Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 14 (30.4.1886)
- Date
- 1886-04-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Unsere FachMnngen und ihre ehemalige Musikbeilage (von W i n n a ch e t.) VI. Wie soll also ein solches, für unsere Musikbeilage bestimmtes Tonstück beschaffen sein? — Musikalische Richtigkeit in Ton- und Taktart, in Tempo-Anordnung und Angabe der dynamischen Zeichen natürlich vorausgesetzt, soll der treue Bearbeiter zunächst darauf sehen, eine jede Gesangsnummer in ihrem ganzen Umfange, mit allen ihren Beftandtheilen von Verzierungen, Passagen und Cadenzen, ganz wie sie im Volke lebt und überall bekannt ist, wiederzugeben. Seine Aufgabe sei es, der Melodie ihre liebevollen Reize, ihre verborgenen Schönheiten abzulauschen, und dieselben dann in die Notenschrift treu und wahr zu übertragen, nickt aber sich damit abzumühenwie die Piece nach dem neuesten Schnitt und dem modernsten Geschmack zugestutzt werden könnte. Sollte es sich ereignen, dass der Umfang und die Fassung einer Melodie dem einen oder andern der Collegen nicht zusagt, oder den Traditionen seiner Gemeinde nicht entspricht, dann wird wohl jedem Cantor soviel Gewandtheit zuzutrauen sein, die betreffende Melodie nach Bedarf umzugestalten. Das darf aber niemals stattsinden, dass nämlich der Geschmack und das Verlangen jenes Cantors und jener Gemeinde für alle Collegen und alle Gemeinden maßgebend sein soll und, dass Letztere mit Hintansetzung aller Originalität und Melodien- Wahrheit gezwungen wären, sich nach den Ersteren zu richten. Große Aufmerksamkeit verdient ferner die hebräische Prosodie. Wir wissen alle recht gut, dass dieselbe in unsern Gottes- Häusern und in vielen unserer Gesangsbücher gar jämmerlich zugerichtet wird; darum ist es sehr nothwendig ihrer hier zu gedenken und die Bearbeiter zu ermahnen, auf die Verbindung des Textes mit der Melodie streng zu achten. Als nützliche Winke hierzu möge folgendes dienen: 1. Das Schwa mobile und das Schwa compositum (chateph) erhalten die kürzeste Note und den leichtesten Takttheil. 2. Der lange Vokal erhält eine längere Note und einen schwereren Takttheil, als. der kurze Vokal. 3. Die Accentsilbe wird hervorgehoben und zum vollen Ausdruck gebracht, durch die Thesis des Taktes und durch Sinkopen. Freilich kommt besonders bei dieser letzten Regel das hebräische Aceentuationsyftem von mil’el und mil'ra häufig mit den allgemeinen Musikprinzipien in Collision, indem bekanntlich die Musiklehre die unbedingte Forderung aufstellt, den Schluss einer Periode, eines Satzes und ganz besonders eines ganzen Stückes auf die Thesis zu setzen. Wenn nun aber der betreffende, der Melodie untergelegte Text mit einem mil’ek Worte seinen Abschluss findet, wie z. B. melech, amecho, korenu u. s. w., dann ist der gewissenhafte Compositeur oder Bearbeiter, der es mit der Prosodie ernst nimmt, in Verlegenheit und weiß nicht, was er mit der übergebliebenen Nachsilbe anfangen soll; allein solche Unvermeidlichkeiten sind, wenn sonst nur keine Ungeschicklichkeiten nnd grobe Verstöße gegen die einsachsten, ästhetischen Gefühle des Hebräers Vorkommen, wohl verzeihlich. Es dürfte ferner noch zu empfehlen sein, bei den eventuellen Bearbeitungen auch auf die Mehrstimmigkeit größere Rücksicht zn nehmen und, wo sich ein zwei- oder mehrstimmiger Satz anbringen lässt, der für die Mitwirkung eines Knaben- oder gemischten Chores sich eignet, ihn auch hierfür eiuzurichten. Was endlich die größte und nothwendigste Beachtung der Bearbeiter unserer Traditionsgesänge verdient, ist: ,Der Gemeinde- Gelang." Sie mögen nämlich die Gebetstellen, wo die Gemeinde zur Vervollständigung