Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 12 (6.4.1886)
- Date
- 1886-04-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Heutzutage benennt man die Minhagim nach ihren Centren Polen und Deutschland '— während man sie früher nach den äußersten Grenzen ihres ursprünglichen Waltens benannte. Oesterreich war daS erste Land, in welchem der ,Minhag Aschkenas^ vorherrschte, und von wo aus er erst seine Wanderung über Süddeutschland nach Holland, Belgien und Frankreich antrat, darum nannte man ihn früher ,Minhag Oesterreichs; hinwiederum ist die Nheiuprovinz das Anfangland für den ,Minhag Polen', von wo aus er den Weg über Norddeutschland nach Polen, Rußland, Galizien, Böhmen und Ungarn einschlug, weShalb er zu jener Zeit .Minhag Rhein' genannt wurde. Dies glaube ich ist der Grund der verschiedenen Benennung der Minhagim, in deren Wesen sonst gar kein Unterschied ist. Sollte aber ein College oder sonst ein Kundiger anderer, be- Hründeter Meinung sein, so bin ich gerne bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen. (Fortsetzung folgt.) Fragmente. Aus dein alten jüdischen Leben im Familienkreise, im Gottes- Hause, im gemeinschaftlichen Verkehre. tzschter-Krziehung. VI. Sang, Klang und Tanz scheinen als Hauptmittel bei der Töchlererziehuug der alten Hebräer angewendet worden zu sein, es fehlte auch nicht an Gelegenheit, häufig davon Gebrauch zu machen. Durch alle Zeitalter war bei den alten Israeliten der Tanz׳ ein beliebtes Vergnügen, wovon sich viele Spuren in der Bibel vorfiudeu. Insbesondere waren cs Weiber und Jungfrauen, welche Tänze, nicht nur bei der fröhlichen Weinlese, bei öffentlichen Festen, sondern auch bei dem Einzuge fürstlicher Personen,bei dem Siege der Kriegshelden aufführten. Beim Siegesgesang am rothen Meere betheiligte sich auch Mirjam und ihr schlossen sich alle Frauen an בחפים ובמחלותיי י', mit Pauken und in Reigentänzen (2. M. 15, 20.). Als der Richter Jeftach die Amoniter besiegte, kam ihm seine Tochter jubelnd entgegen mit Paukenklang und Reigentanz (Richter 11, 34.). Als David den Niesen Goliath niederstrcckte. berichtet die Schrift: ,Da kamen heraus die Frauen aus allen Städten Israels zu Gesang und Neigen und -die spielenden Frauen stimmten an: Saul schlug seine Tausende und David seine Myriaden' (1. Sam. 18.). Die Erlösung Israels schildert der Prophet JeremiaS (K. 31. 4) unter dem Bilde: ,Wiederum erba..' ick dich und erbaut sollst du bleiben, Jungfrau Israel l Wieder zieren sollen dich deine Pauken und du sollst ausziehen mit der Spielenden Neigen.' Ferner: »INNדאז תשמח בתולה במחול ובחורים וזקנים ׳ dann freut sich die Jungfrau im Reigentanz, Jünglinge und Greise zusammen (Das. V. 13.). Aus dieser Stelle wäre zu ersehen, was wir bisher noch nicht berührt haben, dass die Jungfrauen allein ranzten, ungemischt mit den Jünglingen, da hier ausdrücklich betont zu sein scheint, ,Jünglinge mit den Greisen zusammen?' Wir glauben das noch aus einer anderen Stelle beweisen zu können. Im Buche der Richter (K. 21) wird uns erzählt, dass die Benjamiten einer gröblichen Verletzung der Sitte und des Gesetzes halber von den übrigen Stämmen bekriegt, . besiegt und fast ganz vernichtet wurden, nur einige hundert Jünglinge haben sich durch Flucht gerettet. Zugleich schwuren die Sieger, dass Niemand seine Tochter einem Manne aus dem Stamme Benjamin zur Frau geben werde. Später aber sahen die Stämme ein, dass sie übereilt gehandelt. Da wurde den Benjamiten geratben, beim nächsten Weinlesefeste אם יצאו בנוש שילו לחול ״ ׳במחלותwann herauskommen