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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-05-16 · Heft 16 (16.5.1886) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 16 (16.5.1886)
Date
1886-05-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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— 5 — drückten die Strahlen der Freiheit, unter welchen die Blüthen der Wissenschaft und Dichtkunst aufgegangen waren. Aber auch in Polen dämmerte der Schimmer fürstlicher Gunst den aus Deutschland vertriebenen und von Kasimir IH. aufgenommeuen Juden, so dass bis ins 17. Jahrhundert in Polen der Schwerpunkt des Judenthums zu suchen war.; Im Orient erwuchs in der vom Stickstoff der Kabbalah : geschwängerten Atmosphäre und auf den Trümmern der socialen; Stellung der Juden der^ falsche Messias Sabbathai Zwi. Der im 16. Jahrhundert von Josef Karo in Palästina geschaffene vicrbändige Ritual-Codex ״Scliulchaii Aruch“ wurde durch Moses Jsserles in Krakau mit ergänzenden und erörternden Glossen ausgestattet und von Polen aus über das.gesummte .Judenthum zur Anerkennung und praktischen Geltung erhoben. Der Schulchan Aruch, der nicht su bj e ct iv e Ansicht sondern stets o b j e c t i v e Gesetze in den Vordergrund stellt .und den Schwerpunkt der Entscheidung in das religiöse Urtheil, keineswegs aber in die von äußeren Verhältnißen bebedingte individuelle Anschauung legt, ist gleichwohl in der Neuzeit in seinem Ansehen erschüttert worden, und hat bin- .d e n d e Kraft bei Allen verloren, die auf dem Standpunkte der Aufklärung stehen. Das genannte Conpendium ist in Bezug aus uns die lebendige Entwickelung des religiösen Ideals, der Autorität ,des Gedankens, die Nejultate der wissenschaftlichen Forschung und den nothwendigen Anschluss an die Cultusbestrebnng der Nation theils lückenhaft, theils dieser Richtung entgegengesetzt- So kam es, dass in Amsterdam, das moderne Zion des 17. Jahrhunderts, die Stadt die der Vorort jüdischen Geisteslebens gewesen, zwei denkwürdige Persönlichkeiten auftraten, welche dem dem Ideale des Prophetenthums so entfremdeten in Formen und Formeln so zersetzten und verzerrten Judenthume den Krieg erklärten, dem Judenthume, dessen Glauben nur in Satzungen und Buchstabenkram bestand : U r i e l A c o st a und Benedict Spinoza. Unter der Sonne der Reformation reifte der Dornbusch des Gedankens, auf welchem die bewusste Gottheit dem Menschdngeiste erstrahlte. Mit dem Dornenkranze selbstlosen Denkens geschmückt, ragt Spinoza auf den Ruinen, seiner Zeit hervor und legt innerhalb derselben den Grundstein, auf welchem der Tempel der neuen Weltweisheit errichtet ward. Spinoza hat Maimonides zur Voraussetzung, dieser hat in den Talmud sich hineinphilosophirt und in die Philosophie hineinexegisirt, jener hat in die Philosophie sich hineintalmudifirt und in die Exegese hineinphilosophirt. — Unter den Trümmern dogmatischer Anschauung begräbt sich A c o st a, der die Säulen unterwühlte, auf die der alte Glaubensbau gestützt war- Spinoza ist ein Held in der Tragödie der Gedankenfreiheit, A c o st a eine lebendige Tragödie, den Kampf veranschaulichend, in welchem das nach Freiheit ringende Gewissen verblutet. — Auch im vorigen Jahrhundert überflutete der wellenschlagende Strom der talmudischen Lehrmethode das enge Bett der ans Codices und Paragraphen zusammengesetzten Satzungen. Nicht minder senkte das durch Le s sing angestammte Licht der Aufklärung, an welchemM e n d e l s s o h n s und seine Zeitgenossen sich sonnten, seine leuchtenden Strahlen in das Herz des Judenthums. Gebrochen war der Bann des Buchstabenglaubens, der .Gedanke war als unveräußerliches