Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 15 (8.5.1886)
- Date
- 1886-05-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Können wir nun keine Säulen keine Pyramiden als Werke unserer Väter bewundern, so bleibt uns doch noch ein riesiges Denkmal übrig, das vom Zahne der Zeit unversehrt geblieben, au welchem seit seiner Errichtung gearbeitet wird, und das doch nicht vollendet ist. Es ist unsere heilige Schrift. Sie enthält diejenigen Künste, welche nicht der Hände Kraft, sondern des Geistes Macht erfordern. Zn ihr findet der Dichter Stoff, seine Gedanken flügge zu machen, der Redner Themata, um seine Eloquenz zu zeigen. Was aber Geist und Herz erhebt, den Gesang, finden wir darin in hohem Maße gewürdigt. Vom Schlachtfelde siegreich zurückzekehrt, stimmte man ein Danklied an, dem obersten ״Krieger' zur Ehre. Wie erhebend muss so ein gewaltiger Chor auzuhören gewesen sein! Die Musik, diese himmlische Zauberin, welche den Propheten ihren Sehergeist wieder gab, die Musik, der, nach dem Talmud, auch die Engel fröhuen, ist eine Kunst, worin die Hebräer productiv wirkten. Das letzte Capitel der׳ Psalmen beweist dies genügend. Die nachbiblische Zeit, das Exil, machte schon auf diesem Gebiete eine andere Wendung. Die Instrumentalmusik wurde Pietäts halber vernachlässigt. Da hieß es: ,An Weidenbäume hingen wir unsere Harfen', wobei die Exilirten wehmüthig nusrufen: ״Wie können wir singen den Gesang des Ewigen auf fremden Boden?' Nicht ranzten mehr die Jungfrauen Israels beim Neigen, wie ehedem; der Leviten-Chor wurde nicht mehr gehört, da die Hallen Gottes in Schutt und Asche darniederlazen, und kein Opferer sich ihnen nahte. Gingen aber die irdischen Schätze auch unter, so wurden die geistigen, unzerstörbaren Kostbarkeiten in desto festere Verwahrung gebracht. Diese Kostbarkeiten, die heilige Schrift und Sprache, bildeten erst jetzt eine Quelle unerschöpflichen Studiums, dessen Erzeugniße colossale Folianten anfüllen. Den Zuden in Spanien gehört das Verdienst, die v ergessene hebräische Poesie wieder erweckt zu haben. Ichsage ״die vergessene', denn micht schufen sie die Poesie in ,der hebräischen Sprache, sie wird von dem Forscher schon im Pentateuch erkannt, aber zu neuem Glanze brachten sie die altehrwürdige Sprache. Von vortheilhaftem Einflüße war es, dass die spanischen Zuden unter der Herrschaft der Araber mit der reichen Litteratur der letzteren bekannt wurden. Das Versmaß und der Reim sind entschieden fremdes Product, denn die Bibel weist nichts davon auf, ja manche Grammatiker wollen' sie in der hebräischen Sprache gar nicht dulden. Sie haben sich trotzdem .eingebürgert und es muss zugestanden werden, - dass ein Gedicht in Versen einen schöneren Text zum Gesänge liefert, als dies bei der Prosa der Fall ist. Unsere prosaischen Gebete können sehr schwer in regelmäßigen Tact eingezwängt werden, während z. B. das Gedicht 'NN in schönem Accord gesungen wird. Es liegt also in unserem Interesse den Reim und das Versmaß zu pflegen. Die jüdischen Gelehrten des arabischen Spaniens verehrten und vervollkommneten die hebräische Sprache und Poesie dermaßen, dass den Grammatikern nach ihnen bis auf heute nichts Neues zu schaffen übrig blieb; denn die neuern Sprachlehren und Wörterbücher sind nur neuere Ausgaben der Werke eines Abulvalid, eines Chajug, eines Kimchi und noch mehrerer. Die hebräische Dichtung war bei ihnen so beliebt, dass sie ihre Correspondenz in Versen, aus biblischen Sätzen zusammengesetzt, führten. Die Schreibart des