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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-04-30 · Heft 14 (30.4.1886) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 14 (30.4.1886)
Date
1886-04-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Ein Commentar zum 31. Kapitel der Sprüche, S a l o m o n s. Dass die alt-jüdische Töchtererziehung keine oberflächliche/ sondern eine intensiv intellectuelle war. dafür spricht so manches Zeugnis. Wir finden schon in der frühesten Zeit davon Beispiele aufbewahrt: so die Prophetinnen und so manche andere weise Frau, die auch hoch geehrt wurde. Und so erschienen immer unter den Hebräerinnen Beispiele von weiblicher Seelengröße. Man denke an die schöne, kluge Abigail (1. Sam. 25), an das verständige Weib in Tekoa (2. Sam. 14), an die Schilderung des Weibes (Sprüche Salom. 31), an jene Mutter, welche ihre sieben Söhne um ihres Glaubens willen in Todesmartern sah, zur Standhaftigkeit ermahnte und ihnen freudig nachfolgte. (2. Makk. 7.) Man denke ferner an die schöne Idylle von der Ruth, die aus alter Zeit uns aufbewahrt wurde; vielleicht ist noch manches dieser Art verloren gegangen, was sich leicht vermuthen läss^t. Und so möchte, was wir ungescheut aussprechen können, das weibliche Geschlecht unter den Juden den Preis von allen anderen Völkern der alten Zeit davontragen. Zn dieser Lebensschule für Mädchen war die Mutter die natürliche Lehrerin. Manches ist uns hiervon angegeben, das wir nur zusammenstellen dürfen, um von dem Leben des weiblichen Geschlechtes in seinem abgesonderten Zimmer ein Bild zu sehen. Dort sitzen sie zusammen, emsig an der Arbeit. Die ältere Schwester steht am Webrahmen und singend schließt sie den Faden zum Kunstgewirke von unten nach oben. Eine andere dreht die Spindel und spinnt den Flachs vom Nocken ab, in den Gesang der Schwester eiustimmend. Die Kleine wickelt die Wolle in Knäuel und legt sie in zierliche Körbchen. -Einige Sclavinnen gehen auf und ab, mit verschiedenen Handreichungen beschäftigt. Einige arbeiten selbst mit, eine bringt Neuigkeiten aus der Stadt, die Mädchen horchen auf und alle beweisen ihre. PÜiikllichc Folgsamkeit. Ein Knäblein springt in dem neuen Rocke, den ihm die Mutter gewirkt, herum und stört, bis ihm die Mutter Nuhe gebietet. Augenblicklich ist es stille auf ihr Geheiß, da erzählt sie etwas aus der heiligen Geschichte der Vorzeit und schließt mit einer frommen Lehre. Dann fordert sie zu einem Psalme auf, eine der Töchter ergreift die Harfe von zehn Sailen und stimmt an, und die Hellen Stimmen sämmtlich erheben einen andächtigen Gesang. Eben wurden Freundinnen gemeldet, sie sind herzlich willkommen. Ihre niedlichen Arbeitskörbe tragen ihnen die Sclavinnen nach, aus deren Lächeln man sieht, dass sie auch Vertrautinnen sind. ׳— Sclaven und Sclavinnen wurden im alten Judenthume, als noch der Sclavenhandel in Blüthe stand, zum Gegensätze aller Hcidenvölker, mit großer Schonung behandelt. Dafür spricht schon der Ausdruck: ,׳“משפחה die Familie, eine Bezeichnung, die mit שפחד״', ,Sclavin", identisch ist. — Da werden vorerst die Schawls gezeigt, womit sie eben fertig geworden, dann setzen sich alle au die Arbeit. Es wird erzählt, gefragt,-gesprochen, ein Liedchen gesungen, und nun wandelt die fröhliche Gesellschaft plötzlich die Lust an, - den Neigen zu üben, denn nächstens wird ein Fest gefeiert. Kastagnetten sind zur Hand, und das ganze Zimmer kommt in tanzende Bewegung. Genug für jetzt, ruft die Mutter, euer Tagewerk ist noch nicht ferlig. Und eben so schnell ist alles zur Arbeit und auf die Polster der Sopha zurückgekehrt; aber eine wirft sich müde hin- Da schilt