die Töchter Schilo's in Reigen zu tanzen", sich die Jungfrauen zu rauben. Hier ist die Rede von einem Volksfeste, welches einen lokalen Charakter hatte, an dem blos die Jungfrauen sich betheiligt haben, weil es sich nicht gut denken lässt, dass bei einem Zusammenfluss von Männern, wie er bei großen Festen in Schilo stattfand, ein heimlicher Raub der Jungfrauen geschehen konnte. An solchen ländlichen Partien fanden die Frauen wohl viel Vergnügen, beide Geschlechter genossen es aber nie gemeinschaftlich, auch finden wir nie in der heil.׳Schrift eine gegenseitige Theilnahme an solchen Festivitäten erwähnt; sonst 'würde der Raub der Töchter von Schiloh auch nicht so leicht gewesen sein. Darauf mögen sich auch die alten Rabbiner! gestützt haben-, dass sie mit aller Energie dagegen geeifert haben, dass bei Tanzfestlichkeiten Jungfrauen mit Männern sich paarweise betheiligen sollen. Wie bereits bemerkt, waren bei den alten Hebräern Musik und Gesang die Hauptmittel, von denen sie bei der Erziehung ihrer Töchter Gebrauch machten, und das scheint nicht ohne Absicht gewesen zu sein. Die Grundlagedes Erziehungsplanes war religiöse Tendenz; jedes andere Mittel könnte auch leicht auf Abwege führen, wozu die alte Zeit Veranlassung hinreichend geboten. Nicht so Musik und Gesang, sie bildeten das ästhetische, ethische und zugleich religiöse Gefühl aus und wurden nur zu solchen Zwecken angewendet. Um uns deutlicher zu erklären, können wir folgende Betrachtungen nicht unterlassen. Die Musik ist in der That eine der erhabensten Arten, menschliches Gefühl auszudrücken. Was ist Poesie anders als Musik der Empfindungen oder der Phantasie, was Beredsamkeit anders als Musik edler Gedanken und großer Bestrebungen? Unseren Voreltern ward verboten, geschnitzte Bilder oder. Darstellungeu zu machen, von irgend etwas im Himmel oben, auf der Erde unten, oder im Wasser unterhalb der Erde, damit sie nickt, gleich Heiden, versucht würden, anbetcnd vor Götzen niederzukniecn, statt den wahren, einzigen Gott zu verehren. Weise und gelehrte Männer haben die Meinung ausgesprochen, dass Bildhauerei und Malerei, auch zu Zwecken weltlicher Nervollkommnung und Annehmlichkeit, unter den Israeliten wenig Aufmunterung fand und dass dies dem zweiten Gebote beizumessen sei, welches man ohne Zweifel aus Jrrthum für ein Verbot ansah, Bilder auch zur bloßen Verschönerung oder zum Vergnügen anzusertigeu. Heutigen Tages wird Jedermann zugebcu. dass die Ausbildung der schönen Künste die Seele erhebt und einerseits eine demüthige und dankbare Würdigung der wunderbaren Schönheiten ist, mit welcher Gottes Hand so gnadenreich die Erde geschmückt hat. Aber während körperliche Bilderwerke und Gemälde auf eine mehr oder minder bewunderungswürdige Weise Alles, was das menschliche Auge wahrnimmt, darstellen, drückt die Musik die höchsten Regungen der Seele aus, die tiefsten Ahnungen des Herzens. Die rührenden Ergüsse des Sängerkönigs, das Erbstück unserer Nation, sind heilige Lieder, welche jede Bewegung der menschlichen Brust in Worte kleiden. Sie' sprechen von ergreifenden Leiden, von überwältigendem Gram, von ängstigendem Schmerz, von jedem Bangen der Zerknirschung, von jeder wirklichen Büßung, sie enthalten Balsam für alle Wunden, warme Hoffnung gegen Verzweiflung und Glauben, heiß glühend, zum Heil für Niedergeschlagene in allen Zeiten; Gebete,-unveränderlich schön für die, deren Seele umdunkelt ist, und die ihr Sehnen nicht auszudrücken vermögen; grenzenlose Dankbarkeit für die Herzen und erhabene Frömmigkeit für die