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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-04-06 · Heft 12 (6.4.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 12 (6.4.1886)
Date
1886-04-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Dies ist ebenso nachtheilig auf die zukünftige Entwicklung 1 uns eres Traditionsgesanges und fordert uns desbalb ebenfalls zur kräftigen, entschiedenen That auf. Mit vereinten Kräften müssen wir es versuchen, diesen reichen Schatz des wahren Synagogengesanges vollständig zu heben und ibn für uns und unsere Nachkommen, oder weit doch unsere Söhne uns in unserm Berufe aus naheliegenden Gründen absolut nicht nachfolgen wollen — unsere Nachfolger nutzbar zu machen. Noch ist der weitgrößte und, ich möchte behaupten, der schönste und interessanteste Theil der Traditionsmelodien völlig unbekannt, und selbst die bekanntesten Melodien sind so wenig verbreitet,' dass sie nur dort gekannt und einigermaßen beachtet werden, wo sie gerade durch den Ritus in Gebrauch stehen, außerhalb desselben aber sind sie wahrhafte ,böhmische Dörfer*. Die beiden größten und angesehensten Riten ,.מנהג אשכנז" und "מנהג פולין" oder der norddeutsche und süddeutche Ritus, welche beide ihren Hauptsitz ursprünglich in Deutschland hatten und von da aus erst sich über andere Länder ausbreiteten, sind sich gegenseitig noch so fremd, als ob von . früher schon ihre Bestimmung wäre, Las deutsche Judenthum für immer in zwei feindliche, stets sich befehdende Lager zu theilen. Der norddeutsche Chasan — das Publikum in Norddeutschland pflegt sich wenig um das zu kümmern, was sein Cantor ihm von traditionellen Genüssen auftischt — blickt noch immer auf die ,aschkenasischeit Negunim* mit einem vielsagenden und mistrauischen Hohnlächeln und betrachtet sie als leibliche, unverkennbare Producte vom leibhaften ן ,Aschkenas Narr' (pedantischen Andenkens!), während die norddeutsche Traditionsmelodie das verwöhnte süddeutsche Ohr tief beleidigt und sich deshalb auch dort das wenig schmeichelhafte Epitheton ״Paulisch" oder gar ״Lügenliedel" zugezogen hat. Dieser, die Einheit unseres Gottesdienstes z u a l l e r e r st beeinträchtigende Misstand, der unserer vorurtheilsfreien, Alles prüfenden und erforschenden Zeit wahrlich nicht zum Ruhme gereicht, kann nur dadurch gehoben und beseitigt werden, wenn die beiden ebenbürtigen und keineswegs sich nachstehenden Gesangstraditionen gleichmäßig durch den Druck vervielfältigt und bis in die weitesten Kreise verbreitet werden, damit sie sich gleichsam gegenseitig recht kennen lernen, und damit Jedermann ihren musikalischen und gottesdienstlichen Werth ermessen und ihre Schönheit bewundern kann. Dann wird der im Allgemeinen frei und liberal denkende Norddeutsche erfahren, dass auch die süddeutsche Traditionsmelodie nicht ganz des künstlerischen Gehaltes entbehrt; und der gewohnheitsliebende, traditionanhängende Süddeutsche wird einsehen müssen, dass es auch außer seiner Gewohnheitsmelodie noch andere schöne Synagogengesänge gibt. Wir wollen aber dabei allein nicht stehen bleiben, denn unsere gerechten Ansprüche auf Completirung unserer Ritualgesänge gehen noch viel weiter, als nur bis zur Bekanntmachung der Gesänge .jener beiden vorherrschenden Zeiten. Denn außer diesen gibt es noch viele andere, nicht minder werthvolle Gesänge, die kennen zu lernen uns erstens vom großem Nußen sein kann, und welche uns dann gleichzeitig auch Vergnügen bereiten werden, jcnes Vergnügen, welches der Erbe beim Empfange seines ihm zukommenden, von seinen Ahnen herstammenden Erbtheils empfindet. Ich meine damit die — so möchte ich sie genannt wissen — ,Local-Traditionsgesänge". Welche ältere und bedeutendere Gemeinde besitzt solche nicht? So schrieb mir z. B. vor längerer Zeit ein sehr achienswerther und namhafter College aus Prag, dass dort, außer den üblichen Traditionsgesängen, auch noch eine große Anzahl von im Loco eingebürgerten