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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-05-08 · Heft 15 (8.5.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 15 (8.5.1886)
Date
1886-05-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 der sehr Vielen ganz einleuchtend und leicht erklärlich scheint, mir von jeher sehr schwierig und dunkel vorkam. Was ist das für ein ״Zurufen", und was für ein Bewandtnis bat es mit der darauffolgenden, hohen Handlung der ,Heiligung*? Auf welche Art soll dieses Zurufen geschehen sein? Etwa wie es früher in unseren Synagogen der Fall war und zuweilen es auch noch jetzt ist, dass in einem wüsten Chaos Einer den Anderen überschreit und nicht weih, was er will und was er sagt? Nein! Dieses Zurufen hat die vielsagende Bedeutung der lautlosen Vorbereitung und der feierlichen Bereithaltung zu einer Pflichterfüllung, die jedem Wesen von der Vorsehung wohlweislich und nach den ewigen Gesetzen der Weltordnung auferlegt und zugemessen ist, um nn Chore mit anderen, gleichthätigen und pflichttreuen Existenzen im geeigneten Momente richtig einsetzen zu können. Solch' sprachloses aber sehr beredtes ״Zurufen" hören wir in der ganzen Natur mächtig schallen, wo die unberechenbaren und unermesslichen Kräfte in ihrem übereinstimmenden Wirken sich gleichsam aufmnnlern, im vorgeschriebenen Tacte zu verbleiben und auch die begrenzenden dynamischen Schranken nicht zu überschreiten, damit das Ganze an seiner Vollendung keinen Makel und in der Ausführung keine Störung erleide und dann erst Alles in die Huldigung der Schöpfung an ihren Schöpfer vollzählig einstimmen kann: ,Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerschaaren, voll ist die Erde von seiner Herrlichkeit!* Allein, so vollkommen und kttustgcübt auch die Mitwirkendeu sind, und so sehr sie sich auch bemühen, die Ausführung des Werkes nicht durch den leisesten Miston zu trüben; so können dennoch alle Bestrebungen leicht scheitern, wenn nicht die ganze Masse durch einen einzigen Willen zusammengehalten und geleitet wird, wenn nicht Alles dem Machtworte eines Lenkers sich unterordnet. Also außer den Zurufen und Anfeucrungen der thätigen Kräfte unter sich, ist, noch ein besonderer ,Zuruser* uothwendig, der das ganze Werk, überschaut und beherrscht, auf dessen Wort und Wink (ואמר) sich das Ganze in angemessene Bewegung setzt und die Arbeit unter Uebereinstimmung aller mitwirkenden Kräfte zu ihrer größten Vollkommenheit vollbracht wird. Und eine solche Zurufergestalt zeigt uns zunächst die Musik — dieses Miniaturbild der universellen Weltordnung, und in zweiter Reihe der Gottesdienst, und. zwar ganz besonders der jüdische Gottesdienst. Der sogenannte Cantor — besser schon Vorbeter — ist der eigentliche ,Zurufer' der betenden Gemeinde, die da in Bereit-, schaft steht, eine hochbedeutende Handlung nicht ein-, sondern zwei- und oft sogar dreimal des Tages zu vollziehen und jedesmal laut den frommen Wunsch mit unzweideutigen Worten zum Ausdruck bringt: ,Wir wollen deinen Namen aus dieser Welt ebenso heiligen, wie man ihn in den Himmelshöhen heiligt*; und wenn schon ihr (der Gemeinde) die oben geschilderten stillen Zurufe, die das volle Bewußtsein und den tiefen Ernst eines jeden Einzelnen bei der zu vollbringenden, heiligen Handlung bedeuten, oft leider gänzlich abzehen, so ist doch wenigstens dadurch eine kleine Aehnlichkeit zwischen der irdischen und himmlischen Heiligungsweise hergeftellt, dass auch hier der .Zurufer* nicht fehlt, der mit berechtigtem Stolze das ואמריי“ auf sich beziehen darf. .