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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-05-24 · Heft 17 (24.5.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 17 (24.5.1886)
Date
1886-05-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 der guten alten Zeit! — Hierauf ist zu erwidern: Für den Standpunkt unserer jetzigen Kunstbildung, bei der musikalischen Atmosphäre, in der wir leben, wäre es eine arge Verirrung, unter die Leitung deS alten Systems zurückzukehren, das von unsern Theoretikern als eine Vorarbeit bezeicbnet wird, die nothwendig zum Modernen Tonsystem hinführen mußte. Wer da den musikgcschichtlichen Prozess und die harten Kämpfe kennt, welche die Heroen der Kirchenmusik in alter Zeit zu bestehen hatten, wird die Gefahren ahnen, die der Synagogenmusik bevorstehen dürften, wenn wir den Alterthümlern folgen würden. Beleuchtung -es Wischen Traditions- Gesanges mit Berücksichtigung der einschlägigen Jach-Mteratur. Vortrag gehalten am 6. Mai ^886. Von Josef Goldstem- Wien. Nach einer kurzen Begrüßung der Anwesenden gieng der Vortragende auf sein vorgeschriebenes Thema in folgender Weise über: ,311 Ende des Jahres 1849 wurde ich als 12jähriger Knabe in der damals großen Gemeinde Neutra als Chasan angestellt, an Stelle meines eben verstorbenen Vaters, und füllte dies Amt aus, wie ein Chasan soken werogil, durch 5 Jahre. 2m Jahre 1855 kam ich nach Wien, um hier musikalische Ausbildung zu genießen und^Sulze»zu studiren. Zu Ende des Jahres 1857 wurde ich in Wien rm Leopoldstädter Tempel als Cantor angestellt, bin somit seit 28 Jahren ununterbrochen in Wien thätig. Während dieser Zeit sind mir massenhafte, in unser Fach einschlagende Compositionen vorgekommen, ohne dass es mir je beigefallen wäre, an irgend welchem Werke Kritik üben zu wollen, denn ich habe jedes Schaffen und Wirken, von welcher Seite es immer gekommen war, zu schätzen und zu würdigen gewusst. Doch heute ist es anders. — Vor Kurzem ist eine Broschüre erschienen, welche unseren geehrten Collegen, Herrn Obereantor I. Singer, zum Verfasser hat, und gerade diese Broschüre, wenn sie auch kein musikalisches Werk ist, hat das ganze Interesse für unser Fach in mir erweckt und zu dem heutigen Vortrage Anlass gegeben. Meine Herren Collegen! Um auf die Details zu sprechen zu kommen, will ich den geschichtlichen Theil übergehen, der Wohl von einer fleißigen und mühevollen Durchsuchung alter und neuer Werke der Geschichte zeigt, jedoch für die Sache, das heißt, für die Steiger, die den Grundstoff der Broschüre bilden, ohne Belang ist, besonders da wir weder Anhaltspunkte zur Entkräftigung, noch Beweise für die Bekräftigung derselben haben. Ich gehe nun, auf die Steiger über. Das wahre, schöne und richtige Chasonus, sowie der charakteristische Steigergesang erblühte zumeist in der Zeit der Chasonim, David Brod und Kaschtan, deren Chasonus und Steigergesang ich schon in meiner Kindheit vollkommen abgelauscht und innehatte. Das Erinnerungsvermögen unserer Generation reicht nicht weiter zurück, als bis zu jener Zeit, in der diese beiden Koryphäen lebten, und da ich, wie ich schon erwähnt, das Chasonus der bedeutendsten damaligen Berühmtheiten mir eigen gemacht habe,, so werde ich mir erlauben, die vom Verfasser der Broschüre ausgezeichneten Scalen und Steiger zu widerlegen, und durch Erläuterungen,, sowie auch durch gesanglich gegebene Beweise einen klaren Einblick in das richtige, alte Chasonus zu ermöglichen. Der Verfasser