Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 16 (16.5.1886)
- Date
- 1886-05-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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repräsentircn. Wohl wären noch zwei Gesangsarten hier anzuführen, die ebenfalls zum Synagogengesange gehören und ebenso ihre Eigenheiten besitzen, und zwar sind das die Mischeberack־ ober Aw110־rachan1nn*®attmt;5 und die Os bekol־®attu11g, welche letztere bei russischen Chasanim besonders in großem Ansehen steht. Allein ich habe sie deshalb nicht unter die Zahl der vorigen ausgenommen, weil die erstere von der Normal- Molltonart nicht wesentlich verschieden ist, ihre charakteristische Eigenthümlichkeit besteht nur darin, dass ihr Gesang gern und oft in das Gebiet der dritten Gattung hinüberstreift, oder musikalischer gesprochen ,modulirt* und sich mit ihr zu affimkliren sucht; den letzteren Gesang zähle ich deshalb unter unseren Tongartungeu nicht auf, weil er in der That kein specifisch jüdischer, sondern ein einem fremden Volksstamme angehörender Gesang ist, der bei den. Völkern der Donaufürstenthümer als volksthümlich gilt. Um aber auch diese Gesangsart nicht ganz unerörtert zu lasten, da sie doch in manchen Gegenden — wahrscheinlich ihrer kleinen Verwandtschaft wegen, von der kleinen Sccund aus. mit einer unserer Tongattungen — sich auch in unserer Synagoge ein Heim erworben, will ich auch ihre Charakteristik beleuchten. Die Hauptkennzeichen derselben sind die kleine Secnnd und die wieder dadurch entbehrliche Septime. Nun kommt aber noch hier hinzu, dass auch oft die kleine Quint bei dieser Gesangsart in Gebrauch kommt, welches Intervall aber nicht zu den lcitereigenen gehört, sondern es wird nur als Modulationsmittel angewandt, um mittelst dieser versetzten Quint leichter zu Untersecnndentonart zu gelangen, wo die besagte Quint als normale Septim erscheint, und die ganze Tonart dadurch ein modernes Gepräge erhält. So sieht also der jüdisch traditionelle ,Stehgreifgescmg* .in■) einer ganzen Gesammtheit und Vollständigkeit aus. Es ist nur noch zu bemerken, dass es außer den hier angeführten tonischen Verschiedenheiten bei allen diesen Gesangsarten auch noch rhythmische und melismatische Eizenthümlichkeiten gibt, die bei den Compositionen sowohl wie beim Vortrage wohl zu beachten und zu berücksichtigen sind. (Fortsetzung folgt.) Verklungene Saiten. ״Das ist die Geschichte der Menschheit" . . ist ein -großer Grundsatz der Lehre Midrasch Tanchumma. An den letzten Pastahabenden -las man gedankenlos die Stelle: »Es wäre genügend, dass Moses uns zum Berge Sinai führte* . . . hiezu fügen die Weisen die Bemerkung, dass die Bibelstelle: Es lagerte Israel dem Berge Sinai gegenüber, in der E i n h e i t des Iudenthums angesichts der geweihten Stätte lag bereits das erhebende Moment. Und in der Einigkeit des Judenthums liegt die Machtfülle seiner Sendung, ein heiliges Lied auf verklung e n e n Saiten ranke sich das Judenthum inmitten des e n t f e s s e l t e n R a c e n h n s s e s d e r G e g e n w a r t hinan, und in der Geschichte der Vergangenheit zu blättern, ist und bleibt ein großer Grundsatz der Lehre. In der Einigkeit lag die Macht, über die Schreckniße der Vergangenheit siegreich das Scepter zu schwingen, denn das Mittelalter'war eine ununterbrochene Neihe von Verfolgungen, man gewahrte überall dampfende Trümmer und rauchende Scheiterhaufen. Nur im türkischen Reiche leuchteten den Unter- Ein mnthigcs Iudemns-chen. Aus der Leidensgeschichte der Juden in Marokko erzählt der Reisende Karrington Folgendes: Zuleika Haschul war ein junges