Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 16 (16.5.1886)
- Date
- 1886-05-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 am UBegimi feine§ }elften 8ebcn§jafyre& so weit vorgebildet war, dass er mit dem Studium der Mischnah beginnen konnte, welchen ernsten Arbeiten er bis zur Lar mizwali, also bis zum 13. Jahre, eifrig oblag. Diese, nach den damaligen Verhältnißen seltene Erziehung und Heranbildung des Knaben hätte wohl keine Veranlassung für die spätere Lebensrichtung Lewandowski's geboten, wenn nicht gewisse Eindrücke den Gottesfunken, der in der jugendlichen Seele des Kindes schlummerte, geweckt, genährt und endlich zur׳ mächtigen Flamme angefacht hätten. Der Vater Lewandowski's bekleidete nämlich, nach dereinstiger, ehrwürdiger Sitte, das Ehrenamt eines Vorbeters für Nussallm an hohen Feiertagen, kol nidre, Tali und Geschem, bei welcher heiligen Handlung er von seinen fünf Söhnen, unter, diesen auch (Loserl), als Hilfssängern unterstützt wurde. Da bei diesem allbekannten ״Zuhalten" nicht nach Noten gesungen, sondern das Treffen der jewelligen Harmonie der naturalistisch-musikalischen Anlage der Meseborsrlru überlasten wurde, so ist es wohl leicht erklärlich, dass diese gesangliche Thätigkeit des mit einer herrlichen Sopranstimme begabten Knaben als die Anfänge der musikalischen Laufbahn Lewandowski's zu betrachten seien. Unter Talmudlernen, Zuhalten und Vorsingen zum Tanze bei den sabbathnachmittäglichen improvisirten Tanzunterhaltungen der Wresch'ner Jugend, bei denen der Knabe als nicht zu entbehrender Factor sehr gesucht war, schwanden die holden Tage und Jahre der Jugendzeit dahin. Die holden Tage! Der Knabe entbehrte all das, was die Bedingungen einer heiter durchlebten Kindeszeit ausmacht. Mit 6 Jahren die dornigen und mühsamen Irrwege der Mischna betreten und jeden Tag unnachsichtlich sein Pensum abliefern. außerdem bei einer beträchtlichen Anzahl von Geschwistern auch öfters noch auf Vieles verzichten zu müssen, was - die Eltern unmöglich bieten konnten, war jedenfalls nicht geeignet, die Kindestage des fleißigen Knaben sonderlich zu er- Hellen. Allein der Gottesfunke, der in der kindlichen Seele zu erwachen begann, schuf dem Knaben inmitten seiner trockenen und ernsten Umgebung wirklich eine schöne, ideale Welt. Die auf offenen Markte von der aus drei Mann bestehenden Ortscapelle executirten Concerte oder ein durchziehender Leiermann, der vor jedem Hause seine neuesten Weisen erklingen ließ, waren geeignet, das Herz des kleinen Lewandowski höher schlagen zu machen; er vergaß und verzichtete gern auf Speis und Trank, ja die Bangigkeit vor der bevorstehenden Mischna-Prüfung trat Ln den Hintergrund, konnte er nur den ihn mächtig anziehenden geliebten Tönen lauschen, konnte er nur staunend und träumend jene geheime Kraft auf sich wirken lasten, die er gar nicht kannte, und welche ihn trotzdem so ganz und gar gefangen nahm. Das war die schöne, zauberische Welt, die das in der Kindesseele schlummernde Talent dem Knaben schuf, und nur von diesem Gesichtspunkte aus kann von einer glücklich durchlebten Jugendzeit des Knaben Lewandowski die Rede sein. Allein selbst dieses kärglich zugemestene Glück sollte nicht Lange andauern. Wie ein greller Angstruf um Mitternacht, so durchzuckte es das kindliche Wesen, als die Mutter plötzlich starb und eine Schaar unversorgter Kinder zurückließ. Die Verhältniße zwangen den Vater, sich nochmals zu verheirathen, und dieser Umstand war für fämmtliche Geschwister das Signal, den heimatlichen Heerd zu verlassen und draußen im Leben Unterkunft zu suchen. Wieder war es das Talent, welches den