Menschenrecht heilig .gehalten, das S L a a t s g e s e tz als Grundbedingung der Wohlfahrt betrachtet. Der Blick erweiterte sich auf die Gesammtheit des Judenthums in religiöser, auf die Gesammt׳ Menschheit in ethischer, die des Staates in politischer Beziehung, welch' letzterer die beiden ersteren sich unterordneten. Die Wechselbeziehung der nationalen, wie der religiösen Bildung, bedingte in letzterer Richtung eine Verallgemeinung des Inhaltes, und nach der ersteren hin eine Würdigung der sittlichen Wahrheit des Jndenthums. Nur die Verkennung und Verunstaltung des Principes eines wechselseitigen Verhältnißes religiöser und nationaler C u l t u r und Freiheit hat das Judenthum gespaltet und seine Einigkeit zerrüttet. In der Vereinigung h i st o r i s ch e n Bewußtseins mit rationeller Entwickelung, in der Einheit der Gemeinden mit der Freiheit des Einzelnen und der Richtungen ist das Heil zu suchen und zu finde u. Prof. Nascher. Gesangs-Briefe. (Fortsetzung.) Poesie und Musik sind die zwei unter den neun Schwestern, welche versprachen, sich treu auf der Wanderschaft unter den Menschen beizustehen, und, da ihre Macht nicht bis zur Vertilgung der Dornen, die auf dem Lebenspfade verstrent sind, hinreichte, wenigstens die Verwundeten mit Rosen zu überdecken. Apoll beschenkte die Verschwisterten mit einem Zauberschleier, als sie zum Tröste der Menschen zu ihnen hernieder schwebten, dessen reizendes Helldunkel die magische Kraft vermehrt, wenn sie vereint sich damit schmücken und ihren Anbetern überirdisches Entzücken bereiten, wo Verstand und Gefühl so liebend verschwistert sind, dass schöne Musik dem Geiste Poesie, und edle Dichtkunst dem Herzen Musik wird. Was könnte die Veranlassung sein, dass vor allen Erscheinungen in dem-Tongebiet man der Vokal-Musik so'allgemein den Preis zuerkennt, dass selbst Menschen, deren weniger glückliche Organisation sie aller Empfänglichkeit für die Zauber der Tonkunst scheint entzogen zu.haben, sich doch genöthigt fühlen, dem Gesänge zu huldigen: wäre es nicht die Vereinigung dieser -beiden Musen, die so innig den denkenden mit dem fühlenden Menschen umfassen? Er kennt ja nichts Anziehenderes, als den Inbegriff alles Denkens und Fühlens, seine und des Bruders Seele kennen zu lernen, und mit geschärftem Blick in das Innerste seines Innern zu dringen, wo er tausend Lichtstrahlen auffasst die ihm das Helldunkel seiner eigenen Empfindungen, wie die Gesinnungen Anderer, aufklären und beleuchten. Aber es gibt keinen Weg, der so sicher zu dieser Kenntnis führt, als der, wo das Ausströmen des Gefühls in den Aeußerungen des l Gesanges den Menschen zeigt, wie er ist, und sich das Gemüth dem Gemüth aufschließt. Ein nach freier Willkür und Bedürfnis der Empfindung gesungenes Lied wird immer mehr oder weniger eine vertrauliche Mittheilung. Der Sänger, welcher mit mir unter einem Dache lebt, den ich Gelegenheit habe, täglich in seinem freien Ton- Wirkungskreise zu beobachten, kann meiner Beobachtung nicht entgehen. Ich kenne seine Gesinnungen, seine Empfindungen sowie seine Launen. Was ihn freut und was ihn drückt: es spricht so manches leise Gefühl durch den Gesang an, das mit Worten nie zur Sprache kommt; denn jeder seiner gesungenen Töne ist ein Ausdruck seiner Seele. Die Stimme ist unsere vertrauteste Freundin, sie klagt und .freut sich, schäkert und leidet mit uns, und der Mensch, welcher neben mir mehrere Jahre seine Stimme als den treuen Wiederhall seines Innern gebrauchte, bietet unwillkürlich so viel Stoff zu psychologischen Bemerkungen, dass nur ein Mangel an Beobachtungsgeift schuld

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