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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-03-29 · Heft 11 (29.3.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 11 (29.3.1886)
Date
1886-03-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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מ den nächsten fünfzig Jahren so sein. Aus Zuuzens Schriften sind י 1»ן ihrem Erscheinen Tausende von Büchern gemacht worden, die man, wenn sie vom Erdboden plötzlich verschwanden, aus jenen sofort wieder reconstruiren könnte, von denen jedoch ohne jene kein einziges jemals das Licht der Welt erblickt hatte. Ans Zuuzens Schriften haben gar viele Gelehrte von Ruf und Rang ihren ,Befähigungsnachweis' geschöpft, auf Grundlage Lessen ihnen Professuren und Sitz und Stimme in Academien zuerkannt wurden: Zunz war weder, noch hieß er jemals Professor, keine Academie hat ihn unter ihre Mitglieder ausgenommen. Aber uicht blos die Genialität ist an dem Manne zu bewundern, der, ohne Vorgänger und Vorbilder zu haben, sofort als ein Meister das Gebiet der rabbinischen Litteratnr zu bearbeiten begann und Muster wissenschaftlicher Conceprion hervorbrachte, höher vielleicht muss man das Interesse anschlagen, das er schon als junger Mann au der Hebung des Bilduugs- und Culturzustandes feiner Glaubensgenosien bethätigre. Es war damals —- in den ersten Jahrzehnten des Jahr- Hunderts — eine kritische Zeit für das Jndeulhum angebrochen. Die Gebildeten unter Len Juden kehrten dem Judenthume den Rücken, und die es blieben, wollten von Bildung nichts wissen. Da trat in Berlin mit Zunz eine Anzahl hervorragender Männer zu einem ,Verein für Cultur und Wisieuschaft der Juden * zusammen. Der Verein zählte Eduard Gans, Lazarus Bendavid, Heinrich Heine u. A. zu feinen Mitgliedern. Unter der Redaction Zuuzens erschien im Jahre 1822 der erste — auch der einzige — Band der ,Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums', welcher, eine epochemachende Biographie des berühmten uordsranzöfischen Bibel-Exegeten Salomon Ben Jsak (Raschi) des elften Jahrhundert aus der Feder Zuuzens, eine werthvolle Abhandlung von Gans: ,Gesetzgebung über Juden in Rom', uud andere wichtige Arbeiten en'.hält. Dem Verein hat H. Heine in dem Aufsätze über Ludwig MarcuS ein ehrendes Denkmal gesetzt. Er sagt bei dieser Gelgenheit von dem-Manne, dem -diese Zeilen gelten: ,Wie dürfte ich von jenem Verein reden, ohne dieses vortrefflichen Zunz zu erwähnen, der in einer schwankenden Uebergaugsperiode immer die unerschütterlichste Unwandelbarkeit offenbarte, und trotz feinem Scharfsinn, seiner Skepsis, seiner Gelehrsamkeit dennoch treu blieb dem selbst gegebenen Worte, der großmüthigen Grille seiner Seele. Mann der Rede und der Lhat, hat er geschaffen und gewirkt, wo Andere träumten und rnuthlos hiusanken'. Zu Leu Letzteren gehörte bekanntlich auch Heine selbst, was ihn nicht hinderte, über den Renegaten Eduard Gans wie folgt zu spotten: ,Sein Abfall war umso widerwärtiger, da er die Nolle eines Agitators gespielt uud bestimmte Präsidialpflichten übernommen hatte. Es ist hergebrachte.Pflicht, dass der Capitän immer der Letzte sei, der das Schiff verlässt, wenn dasselbe scheitert — Gans aber rettete sich selbst zuerst'. Ans dem Gesagten ergibt sich, Lass Zunz nicht blos ein Talent war, sondern auch ein Charakter. Seit fast achtzig Jahren hat er für die Bildung und Cultur seiner Glaubensgenossen, wie für ihre Freiheit und ihr Recht schriftstellerisch gewirkt. In letzterer Beziehung ist die Schrift: ,Namen der Juden' bemerkenswerth. Dieselbe verdankt ihre Entstehung folgender Veranlassung: Im Großherzogthum Posen hatte gegen Ende der Dreißiger-Jahre die preußische Negierung den Juden verboten, ihren Kindern andere als biblische Vornamen beizulegen. Wie mir einmal erzählt wurde, ward die Verordnung ebenso plötzlich, wie sie erschienen war, wieder cassirt, weil nämlich ein