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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-04-06 · Heft 12 (6.4.1886) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 12 (6.4.1886)
Date
1886-04-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Motive angelangt: Die Aufstellung einer synagogal-zesanglichen Kunstform. Die jüdischen Cantoren. die einstens N6sd10r6rim waren, blicken mitleidsvoll auf Jeden, der über.Steiger' und ,Polnisch Singen׳' zu sprechen wagt, und betrachten diesen Zweig des Synazogengesanges als ihr unveräußerliches EigenthuM, dessen Erbschaft von Niemandem angetreten werden kann, sondern, streng genommen, mit ihnen iu's Grab sinken und der Vergessenheit preisgegeben werden muss. Ich nehme an, es gibt einzelne jüdische Cantoreu, welche die N68oü01.6׳rim.Wand erfahre durchgemacht und nach ihren Anschauungen,wohl singen.' Wie viele von ihnen stehen auf jener Stufe allgemeiner Bildung oder besitzen die künstlerische Befähigung, die wisienschastlichen Beweise für die wesentlichen Merkmale dieses ,Wohlsingens' zu liefern? Der einstige Nesoborsr hörte die eigenthümlichen Klänge von seinem Chascn, halte Gelegenheit ,abzulauschen' und daran den Flügelschlag seiner eigenen Phantasie zu kräftigen; es wurde demnach eine Kunstform durch Imitation gepflegt und wenigstens, wenn auch in primitiver Weise, vererbt. Wie soll׳ nun diese Form für spätere Zeiten erhalten bleiben, wenn die N68osi016׳r1m beinahe aufhören, und in den Synagogen der Gegenwart ein Styl gepflegt wird, der zum ernsten Nachdenken Veranlasiung bietet. Oder soll es — um nur an einem Beispiele den Gegen׳ stand zu veranschaulichen, — weiter so fortgehen, dass der Cantor am Freitag Abend ״Wajechulu“ in einigermaßen trabt* tioneller Weise recitirt und bei Li wo scliowas mikol melaehto, gleichsam wie ein Hohn auf den Ruhe gebietenden Text, alle möglichen Kraftanstrengungen und ohrenbeleidigende Uebergänge versuchen muss, um nur um jeden Preis die moderne Durtonart z'^erhaicheu, damit der Chor des ב״ה״ו״ש nachsagen könne. Von solchen Versündigungen gegen den Styl wimmelt der heutige Synagogengesang, und das haben die sogenannten Machtretet Sulzers, die bewussten wie die unbewussten, verschuldet. Sulz er war eine in sich abgeschlossene Künsterindividualität. Eigene Ausfaflung. eigene Tonbildung, eigene Vortragsweise re. drückten ihm, harmonisch geeint, das Gepräge des Eigenthümlichen auf; wurde jedoch diese harmonische Einigung gestört, und eine dieser Cigenthümlichkeiten aus dem Nahmen ihrer Umgebung entfernt und für sich allein verwendet, so mussten jene Zerrbilder erscheinen, wie. dieselben noch heue von den unbewussten, d. h. blos in nachahmender Weise singenden, Nachtretern Sulzers vorgesührt werden. Mancher der Herren Collegen, der früher N68oüor6r war, hatte ja die Befähigung, -ganz gut in traditioneller Weise zu recitireu, allein mit dem Ablegen des Tallis und dem׳Anlegen des Talars fand plötzlich, in seiner Künstlergesinnung eine solche Umwandlung statt, dass er״ als wohl acreditirter Chor-Chasen unmöglich anders als ,choralisch' (8ie) rccitiren dürste; um aber den Zuhörern zu beweisen, dass er kein ,Drong' sei, beschenkte er, ob berechtigt oder unberechtigt, mitten in seiner .choralischen' Begeisterung seine andächtigen Zuhörer mit einem sogenannten »polnischen Rutsch oder Schrei'. Für diese auch von sogenannten großen Chor-Cantoren gepflegte Weise habe ich keine andere Bezeichnung, als-»Verunglimpfung des Styles', und diese Verunglimpfung war die Krüppelpflanze, welche durch die gewaltsame Vereinigung des