Knaben Lewandowski seinen Gang durchs Leben vorzeichnete und ihn sachte, und zart oder oftmals auch streng auf jene Bahn drängte, die seine Lebensbahn werden sollte. Wohin sollte der kaum 12jährige, aller Mittel entblößte Knabe sich wenden, um einen Stützpunkt im Leben zu finden? Das Natürlichste wäre jedenfalls gewesen, zu einem Kaufmann in die. Lehre zu gehen und, wie so viele seiner Jugendfreunde, das Leben zu durchhandeln. Wie kömmt es nun, fragen wir, dass der von seinem Vater mit zehn Silbergroschen für den Lebensweg ausgerüstete Knabe seine Schritte nach der Metropole seines Heimatslandes, nach Berlin, lenkte? Wieder war es ein innerer Herzensdrang, dem der Knabe unbewusst folgte, und so sehen wir ihn im Jahre 1833 am Anbeginne einer neuen Laufbahn und einer ihm vollständig fremden Thätigkeit im Getriebe der Residenzstadt Berlin, welche für seine sociale und künstlerische Wirksamkeit von weitgehendster Bedeutung werden sollte. (Fortsetzung folgt): Unsere Fachleitungen und ihre ehemalige Mnfiktieilage (von W i n n a ch e k.) VIII. Ein Anderer, als der früher genannte, feurige Volksredner, und prophetische Hellseher, ein phantasiereicher Volksdichter, ein gottbegeisteter Sänger und gottbegnadeter König, malt den jüdischen Gottesdienst noch in anderer Weise, mit noch reicheren, mehr die Wirklichkeit zeichnenden Farben aus; und wenn auch dieses hochpoetische Bild für ganz andere, längst vergangene Zeiten und für viel großartigere, gottesdienstliche Verhältniße componirt worden ist, so darf es dennoch auch für unsere heutige Synagoge nachcopirt werden, und glücklich die Zeiten, in welchen dieses Muster in den Synagogen Nachahmung findet. Der Psalm 68, Vers 25—27 schildert die damaligen Gottesdienste — mit dem leisen Hinweis auf den ersten Gottesdienst, den die Israeliten in ähnlicher Weise am Meere abgehalten haben, in folgender Art: ״דאו׳ הליכותיך אלהים ׳הליכות אלי ׳מלכי בקודש״ ״Man sieht deine Gebrauchsweisen, o Gott! Die Gebrauchsweisen meines Gottes, meines Königs, im Heiligthume" -,קדמו שדית ״ "אחר נוגנים׳בתוך עלמות תופפותVoran die Sangmeister, hernach die Sänger mit Begleitung der taktschlagenden Jungfrauen" ״ . “במקהלות ברכו אלהים אדני ממקור ישראליIn Gemeinden lobpreisen sie Gott, den Herrn, (durch Sangweisen) aus dem Ursprung Israels." 1) Das Stammwort הליכה״" bedeutet auch zuweilen den immerwährenden,unabänderlichen Gang, also Gebrauch einer Sache; wie,הליכות ׳"עולם לו wovon auch das talmudische ,הלכה“ herzuleitcn ist. 2) Die Synonyma «שרים“ und "נוגנים“ werden wohl am besten und verständlichsten zu unterscheiden sein, wenn man — und das mit Recht — annimmt, dass mit שרי□״" die Solisten und daher auch die höher Legabten Sänger gemeint sind) die jedes Gesangstück — sozusagen — ton angebend anzufangen und bis zum Einfallen des Chores weiter sortzuführen, hatten — das eigentliche Amt unserer heutigen Cantoren. — Auf diese Bedeutung hin führen die Bibelstellen, wie ״בקול שדים ושרות״ ושדים״ בהוללים“• — Dagegen sind unter "נוננים" die gewöhnlichen Chorsänger zu verstehen. Daher werden auch die Trinklieder, welche gewöhnlich im Chore der Trinker. ausgeführt werden, mit לנגינית שלתי שבן-״“ in der Bibel bezeichnet. Auf diese Definition wird sich wahrscheinlich auch die Piutstelle am Schlüße des "״סלוק לפ״וכוד stützen, die lautet wie fölgt וקדמו שדים״ אחר נוגנים ׳לדאת איךהם מנננים"• 3) Die Radix תפף״" bedeutet ursprünglich: gleichmäßiges Schlagen, wovon מתופפות על לבכיה?״" stch ableiten lässt, also auch ״trommeln', soviel wie ״taktschlagen", welche Accompagnementsart in damaliger Zeit — auch beim Singen — ausschließlich in Frauenhänden lag.