Jude auf den Einfall gerathen war, seinem Kinde denselben Namen beizulegen, den der Stifter des ChristenthumeS geführt hatte und desfen biblische Herkunft allerdings nicht bestritten werden konnte. Man sah ein, dass man sich lächerlich gemacht hatte und kümmerte sich uicht weiter darum, ob die Juden ihre Söhne Moses oder Franz, oder wie immer neunen wollteu. Für Zunz war die Sache Veranlassung zur Herausgabe einer höchst interessanten Schrift, in welcher er den Nachweis führte, dass die Juden zu allen Zeiten die in ׳ihrer Umgebung üblichen Namen getragen hatten. Auch -sonst hat Zunz gelegentlich rednerisch oder schriststellensch für seine Glaubensgenossen gestritten und überhaupt in die politische Bewegung eingegriffen. In feinen gesammelten Schriften finden sich einzelne politische Reden, Cabinetsstücke der Beredsamkeit, die er in Vereinen, bei Wahlversammlungen und ähnlichen Anlässen gehalten. Doch war er seiner Natur nach zu sehr auf die Concentration und die stille Thätigkeit des Forschers angewiesen, als dass er an dem wogenden, politischen Getriebe sich hätte dauernd betheiligeu mögen. Aus demselben Grunde gab er auch das Amt des Predigers, das er iu Prag verwaltete, und das Directorium des Lehrseminars in Berlin nach kurzer Thätigkeit auf. In den letzten Jahrzehnten hatte er sich ganz auf seine Behausung zurückgezogen, beglückt in der bescheidenen Häuslichkeit, welche seine durch seltenen Geist ausgezeichnete. Gattin ihm bereitete, bis diese vor einigen Jahren, selbst hochbetagt, ihm durch den Tod entrissen wurde. Von diesem Augenblicke an nahm seine Lebenslust und Frische ab, was er durch die bitterwitzige Wendung bekundete, dass er sich selbst den ,seligen Zunz' zu nennen pflegte. Witz war eine seiner herborstechendsten Gt-istesgaben, und manches geflügelte Wort von ihm hat sich erhalten. So sagte er einmal einem Manne, der ihn aus der Straße für den Waisenhaus-Dkrector Auerbach ansprach,, dem er ähnlich sah, mit dem er.jedoch.nicht auf dem besten Fuße stand : ,Mein Herr, Sie irren sich von A bis Z.' . Als er Heine kurz vor dessen Tode in Paris besuchte, hob dieser die Augenlider mit den Händen auf, um Zunz anzusehen, und sagte dann zu ihm: ,Sie sehen ja aus wie der Apollo Belvedere!', worauf Zunz erwiderte: ..,Sie.wollen fa.,en: Mießvedere!' ,Mieß' iit bekanntlich die im jüdischen Jargon übliche Bezeichnung .. für hässlich. Nun sind die alten Freunde,, die auf Erden fo verschiedene Wege gewandelt sind, ohne sich gegenseitig und die gemeinsamen Ziele der Cultur und Aufklärung aus den Augen zu verlieren, wieder beisammen, und Zunz kann in den Todtengesprächen von den neuesten Hervorbriugungen des neunzehnten Jahrhunderts, von dem Racenhaffe, dem Anti-Semitismus und anderen schönen Sachen erzählen, die wahrscheinlich nicht so weit gediehen wären, wie es thatfächtich der Fall ist, wenn — Heine noch am Leben wäre. Die römischen Kaiser in ihrem Verhältnisse zu Juden und Christen (nach den Quellen dargestellt.) Von Ar. A. Weiß. IX. Alexander Severus. Dieser Kaiser war der erste, welcher das Wesen uud die wahre Bedeutung der monotheistischen Religionen erkannt und gewürdigt hat, und es ist gar nicht abzusehen, welche Entwickelung der römische Staat genommen hätte, falls es diesem vortrefflichen Regenten beschieden gewesen wäre, noch länger an der Spitze desselben zu stehen. Seine Freundschaft zu dem jüdischen Patriarchen Juda II. ist durch viele Zengniße erwiesen. Von den Verwünschungen, die das erbitterte Volk aus den Worten der Propheten auf die römischen Kaiser gedeutet hat, wird er ausdrücklich ausgenommen. OrigeneS erzählt in seiner Epistel an Africanus, wie er aus eigener Ersahruug, nachdem er lange in Palästina gelebt, wisse, dass dem Patriarchen eine so große Macht vom Kaiser zugestanden worden §i, dass er sich durch nichts von einem Könige unterscheide, dass

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