gesanglichen Stammes (Tradition) mit dem oculirten Neise des choralischen Styles erzeugt wurde. Diese traurige Erscheinung war wieder die nothwendige Folge der Systemlosigkeit, nach welcher in den Synagogen gesungen wurde. Einzelne rühmliche Ausnahmen befestigen nur die Regel. _ Ich habe nun nach langjähriger Arbeit ein System nach, gewiesen und der öffentlichen Beurtheilung auheimgestellt. Wenn dieses System als etwas Allbekanntes betrachtet wird, indem man das V o r h a n d e n s e i u der Steiger mit der w i s s e nschaftlichen Erläuterung derselben als gleichbedeutend hinstcllt, so gewährt mir dies eine um so größere Befriedigung., Das Vorhandensein der Steiger habe ich ja nicht nur nicht geleugnet, sondern geradezu als Basis für meine Kundgebungen hingestellt. Das Prioritätsrecht für b i e wissenschaftliche Ecklä r u n g derselben jedoch muss ich für mich in Anspruch nehmen, weil es vor meiner Kundgebung noch Keinem beisiel, den Nachweis zu liefern, 1.) dass die Steiger nach strenggefügten Tonsealen-gebildet sind, 2.) dass das Chasonus je einem Steigerstyle entspricht und 3.) dass selbst die verschiedenen L6Kinotk-Tonphrasen dem Gesetze einer Tonscala untergeordnet erscheinen. Das ist mein Synagogengesangs-System, welches nun der öffentlichen Beurtheilung anheimgegeben erscheint. Ich erwarte von den Berufenen meines Standes, wie von den Musiktheoretikern im Allgemeinen, ein eingehendes Studium des — weil in möglichst gedrängter Kürze zusammengetragenen — nur 27 Seiten, umfassenden Inhaltes meiner Broschüre und bitte entweder um eine schriftliche oder, was näch ersprießlicher, um eine öffentliche Kundgebung der gewonnenen Anschauungen, weil diese gesammelt, einen interessanten culturhistorischen Beitrag für die jetzige Bewegung auf synagogal-gesanglichem Gebiete liefern sollen. Jede Kundgebung, auch die entschieden gegentheiligste, wird mir willkommen sein,' und werde ich es nicht versäumen, jeder streng wissenschaftlichen Auseinandersetzung meine volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. Mit den mir bekannten, landläufigen Phrasen jedoch bitte ich in dieser heiligen Angelegenheit etwas vorsichtig zu sein, denn für die Besprechung dieser Art fehlt mir Befähigung und Muße. - " ׳ Die maßgebenden Fachgenossen — das jüdische Cantorenthum besitzt deren nur wenige, aber Gottlob doch einige — sie mögen zu einer Synode zusammentreten, allwo mir Gelegenheit geboten wäre, meine Anschauungen vorzutragen und etwaige Einwürfe sofort zu beantworten. Zumindest jedoch erwarte ich die oben erbetene öffentliche Besprechung meiner Arbeit; denn es handelt sich um die Annahme oder Bekämpfung nicht meines, sondern überhaupt eines Systems. Bis nun gab es auf dem Gebiete des traditionellen Gesanges überhaupt kein System. Wien, den 4. April 1886. Josef Singer. Unsere FachMungen und ihre ehemalige MuMeilage (von M i n tt it ch e t.) IV. Daraus aber geht aber gleichzeitig hervor, dass es tief beschämend für uns sein muss, wenn wir das, was uns am nächsten und stärksten angehen soll, am wenigsten und geringsten selbst empfinden und fühlen. Allein, abgesehen von der , willkürlichen, ganz sinnlosen Verkürzung der Originalien -selbst, ist noch ein zweiter Umstand zu berücksichtigen, der eine correcte und zuverlässige Herausgabe des gesummten Traditionsgesanges nothwendig macht, und zw. die geringe Zahl der bisher zur Veröffentlichung gekommenen Traditionspiecen, im Gegensätze zum großen Reichthume des ganzen überlieferten Melodienschatzes in den verschiedenen Riten.

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