Gesängen zum stetigen Gebrauch für bestimmte Zeiten und für jeweilig sich darbietende Gelegenheiten existirt, die man sonst nirgends kennt und von denen Niemand sonst etwas weiß. Ohne diese Gesänge kann ein dort angestellter Cantor unmöglich existiren; und ganz seltsam hörten sich die Schilderungen dieses geschätzten Collegen an von den Kämpfen, die er durchzumachen, und von den Angelegenheiten, die er zu erdulden hatte, bevor er diese Localgesänge mit vieler Müde sämmtlich und vollzählig gelernt: setzt aber, da er sie einmal kennt, ist er geborgen und bat sich nun des besten und aufrichtigsten Wohlwollens seiner Gemeinde zu erfreuen. Ebenso aber ist'» beispielsweise in Frankfurt a. M, " und ebenso ist's in jeder vornehmen Gemeinde, die auf ihr ehrwürdiges Alter und auf ihre angeerbten und ihr liebwerth gewordenen Sitten und Gebräuche stolz ist, welche sie um keinen Preis mit andern, modernen Einführungen vertauschen möchte. Wie schwankend und unhaltbar die Stelle eines Cantors in einer derartigen Gemeinde ist, wenn er sich ihren Wünschen in dieser Beziehung nicht fügt, haben wir ja vor erst nicht gar langer Zeit an einem Collegen in eben jener obgenannten Gemeinde genugsam erfahren, wie er die dortige Stelle verlassen und eine — größere annehmen mußte, weil er die dortigen, herkömmlichen ״Negunimu nicht erlernen wollte oder konnte. Wie bequem und nützlich wäre es nun, wenn auch diese höchst wichtigen Gesänge zur Veröffentlichung kämen, und wenn die bisher nur im Gedächtniße Einzelner existirendcn Melodien in die Jedermann zugängliche Schrift der leeren und vollen Notenköpfe übertragen wären, damit sie zum Gemeingut Aller ן werden sollen. Dann brauchten die Collegen nicht mehr in Verlegenheit zu gerathen, wenn das launische Schicksal sie in eine derartige Gemeinde führen, oder nach einer entfernten, fremden Zone hinwerfea sollte; sie hätten es dann nicht nöthig, sich vor dem sogenannten ,Chasan-Macher* — der in jeder Gemeinde anzutreffende Ortsmelodien-Kundigc, zumeist ein Müßiggänger und ein Individuum, das gewöhnlich die Stadtfraubas und zugleich den ״Bai tfphilla“ der Gemeinde repräsentirt und stets auf Kosten des unkundigen, armen Cantors sein Wesen treibt, und leider nie alle wird — sich zu erniedrigen und zu demüthigen, um von ihm die unbekannten Melodien zu erlernen, und dafür hören zu müssen, wie dieser sich bei jeder Gelegenheit rühmt, dass nur e r ihn (den Cantor) zum Chasan gemacht und — Gott zuvor — er ihm Alles zu verdanken habe. In solchem Falle brauchten die Collegen nur den dickleibigen Notenfolianten aufzuschlagen, um ihn in dieser Angelegenheit um Rath zu befragen und um nachzusehen, welche Gesänge in der betreffenden neuen Gemeinde usuell sind. — Dann aber dürfte auch der norddeutsche Cantor nach Süddeutschland und umgekehrt wieder der süddeutsche nach Norddeutschland versetzt werden, in keinem Falle gäbe es irgend ein ernstliches Hindernis oder gar einen Vorwurf der Unkenntnis und der Unwissenheit. Nach den bisherigen Ausführungen über die verschiedenen Traditions- und Ritualgesänge sei mir bei dieser Gelegenheit gestattet, nebenbei noch eine darauf bezügliche Bemerkung über einen Gegenstand hinzuzufügen, der meines Wissens noch von Niemand selbst erwähnungsweise berührt worden ist. Bekanntlich erzählt Rabbi Jacob Molin, . ,מהר״י״ל‘ genannt, in seinem Casualbuche: Dass er einmal an den hohen Festtagen in Regensbürg vorgebetet hat und bei dieser Gelegenheit alle die hierzugehörigen Gesänge nur nach dem österreichischen Ritus vorgetragen, weil dieser Ritus dort usuell war; dagegen habe er die Haplitora mit der rheinischen Melodie executirt, worüber er sehr unwillig war. (Wahrscheinlich darüber, dass er die österreichische Weise der Haphtora nicht gekannt hat). Demnach scheint es, dass die heutige Bezeichnung der beiden Hauptriten mit ' ,Minhag Polen* und ,Minhag Aschkenas* eine neuere ist»

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