die Mutter und erinnert, wie ,lästige Hand arm macht", und wie die gute Tochter gern mit ihrer Handarbeit sich beschäftiget "״ ׳"ידיה שלחה בכישור וכפיה תמכו פלךihre Hände nach dem dem Nocken ausftreckt und ihre Finger die Spindel fasten" (Spr. 31, 19). wie sie ihrem Hause zweifache Kleider mache, "׳“לא תירא לביתה משלג .dass es sich auch nicht vor dem Schnee des Winters zu fürchten brauche", wie sie mit weißer Seide und Purpur sich selbst ihr schönes Gewand wirke, ,כפה ׳“פרשה לעני wie sie - aber auch ihre Hände dem Armen reiche und hilfreich beisteht. Und so weiß die Mutter, welche auch an׳ künftige Schwiegersöhne denkt, פיה פתחה כחכמה ותורת המד״ ״ ׳"על לשונהihren Mund aufzuthun mit Weisheit,' und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre" (Das. V. 26). Da tritt der Hausvater herein, er kommt eben mit Ehren, aus dem Nathe der Obern; er lobt die treue Hausmutter und spricht: רכות כנות ״ ."עשו חיל ואת עלית על כלנהSo bringen unsere Töchter Reichthum in's Haus, du aber übertriffst sie alle, und auch deine Söhne werden dich selig preisen" (Das. 29). _ So konnte es freilich nur in den Häusern der Wohlhabenden und in den Städten sein; indessen war doch der Unterschied nicht gar so groß, dass nicht auch die Geringeren ein ähnliches Familienleben genoßen, worauf ja alles in dem Volke abgesehen war. Auf dem Lande lebten Eltern, Kinder und Gesinde bei den Feldarbeiten mehr nach patriarchalischer Sitte; aber durch die Festreisen blieb ihnen doch jene städtische Bildung nicht fremd. Man sieht aus alldem, wie wichtig der Einfluss gebildeter Frauen auch für das religiöse Leben ist, und wird gerade bei׳ einem Volke, in welchem die wahre Gottesverehrung erwachsen soll, daran erinnert, dass die Würde des Weibes gelten muss, wenn nicht ein wesentlicher Theil in der häuslichen und öffentlichen Frömmigkeit fehlen, wenn überhaupt die Volksbildung gedeihen soll- Be! dieser Schwachgläubigkeit, wie sie in unserem materiellen Zeitalter vorhanden ist, können wir es nicht genug lobend hervorheben, dass der löbl. Vorstand der Wiener isr. Cultusgemeinde mit vieler Sorgfalt und Umsicht die religiöse Erziehung und Bildung der Mädchen fördert durch den Religionsunlerricht, den sie mit den Knaben gleich haben, wie durch den allfabbathlichen Jugendgottesdienft, woran sie theilnehmen. Auch die jetzt eingeführte Consirmation der Mädchen trägt zur Erreichung dieses Zweckes viel bei. Frömmigkeit als F a m i l i e n l i eb e und als Gottesfurcht war als Wurzel für die Erziehung des einzelnen Israeliten, sowie der ganzen Nation gepflanzt, und sie hat ihre edlen Früchte getragen und nie ihr Gedeihen verloren, selbst da nicht ganz, als im finsteren Mittelalter das Volk äußerlich und innerlich hinwelkte. Za selbst zerstreut nach allen Nichtungen der Windrose hat der Zsraelit noch seinen Familiensinn und seine Nationalität zum Bewundern bewahrt und kann als Muster rein^häuslichen Lebens in der großen Menschensamilie ausgestellt werden. So war die Erziehung der Zsraeliteu; sie war bei weitem keine öffentliche im strengen Sinne, sondern in eben solchem Sinne eine häusliche, aber darum doch eine wahre Nationalerziehung. Ihr Grundgesetz wurde oft wiederholt: ,Die Furcht Gottes ist aller Weisheit Anfang!" Somit schließen wir unsere erste Artikel-Serie und ersuchen die geehrten Leser dieses geschätzten Blattes sich jetzt ein Wenig zu gedulden, bis die Forrsetzuug der Fragmente in gottesdienstlicher Beziehung, als zweite Artikel-Serie, folgen wird, da der Verfaffer von vielen Bernfsgeschäften jetzt in Anspruch genommen - Rabbiner Wollner. (Fortsetzung folgt.)

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