Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 14 (30.4.1886)
- Date
- 1886-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische r Prännmerations-Preis Kür ^ereinsmitgtteder: Ganzjährig . . . st. 5.— Halbjährig Vierteljährig Monatlich st. 2.50 fl. 1.25 st. —.45 Kür Mchlmitgtteder: Ganzjährig ... st. 6.— Halbjährig ... ft. 3.— Vierteljährig . . ft. 1-50 Monatlich ... ft. —.50 Z!ür das Ausland: > Ganzjährig ... fl. 7.— 12 Mark oder 6 Rubel. . Or 2an kür die Gesammi-Interessen südischer Cantareu. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor Icrkoö Marrer. jRedacfton Administration Wien,; II., Novaragaffe 27. Z Inscrate werden billigst berechnet. Manuskripte werden nicht retournirt. Nr. 14 Wien, 3V. April 1886. 6. Jahrgang. Fragmente. Aus dem alten jüdischen Leben im Familienkreise, im Gottes- Hause, ini gemeinschaftlichen Verkehre. Aöchier-Krziehmrg. VII. Gewiss haben viele Menschen erkannt, dass die Musik eine kostbare Gabe der unendlichen Liebe Gottes ist. Wie einförmig wäre diese Erde bei allen ihren Nerzen ohne die Töne, welche durch die weiten -Räume erschallen. Sie durchziehen die ganze Natur, wir vernehmen sie im sausten Flüstern des Zephyrs und in dem mächtig rauschenden Sturm, in der leise rieselnden Quelle, in dem Sturzen des Bergstromes, in den majestätisch wogenden Brandungen an der Seeküste. Sie erklingen ans den Furchen' des gepflügten Ackers und mitten unter den goldenen Aehren reisenden Kornes, und lustige Böget tragen die Gesänge hinaus zu den Pforten des Himmels. Aus Gärten und Hecken, aus Wäldern und Hainen steigen. sie empor und verbreiten Fröhlichkeit durch die Welt. Und selbst diejenigen, welche in überfüllten Städten in finsteren Gassen wohnen, finden in ihrer beschwerlichen Reise durchs Leben eine Erheilernng in den süßen Lauten eines kleinen Vögle ins im hölzernen Bauer an ihres Fensters Rande. Wenn nun Winde und Wellen und die beschwingten Sänger die Erde mit ihren Tönen beleben, wie muss nicht erst dis menschliche Stimme durch ihren Wohlklang Alles erfreuen'? Sie ist weit schöner als alle anderen Stimmen in der Schöpfung, sie übt einen weit größeren, wirksameren Einfluss. Die Lehren, welche am sichersten in das Obr dringen und tief in das Herz sich senken, das sind die, welche durch die volltönige und zugleich sanfte menschliche Stimme nicht nur den Wissbegierigen und Begabten, sondern auch den Stumpfsinnigen und Widerstrebenden zugesührt werden. Die Macht der von Rührung bewegten Stimme bewirkt, dass guter Rath, der so schwer zu geben und noch schwerer anzw nehmen ist, willkommen erscheint und gern gehört wird. Und es gibt keinen Druck, keine noch so harte Bürde, welche die Stimme des Mitgefühles nicht erleichtert; keine noch so starke Betrübnis, welche die Stimme der Liebe nicht mildert; keinen Streit, keineheftige Aufregung, keine Leidenschaft, welche die Stimme der Theilnahme nicht besänftiget. Trösten und Aufheitern in trüben Tagen, lehren und leiten in Zeiten des Glückes, das ist das Werk der menschlichen Stimme. Das geschriebene Wort, über Gebirge und Oceane hinwandernd, entschädigt uns zum Theil für die Entfernung der Freunde, und Bücher, große, weise nr.d schöne Werke können edle Gedanken in dem Geists anregen: Aber die Stimme allein übt den mäwtigen Einfluss über diejenigen, welche die götrliche Vorsehung unserer Pflege überwiesen hat^ um. sie in den Kreis ihrer Pflichten einzusnhren- Aber Wenige wissen die herrlichen Gaben und Kräfte, die der Allgntige uns zugetheilt hat. binlänglich zu würdigen und zu benutzen, undwir wenden sie nicht genugsam an, zum Glücke unserer Mit» Menschen beizniragen. Wir haben wohl diese Betrachtung etwas zu weit ausgedehnt, doch sind nicht von dem Gegenstands abgewichsn. Wir wolllen es nachdrücklich hervorheben, dass die alten Hebräer auch für andere Künste Sinn und Geschmack batten, dass sie aber aus religiöfen Gründen Alles gemieden, was aus Abwege verleiten lsrnie, darum vorzüglich Musik und Gesang cnltivirten und als Erziehungsmittel wählten, worin sie es auch zur Meisterschaft brachten. Ueberraschend ist in der Methode der Töchtererziehung in atcer Zeit eine Episode, die uns der Talmud erzählt (Tanis 26); Der Versöhnungstag war der schönste Feiertag für Israel, an demselben zogen weißgekleidete Jungfrauen in das Weingsbirge, einen Reigentanz in Gegenwart der jungen Männer aufzufühcen. Und was war der Zweck dieses Festes? Braut- Werbung, oder richtiger, eine B r ä u t i g a m w e r b u n g; denn die Mädchen riesen den versammelten Jünglingen zu: *12 עיניבםN ליופי", Richtet euer Auge. auf Schönheit; die minder schönen riefen: Tressi euere Wahl "׳"לשם שמים ein gutes Werk aus׳ zuüben; die vornehmen Mädchen riefen: "׳"תנו עיניכם במשפחה Richtet euer Auge aus die Familie, aus dir vornehme Abstammung (das. 31). Und das geschah am heiligen Versöhnungstage? Wir können uns in diese Sitte gar nicht hineindenken. Jedenfalls ist das einer der merkwürdigsten Punkte in der alten jüdischen Töchtererziehung.