Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 16 (16.5.1886)
- Date
- 1886-05-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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© fein kann, wenn ich den singenden Hausgenossen nicht bis in fein Innerstes fasse und die zarteren Züge an ihm entzisfre. Daher erkläre ich mir, warum man so gern vor lieben Menschen, so gern vor Guten, denen man sich nnverschleiert ganz mittheilen, denen man manches sagen möchte, das man in Worten weniger gefühlvoll ausdrücken würde, singt; und woher im Gcgentheil ein nur durch Urbanität gemildeter Widerwille unsere Kehle mit der Seele zusammendrückt, wenn man uns nöthigt, da zu singen, wo wir in unserem Berührungskreise Wesen gewahren, die uns misverstehen wollen, die unseres Herzens Gefühl verspotten׳ oder misbrauchen könnten. Wenn wir schon früh suchten das Organ unserer Zöglinge dadurch zu entwickeln, dass wir sie die Töne aus Vocalcn und einzelnen Silben singen ließen, so wird es nun des Sängers Sache, seine Sprache für den Gesang zu bilden, und sich alle .die Kenntniße zu erwerben, die seine Kunst heben werden. Seine Sprache muss sich von jeder Provinciellen Verstümmlung frei erhalten, er muss wissen, was zur vollkommen guten Articulation und reinen Declamation gehört, und von früher Kindheit an seine Rede ihren Erfordernißen gefügt haben, um den gehörigen Nachdruck, die Deutlichkeit durch Ein׳ schnitte größerer oder kleinerer Art, an dem rechten Orte anzubringen. Er muss vollkommen richtig lesen und reden und sich nie erlauben, die kurze Silbe lang, oder die lange kurz zu geben, nie den Nebengedanken durch den daraus gelegten Accent zum Hauptgedanken erheben, vielmehr es sich durchgängig zur Ziegel machen, wenn er singt stets zu denken: versteht der Zuhörer auch jedes meiner Worte? Gesang ist eine durch Leidenschaft erhöhte Rede. Sowie Poesie das überströmende Gefühl lebhafter Empfindung über die gewöhnliche Rede erhebt, so hat v'ermuchlich der erste Sänger, als ihn irgend eine Leidenschaft auf ihren Schwingen trug, sich gezwungen gefühlt, in Gesang auszubrechen. Denn, obzwar eine noch so erhöhte Declamation nie bis zum wirklichen Gesänge überschreitet, so liegt doch in den Grundzügen dieser beiden Ab׳- stusmrgeu. eine genaue Verwandschaft, die das Bedürfnis nach einer höheren Tonregion, in der sich die Leidenschaft freier als in der Rede ausdehnt und lebhafter wirkt, dringend macht. Die Brücke zum eigentlichen Uebergange scheint verloren; denn wie jetzt die Sachen stehen, so muss der leidenschaftliche Redner einen Salto mortale in das Gebiet des Sängers wagen. Wer gut spricht, rund und deutlich articulirt, richtig accentuirt, der hat einen großen Vortheil errungen; ihm wird es nicht schwer fallen, vornehmlich und unterhaltend bei seinem Gesänge Zu werden. Wenn die richtige Declamation für den gebundenen Gesang ein unausbleibliches Erfordernis ist, so wird sie bei dem Recitativ zum dringendsten Bedürfnis. Za, sollte der Sänger jemals hoffen, sich bis zur Composition zu erheben, so kann er ohne sie nicht einmal das geringste Liedchen gehörig setzen; daher wird man leicht einsehen, wie nöthig es sei, früh des Zöglings Sprache zu bilden. Es gewährt großenNutzen, wenn man ihn das zu lernende Singstück mehreremal durchlesen lässt, bevor er sich an den Gesang wagt, damit er auf die ganze Haltung des Textes, auf i die Hauptgedanken und die Einschnitte der Punktation und Betonung aufmerksam werde. Die größte Zahl der jungen Leute, welche in Schulen oder bei wenig sorgsamen Personen lesen lernen, pflegen einen sehr unangenehmen Ton zu haben, der auch ohne Gesang zu singen scheint, wenn sie lesen. Sie beten alles ohne Nachdruck, ohne Artikulation dergestalt her, dass man Acühe hat, den feineren poetischen