des Gottesdienstes in ihre eigentliche Wirksamkeit treten soll und muss, überall genau angeben und dieselben für diesen hohen Zweck, den Verhältnißen eines Massen- Unisono-Gesanges angepasst, bearbeiten. Gemeindegesang! das ist ein sehr klangvolles und hochtönendes Wort, über welches vor nicht langer Zeit von verschiedenen Seiten her stark Neveille geschlagen wurde, das s. Z. so viel Staub aufgewirbelt hat, dass selbst einige Rabbiner sich dafür erwärmen konnten und sich bewogen fühlten, es als radicales Erbauungsmittel anzuempfehlen. Seither aber scheint dieses anregendeThema wieder völlig eingeschlummert zu sein, und man hört jetzt keinen Hahn mehr darnach krähen. Warum? — Ist die Sache bereits erledigt und der projectirte Gemeindegesang überall schon durchgeführt? — Oder soll vielleicht auch dieses ,Zugmittel" sich ebenso als falsch und unwirksam erwiesen haben, wie alle anderen bisher in Anwendung gekommenen? Ja, in der That, auch dieses Mittel konnte vor dem rapid einreißenden Jndifferentismus und der vollständigen Unthätigkeit der Gemeinde im Gottesdienste nicht Stand halten, weil es nicht von der praktischeu Seite erfasst und angeivendet wurde. Man glaubte früher der Unordnung in der Synagoge, dem wüsten Dazwischreien und dem uncivilisirten Vor- und Nachsingen durch Einführung der Orgel und des Chores entgegen steuern zu können, aber mit der Zeit stellte es sich heraus, dass diese vielversprechenden Neuerungen nichts weniger als zweckentsprechend waren, und dass sie auf der einen Seite viel mehr geschadet und verdorben, alK sie auf' der anderen geholfen und genützt haben. Das strenge Vorsteherauge und der rührige Tactstock haben die Gemeinde förmlich eingeschüchtert, und wie im Concertsaale das ,Rauchen strengstens verboten" ist, und Alles .mäuschenstill' sein muss, ebenso durfte man sich in der Synagoge — von Amtswegen und im Namen des Vorstehers — weder rücken noch rühren. Die Gemeinde ist in Folge dieser strengen Maßnahme zum ewigen Schweigen verurtheilt und vollständig mundtodt gemacht worden, sie, die sogenannte .andächtiges d. h. keinen Laut von sich gebende Versammlung, war blos das Auditorium für die ״großartigen" Productionen der Orgel und des Chores — was der Cantor dazwischen vortrug, war kaum der Rede werth; kurz sie ist dadurch vollständig zum willenlosen Automaten herabgewürdigt worden, der zur Erhöhung des Effectes auf den Wink des Zauberstabes — den der große Zauberer, der Chordirigent schwingt — sich setzen und wieder erheben mußte. Allein solch' ein geistloses, nur das Auge blendendes und die Sinne täuschendes Schauspiel war auf die Dauer nicht haltbar, mit der Zeit wurde es selbst den Veranstaltern desselben verleidet und erschien ihnen dann als einförmig und gleichgiltig. Man begann daher später auf Mittel zu sinnen, wie der fürchterlichen Monotonie in der sogenannten reformirten Synagoge wirksam entgegengetreten, und womit der abschreckenden Müßigkeit der Gemeinde im Gottesdienste gründlich abgeholfen werden könnte. Und siehe da! ein glücklicher Gedanke hat das große Wort ,Gemeindegesang' erfunden. Die bisherige gottesdienstliche Theilnahmslosigkeit der Gemeinde soll jetzt in rege Be-!Heiligung und volle Thätigkeit sich umwandeln; das vorherige Auditorium soll jetzt selbst auf die Bühne treten nnd die Nolle des Acteurs übernehmen; die frühere Stumme soll zur Primadonna werden. Was aber wird das voraussichtliche Ende von diesem ,Spiele' sein? — Der Uebermuth, diese unverwüftliche Eigenschaft einzelner Individuen in den meisten Gemeinden, und die hässliche Anmaßung werden, wie vordem, ihr Medusen- Haupt erheben und neue Verheerungen und neues Unheil in den