N. Zuda Halevy und seines ebenso witzreichen wie gelehrten Schwiegersohnes Jbn-Esra erfüllt jeden Kenner mit Hochachtung gegen unsere uralte Sprache. Was der unermüdliche Gabirol aus diesem Gebiete geleistet, wird jedem einleuchten, der auch nur oberflächlich in sein NN2 hineinblickt. Dem jüdischen Canior ist es von großer Wichtigkeit die hebräische Sprache und Poetik gründlich zu kennen; denn abgesehen davon, dass er als Vorbeter die Gebete, welche er vorträgt, auch verstehen soll, muss er als Componist den in Musik zu setzenden Text gewiss vollkommen inne haben. Wir sehen aber leider manche Collegen, die die nöthigen Gebetstücke mechanisch absingen, ohne von deren Inhalt eine Ahnung zu haben. Und es ist doch nicht zu leugnen, dass man ohne Verständnis des betreffenden Textes den-Wörtern nicht den passenden Ton geben kann. Uebrigens wäre es im Interesse unseres Standes heiligste Pflicht des Cantors, neben der Musik auch die hebräische Sprache zu kennen und zu pflegen, zumal da seine Feinde (und welcher Cantor hat nichr solche?) ihm gern sein Amhaarezthum vorwerfen, welcher Vorwurf dann als unbegründet wegfallen würde. Gesangs-Briefe. (Fortsetzung.) Eine andere Uebung, um besonders ein schönes Portamento zu erhalten, ist diejenige, wo der Sänger einen seiner tieferen Töne leise anstimmt, sich, ohne zu wanken, mit dem crescendo darauf niederlässt, und dann, ohne Stoß oder Angabe eines dazwischen liegenden Tones, seine Octav rein und leise auffasst, um sie mit dem noch übrigen Athem, den man bei dieser Gelegenheit sehr haushälterisch zu verwalten hat, durch ein crescendo anschwellen zu lassen. Diese Uebung, durch den ganzen Umfang der Stimme vorgenommen, stärkt sie ganz besonders, und stimmt sie ganz rein vor dem Anfänge eines größeren Gesanges, wenn der Sänger seine Kehle etwas steif oder unrein fühlt. Die Stimme muss dabei so getragen werden, dass sie nirgends nachlässig hängt oder abbricht. Diese Uebung ist nicht ganz leicht, und die Schüler pflegen sich anfänglich an eine durchschleppende Tonreihe zu halten, durch deren Anklang sie das entfernte Intervall zu treffen hoffen, als ob sie eine Brücke gebrauchten. Doch muss man sie vor diesem Mißbrauch warnen. Nebst jener Uebung der langen anhaltenden Töne sind diese beiden die allerzweckmäßigsten, um die Intonation zu vervollkommnen, das Metall der Stimme zu entwickeln, und ein schönes Psrtamento zu erhalten. Man wird leicht einsehen, wie uöthig es ist, dass der Singmeister mit Scharfsinn das ganze Gebiet seiner Kunst überschaue, damit der Schüler Herr darüber werde, und man nicht das Eine um das Andere vergesse oder vernachlässige, viel׳ mehr stets mit regem Geiste das bedenke, was ihn weiter fördert. Die leichteren, geringeren Uebungen dürfen nicht wegen der Schwierigkeiten der größeren übersehen oder verachtet werden. Stellen nachzusingen, ohne die Noten vor dem Auge zu haben, übt das Ohr und die Vorstellungskraft. Aber der Lehrer, welcher darum den größten Theil der Zeit, dem Zöglinge vorsingen wollte, würde ihn zu einseitig bilden; das Auge würde zu kurz kommen, und nicht gleichen Theil in den Fortschritten des Treffens der Noten haben, und am Ende müßte er den Sängern ähnlich werden, die neben der Violin, wie die gelehrigen Finken, ihre Trompeterstückchen lernen. - Den Schüler stets mit dem Instrument zu begleiten, ihm jedesmal den Ton beim Anfänge eines Stückes, oder bei besonderen Uebergängen angeben, verhindert ihn, die nöthige Fertigkeit und Selbstständigkeit der Stimme zu erlangen. Man