Sinn aufzufafsen. Diese Unart klebt oft selbst den Erwachsenen noch lange an und wird ן-befonberß da auffallend, wo sie das Ohngefähr der Verlegenheit Preis gibt, in Gesellschaft laut vorlesen zu müssen. Die gute Artikulation wird dadurch befördert, wenn der Redner oder Sänger jedem Buchstaben und besonders jedem Vccal seinen gehörigen Laut lässt; wenn er jede Silbe seiner Sprache so bestimmt heranshebt, dass nie etwas hinzugefügt oder abgezogen wird, das gegen den Klang der Rechtschreibung streitet, ohne jedoch die Wortführung grell und eckig werden zu lassen, sie vielmehr so runden, dass, ohne herbe zu klingen, jedes Wort verstanden wird. Hier erkennt man leicht den denkenden Sänger, sowie die vortheilhaftere Sprache unddie große Erleichterung, welche die frühe Gewöhnung an verbesserte Aussprache (die bei so manchen Erziehungen vernachlässigt wird) gewährt. Hier lernt jeder die besonderen Nachtheile seiner Muttersprache für den Gesang kennen, und durch Studium den Hiudernißen ausweichen, die er nicht vernichten kann. Dieses Studium sollte ganz besonders die Aufmerksamkeit der Erzieher und Singmeister solcher Nationen reizen, die in ihrer Sprache außerordentliche Schwierigleiten für den Gesang stnden. Da ein klingender Laut ,nach gewissen Umständen angenehm oder unangenehm aus des Zuhörers Ohr wirkt, so muss es dem nachdenkenden Sänger nicht schwer fallen, durch seine Studien diese Bedingungen kennen zu lernen, um nach öfterer Wiederholung der Stimme weiter zu überlegen, auf welche Weise er seiner Kehle die Richtung benehmen kann, die den unangenehmen Laut mittheilt. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik Wanclova. Wer von Jugend aus an ein jüdisches Gemeindeleben gewöhnt ist, der muss es leider jetzt hier recht uugemüthlich finden und über den religiösen Judifferentismus, der in Pancsova Platz gegriffen hat, tiefes Bedauern empfinden. Das Jüdische schwindet immer mehr und mehr, und es ist kaum möglich zu einem Jahrzeit das nötige Minjan irn Tempel zusammenzubringen. Gottesdienst findet wirklich nur za allen ,heiligen Zeiten* statt. Vom jüdischen Religionsunterrichte gar keine Spur. Mehr als 1.00 jüdische Kinder nehmen an dem Religionsunterricht'in der christlichen Bürgerschule thcil. Dafür aber ist jüngst in dem baufälligen Tempel ein Harmonium ausgestellt und als ein bedeutungsvolles Ereignis gefeiert worden. Es wird die Leser dieses geschätzten Blattes gewiss lebhaft interessiren, etwas Näheres über diese Harmoniumweihe zu erfahren, um so . mehr als der in einem hiefigen Loealblatte erschienene Bericht, besonders jedoch die sonderbare von unserem resormsüchtigen Cantor gehaltene Einweihungsrede die eigenthümlicheN jüdischen Gemeinverhältniße in grellstem Lichte erscheinen lässt. Der Bericht lautet ,Im hiesigen Cultustempel fand am Rüsttage beim Abendgottesdienste eine schöne Feier statt. Das von der Kirchengemeinde (!) angeschaffte schone Harmonium wurde geweiht und dem Dienste der Kirche (!) übergeben. Es wird in Zukunft zur Begleitung des gemischten Chores dienen. Bei dieser Gelegenheit sprach Obercantor S. Goldgräber folgende Einweihungsworte: Und so möge sich von allen Seiten ergießen der Geist jenes Sängerkönigs, der Geist Gottes, und mit der Macht ■beö erweckenden Frühlings alles Erstarrte neu beleben, auf dass die Menschheit von der Knechtschaft, von Wahn und Irrglauben, von Vorurtbeilen in das Lichtgebret der Erkenntnis und des reinen beseligenden Glaubens gelange, ans dass sie!ich als ein Familie suhle, dass sie sich um den erhabenen einzigen, alles lenkenden Vater reihe, und in Erfüllung gehe das Wort des Propheten: ,Und an jenem Tage wird der Ewige einzig sein, und sein Name einig.' Und so wie die Töne dieses Instrumentes keinen Unterschied zwischen Mensch und Mensch,