stellt für den synagogalen Gesang 3 Steiger auf, und zwar: discbtabacb-, Mögen Owos- und Adonoj Moloeb-Steiger. Dies ist aus dem Grunde unrichtig, weil es, wie ich später beweisen werde, einen Mögen Owos-Steizer gar nicht gibt, dagegen jedoch mehrere andere, charakteristische Steiger, deren der Verfasser in der Broschüre nicht erwähnt, eine umso auffallendere Unterlassungssünde, als die nicht erwähnten Steiger fast charakteristischer sind, als die in der Broschüre an« geführten, und weil dieselben noch heute in unserem Gottes« dienste angewendet werden. Der diseblabaeb-Steiger ist nicht, wie der Verfasser behauptet, aus den Tönen e des e f g as b c zu bilden, s ondern richtig aus den Tönen: Aufwärts edefgashc und abwärts e h as g f e des c. Eine Eigenthümlichkeit dieser Scala, dass auch nach abwärts wie nach aufwärts ein Leitton zu dem Grundton e zu bemerken ist. Und nun will ich den Jisclrtabach nach David Brod, der aus dieser von mir angegebenen Scala gebildet ist, als Beispiel Vorsingen. (Siehe Musikbeilage Nr. 1 und 2).*) Ich bin überzeugt, jeder Fachmann wird diesen Steiger als richtig erkennen. Es erklärt sich wohl von selbst, dass die Melodie des disebtabäeb in der Broschüre nicht richtig sein kann, da sie doch «ns der falschen Scala gebildet ist. Hier muss ich auch von dem Or-Obodoseb- oder Abawö Rabbob-Steiger sprechen, eines derjenigen, die in der Broschüre nicht angeführt sind. Die Scala desselben ist nach auf- und abwärts gleich, o des efgasbc — ehasgfe des c und verlangt fast ausnahmslos in ihrer Anwendung im Gesänge das b nach dem Grundton e. Dieses b wird immer der E-raoll-Accord, nach welchem E*dur folgt. Dies ist jedoch nur ein Trugschluss; denn es zieht nach dem Schlußaccord F-moll. (S. M. B Nr. 5. Abs. 1). Es ergibt sich aus der Charakteristik dieses Or-Cbodoscb- Steiger, dass wir aus demselben noch eine zweite weit charakteristischere Scala als die des disebtabaeb-Steiger schöpfen: f g as b. c des e f mit der Merkwürdigkeit, dass hier drei halbe Töne b c des nebeneinander gereiht, schön und natürlich klingen und den originellsten jüdischen Charakter haben. (S. M. B. Nr. 5, Abs. 2). Beide Scalen sind berechtigt, als Tonleiter für den Or- Obodoseb-Steiger aufgestellt zu werden, aber mehr noch die zweite hier angeführte. Die beiden Steiger discbtabach und Or-Cbodoscb haben in der einen Tonleiter einige Aehnlichkeit, sind aber in der Anwendung im Gesänge ganz verschieden und haben die interessante Charakteristik, dass im disebtabaeb-Steiger zumeist die Quinte, sowohl im Neeitiren als für die Effectstellen, und im Or-Obodoseb-Steiger die Terz für das Recitativ und die Quart für Effectstellen angewendet werden. Die Quinte wird hier beim disebtabaeb-Steiger vielleicht so oft angesungen, als alle anderen Töne zusammen, während im Or-Obodoseb-Steiger, wie gesagt, die Terz und Quart so oft als alle anderen Töne zusammen angewendet find. Nr. 3 in der Broschüre ist die Scala für den Mögen O^os-Steiger c d es f g as b c. Dies ist ganz einfach die mit 3 b vorgezeichnete moderne Es-dur-Scala und beginnt anstatt mit es, ungerechtfertigt mit e. Nach keiner Richtung hin ist hier etwas jüdisch Charakteristisches bemerkbar. Ich habe vorhin erwähnt, es gibt keinen Mögen Owos-Steiger und es *) Die angeführten Nummern beziehen sich auf die beigegebene Musikbeilage, die wir behufs eingehenden Studiums der Frage aufzubewahren ersuche». Die Red. /

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