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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-06-01 · Heft 18 (1.6.1886) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 18 (1.6.1886)
Date
1886-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische fr Pränumerations-Preis Kür Kereinsmitgtteder: Sanzjävriz ... fl. » — Halbjährig . . - fl- 2-50 Dierteljähriz ׳ - st. 1.25 Monatlich - - - fl- — Kür Kichlrnilgtttder: «anzjährig ... fl. « — Halbjährig ... fl. 2:— Vierteljährig . . fl. 1.50 Monatlich . . . fl- —50 Kür das Ausland: Sanriäbrig ... fl. 7.— ir Mark »der ( Rubel. 1' Organ Gesummt-ZllimMll Indischer Cantnren, Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor IcrAob Mauer. Administration Wien, II., Novaragaffe 27. 2 Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Nr. 18 Wien- 1. Zum 1886. 6. Jahrgang. Uklier die Entwicklung des Synagogen- Gesanges. Von Ober-Cantor I. Singer in Wien. * II. Serie. II Lewandowski ward auf seinem überaus gefährlichen. Gange nach Berlin von einem guten Genius begleitet, der den Provinzknaben im Gewoge der Residenz immer und immer die richtigen Wege führte und die physischen wie psychischen Gefahren des großstädtischen Lebens von ihm abwendete. Cr besuchte mit gutem Erfolge die Bürgerschule und übte bereits in der schulfreien Zeit Violine- und Clavierspiel. Wie er sich die Mittel für seinen Lebensunterhalt in Berlin verschaffte? — Die Beantwortung dieser Frage erinnert an eine der rührendsten und tiefergreifendsten Episoden aus dem Jugendleben Lewandowski's. Mutter Natur bedachte den Knaben mit zwei Gaben, die beide mächtige Behelfe für dessen LebenSrichtung und künstlerische Entwicklung werden sollten. Die eine Gabe, eine holde, anmuthige, war eine glockenreine, seelenvolle Sopranstimme, von welcher das Herz eines jeden Zuhörers sofort ergriffen wurde. Die andere Naturgabe, eine düstere, unheilvolle — der Knabe stotterte. Wie wunderbar sind jedoch die Absichten einer gütigen Vorsehung! Gerade dies körperliche Gebrechen, welches die Ideale so manchen ernststrebenden, talentirten Jünglings mit kalter Hand zertrümmerte, sollte zum mächtigen Pfeiler für den LebenSausbau Lewandowski's werden. Der berühmte Hebraist, Sälomon Pleßner, bei dem der Knabe gratis hebräischen Unterricht genoß, erzählte gelegentlich dem Philantropen Alexander Mendelssohn, einem Enkel Moses Mendelssohn's und Cousin Mendelssohn-Bartholdy's, von dem musikalisch beanlagten, mittellosen Knaben Lewandowski, welcher trotz mannigfacher Entbehrungen und des Mangels aller Unterrichtsmittel, durch eigenen Fleiß in nur einigen Monaten es dennoch zu einer erklecklichen Fertigfeit im Violinspiele brachte, und Alexander Mendelssohn, selbst ein Musikliebhaber und langjähriger, tüchtiger Violinspieler, ersuchte Salomon Pleßner, ihm den Knaben zuzusübren. Mit pochendem Herzen betrat der schüchterne Knabe die Pforte deS vornehmen Hauses, und als im reichausgeftatteten Salon, allwo das arme Kind staunend all die Herrlichkeiten betrachtete, plötzlich auS einem Nebenzimmer ein stattlicher Mann auf ihn zurrat, erstarb dem bebenden Knaben selbst der kürzeste Gruß auf der Zunge. Doch, was war das? — Der Knabe traute seinen Ohren kaum. Der vornehme Herr wollte etwas sprechen und brachte ebenfalls kein Wörtchen hervor; denn auch Alexander Mendelssohn stotterte. Der Knabe, der dies bemerkte, schöpfte frischen Muth und stieß gewaltsam die wenigen Worte hervor: ,Ich kann schön singen*. Er wurde zum Singen aufgefordert, und nach dieser Gesangsproduction. so erzählt Herr Musikdirector Lewandowski noch heute mit tiefer Rührung, stotterten die beiden eine geraume Zeit ein erschreckliches Duett, in dessen Verlaufe sich Mendelssohn nach den Fortbildungsbedürfnißen des Knaben erkündigte und ihm endlich einen Tag bestimmte, an welchem er mit ihm Violinduette spielen werde. Nachdem der Knabe sich entfernt hatte, kam Alexander Mendelssohn zum Bewusstsein, dass die weitere Ausbildung deS reichbeanlagten Knaben in seiner Hand liege und das zartbesaitete Herz des reichbegüterten Mannes war von dem Wunsche beseelt, dem Knaben alles das zu bieten, was für seine Ausbildung nöthig sei. Lewandowski folgte der Einladung selbstverständlich freudig, und beim nächsten Zusammenspiel bewunderte Mendelssohn das Spiel deS Knaben, desien Intonation, Auffassung rc., auch das Benehmen des Knaben machte einen trefflichen Eindruck, so dass sich zwischen Beiden ein Freundschaftsverhältnis gestaltete, welches nur der Tod Alexander Mendelssohn's löste. Diese engen Beziehungen Lewandowski's zu A. Mendelssohn waren, für den Jüngling nicht blos von der weitgehendsten materiellen^ sondern hauptsächlich von ethischer und didactischer Bedeutung- Im Salon Mendelssohn verkehrten die allerersten Künstler der Residenz, und hatte der Kunstnovize nicht allein die seltene Gelegenheit, den Gedankenaustausch maßgebender Männer zu belauschen, sondern sich gleichzeitig an den exacten Musikaufführungen zu erbauen und sich hie und da an denselben zu betheiligen. Diese Kunstatmosphäre brachte auch in dem Jüngling.

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