wieder kostbares Material zur Deckung des Bedarfes an wirklich gediegenen und fachmännischen Artikeln für die Spalten unserer Zeitungen liefern. Wir werden bei dieser Arbeit oft Gelegenheit bekommen, den der Melodie unterlegten Text, der noch vielfach, selbst in den täglichen Gebeten, unklar und dunkel erscheint und von den Gemeinden wie von den Cantoren unrichtig und nur gewohnheitsmäßig behandelt und gebraucht wird, corrigiren und richtigstellen zu müssen. Nur e i n Beispiel dafür. — Wenn Jemand z. B. eine beliebige 6^10^-קדיש für unsere Musikbeilage liefern sollte, so müßte es erstens seine Aufgabe sein, uns darüber Aufklärung zu verschaffen, wie es kommt, dass die Gemeinden den Kadisoli-Necitator gleich nach den ersten, vier Worten unterbrechen und ihm, wie in der ganzen Welt gebräuchlich, mir einem kräftigen ,Amen'. sozusagen in die Rede fallen? In den Gebetbüchern ist dies Amen nicht vorgezeichnet — und die Drucker haben doch wahrlich nichts vergessen und nichts ausgelassen, was ihre Editionen verdicken und somit ansehnlicher machen und was die Gebete vermehren und verlängern konnte. Woher nun sind die Gemeinden überhaupt darauf gekommen, inmitten des Satzes ein Amen hiueinzuschieben und das Schluß amen hier scron zu anticipiren? Hernach wäre es nicht unwichtig auch darüber gehörigen Ausschluss zu erhalten, wohin die Cäfur des ersten Satzabschnittes gestellt werden sollte ob bei ,כרעותיה* schon, oder erst bei .״מלכותיה? Denn ist Ersteres der Fall, so bezieht sich der Nachsatz ,בהייכון" nur auf das kurz vorhergehende ,׳וימליך; allein hat aber die zweite Annahme ihre Berechtigung, dann hat der Nachsatz uoii JB’chajechon auf den ganzen ersten Satz, Mir יתגדל an, Bezug, welcher Unterschied für die ganze Construction der Melodie von nicht geringer Bedeutung sein müßte. Ferner liegt Süddeutschland mir Norddeütschland in Bezug auf ,יתברך" in ewiger Fehde; das erstere antwortet nämlich das "א״י׳יש״ר nicht anders als mit der Gratisbeizabe von ,Jisboraeh*, während Letzteres schon bei עלמיא״" sich vollständig befriedigt fühlt und nur vom