־- (Fortsetzung folgt.) Musik und Poesie der Hebräer. Von <S. KoHtt, Cantor in Kula-. Von den sogenannten sieben Künsten nahm sich jedes-Volk seinen Theil, zu welchem es besondere Anlage besaß. So finden wir die Architektur und Sculptur bei den Egyptern eultivirt, und die Nachwelt bewundert noch jetzt, nach mehr denn dreitausend Zabren, die riesigen Bauwerke, Zeugen eines entwickelten Geistes. Nicht Minderes wiesen die Griechen in der Malerei auf, wie auch die Töchter der Thalia und Terpsichore bei ihnen sich auszeichneten; und bei allen civilisirten Nationen des Alterthums war die eine oder die andere, oder auch mehrere der genannten Künste vorherrschend vertreten. , Was leisteten nun die Kinder Israels, die doch auch im hoben Alterthum ihre Glanzperiode hatten? — Nichts von alledem. Aber erschrecken wir darob nicht. Es ist wahr, die alten heidnischen Völker liebten die Künste, aber es war bei ihnen, mit unseren Weisen sprechend, eine יאהבה שהיא תלויה בדברי also בטל דבר בטלה אהבה. Zbre Liebe zur Knust war keine platonische, was sehr begreistich ist. Dachten sie sich doch ihre Götter selbst als menschliche, körperliche Wesen mit allen Leidenschäften und Gebrechen des Menschengeschlechtes behaftet, wie konnten sie nun das Irdische von sich selbst abstreifen und in höhere Regionen emporstreben? Und wenn ein Philosoph es dennoch wagte, seine Gedanken vom concreten Begriffe in eine geistige Sphäre zu erheben, so wurde er als Verächter der Götter verfolgt, oder im günstigsten Falle verspottet. Sokrates und Diogeneö sind die schlagendsten Beweise des eben Gesagten. Wohl glänzen Plato, Aristoteles, der Römer Ssnaca und viele andere durch ihre geistigen Producte, aber immer noch auf der Basis des heidnischen Glaubens, darum auch ihre Schriften für die wahre Neligionsphilosophie keine Quellen des Studiums sind. Verfolgen wir nun jenen Theil der Künste, welchen die Juden zur Cnltivirung erwählten. Man findet unter den Juden der Vorzeit keine Bildhauer, keine Maler, auch keine Schauspieler, also keine Pfleger des Vergänglichen, wohl aber trifft man unter ihnen gekrönte Dichter, begeisterte Säuger, deren Lieder noch heuie von den Lippen von Millionen ertönen und in den Bethäusern verschiedener Confessionen fortleben. Ich brauche; nur auf die Psalmen hinzuweiseu, um der Beweisführüng enthoben zu werden. Die jüdische Nation, oder, wie die Herren Antisemiten sie gern nennen, die jüdische Naee ist schon in ihrer Kindheit g ei stig erzogen worden, und in ihrer Religion hat der Mensch d. h. der menschliche Körper nur die Vermittler- Nolle, wodurch die unsterbliche Seele ihrer Bestimmung entgegenstrebt, was die alten Völker nicht recht begriffen haben, da sie sich die Seele vom Körper getrennt, nicht leicht vorstellen konnten. Ihre Auffassung vom Jenseits war ganz dem diesseitigen Leben angemessen. So divergirend die Weltanschauung unserer Vorfahren, sowie ihre Begriffe vom Göttlichen von denen anderer Völker waren, ebenso verschiedenartig war ihre Auffassung bezüglich der zu erstrebenden Vervollkommnung des menschlichen Geistes. Die Juden strebten, durch religiös-sittlichen Lebenswandel den Eigenschaften ihres Gottes immer näher zu kommen. Die Malerei und Bildhauerarbeit konnten sie schon aus Neligiösität nicht üben, da bei ihnen jedes Bilderwerk als Götze angesehen wurde. Wenn dies bei der Baukunst auch nicht zu befürchten! war, so finden wir doch nicht, dass diese Kunst gehörig gewürdigt worden wäre, und das ist sehr leicht erklärlich. Israel war ein Ackerbau und Viehzucht treibendes Volk, selbst der Gottesdienst war darnach eingerichtet, und die Segnungen der Bibel verheißen ihnen auch nicht prächtige Städte, schöne Paläste, vielmehr werden ihnen volle Speicher.und fette Hcerden zugesichert. Nur ihr Heiligthum strotzte von edlen Metallen, was wieder ein Beweis ist, dass sie nur für die Veredelung ihres seelischen Lebens Sinn hatten. Als sie aber mit den Heiden in nähern Umgang kamen und somit ihre Prunkliebe annahmen, wurde dies sogleich von den Propheten misbilligt und die Gefallsucht | der Töchter Zions mit beißender Satyre gegeißelt.

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