Mädchen von dreizehn Jahren und hatte demnach die geistige und physische Reife erlangt, die in unserem kälteren Klima erst mit dem sechszehnten oder siebzehnten Jahre einzutreten pflegt. Ihre ungewohnliche Schönheit hatte allgemeines Aufsehen erregt und ihr be׳ sondercs die Liebe einer Nachbarin, einer alten Mohamedanerin, erworben, die vom heißen Verlangen beseelt wurde, ihre reizende junge Freundin zu der ihrer Meinung nach allein selig machenden Lehre des Islam zu bekehren. Die Umstände schienen endlich ihren Wunsch zu begünstigen. Die Eltern Zuleika's bedrohten sie wegen eines Vergehens mit einer Züchtigung, was sie veranlasste, nach dem Hause ihrer Nachbarin su entfliehen und deren Schutz anzusucheu. Die alte Maurin benutzte diesen Anlass, sich zum Kadi zu begeben und ihm zu erklären, das Mädchen habe in ihrer Wohnung Zuflucht genommen, sich zum Glauben des Propheten bekannt und den Namen Allah's angerufen. Zuleika musste vor dem Kadi erscheinen, ' leugnete aber auf das Bestimmteste, ihre Religion verändert oder einen solchen Schritt auch nur beabsichtigt zu haben, weshalb man sie bis aus weiteres eiusperreu ließ, während der Kadi dem Hose Bericht über die Sache abstattete. Der Kaiser befahl, sie nach Makwinez zu schicken, wo er damals seine Residenz hatte. Bei ihrer Ankunft wurde sie im Harem eingeschlosten. Man bot ihr prächtige maurische Kleider an, welche sie mit Verachtung ausschlug, indem sie ihre Anhänglichkeit an die israelitischen Sitten und Gebräuche betheüerte. Dreimal wurde sie vor den Richterftuhl des Kaisers berufen, wo sie mit der größten Unerschrockenheit fortfuhr, ihre Abtrünnigkeit zu leugnen, obgleich man ihr versicherte, dass die Annahme des Jsam das einzige Mittel sei, ihr Leben zu retten. Das dritte Mal wurde endlich ihr Todesurtheil ausgesprochen. Sie wurde sogleich von der Wache ergristen und unter dem Zulauf des Volkes nach dem jenseits der Stadtmauer gelegenen Nichtplatz geschleppt. Beim Schaffst angekommen, drang man von Neuem in sie, den Namen Allah's auszurufeu, worauf sie erwiederte. die jüdische Religion sei der Glaube ihrer Voreltern gewesen, die deswegen Verfolgungen aller Art und selbst den Tod erlitten hatten, und auch sie werde sich für eine Sache aufopfein, für welche Propheten, Sänger ׳ und mächtige Kriegshelden ihr Leben gelassen. Dem Kaiser sagte sie in Gegenwart seines Hofes und der Wachen, seine'Geschenke und Kleider wären für ein jüdisches Mädchen unziemlich und würden dieselben ihr den Fluch zuziehen, wenn sie sie anziehen sollte. Als der Monarch ihr wiederholte, dass sie Mohamed anerkennen oder das Haupt verlieren müsse, antwortete sie, dass sie ebenso bereit sei, die Wahrheit ihres Glaubens mit dem Leben zu bekräftigen, als er, unschuldig Blut vergießen zu lassen. Von Verwunderung über ihre Schönheit und ihre Festigkeit durchdrungen, ließ der Sultan kein Mittel unversucht, sie von ihrem Entschlüsse abzubringen, und nachdem der Henker ihr einen Einschnitt in den Nacken gemacht hatte, fragte er sie zum letzten Male, ob sie Allah anerkennen und leben wolle. Sie erwiederte mit fester Stimme: ״Der Gott Abrahams, Jsaks uud Jakobs ist mein Gott; ich erkenne keinen anderen. ״ — Ihr Haupt wurde dann mittelst der Fallhacke vom Rumpfe getrennt. Die zahlreichen Inden, die Zeugen dieses Antrittes waren, vergaßen in der Wuth ihre gewöhnliche Behutsamkeit. Sje stürzten sich auf die kaiserliche Leibwache, und obgleich mehrere von ihnen schwer verwundet wurden, gelang es ihnen dennoch, sich der Leiche des un- Makwinez Mädchens zu bemächtigen, welche sie in der Nähe von begruben. W. J.