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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-03-29 · Heft 11 (29.3.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 11 (29.3.1886)
Date
1886-03-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 seine Kennnis in den Gesang übertragen. Zu seinem Studium gehört Fertigkeit ans einem Instrumente, um sich zu begleiten. Er muss ferner eine vollkommen gute Aussprache und Kenntnis der lebenden Sprachen verbinden. Nicht rmndcr geziemt ihm einige wissenschaftliche Kenntnis. Seinem Gesänge den gehörigen Ansdruck zu geben, muss er ein denkender und fühlender Mensch sein. Er muss die Grenzen und Anforderungen der Kunst kennen, um die vollkommene Wahrheit des Seelenansdruckes mit der weichen Verschmelzung des Zdealisch-Schöneu zu paaren und die Kunst- Vorstellungen von der rauhern Wirklichkeit unterscheiden. Dazu gehört aber, dass er mit den Gesetzen der Kunst, den Abweichungen des Geschmackes und einer besser zu treffenden Wahl, die ihn von der Sclaverci des, Modetovs entfernt, -vertraut sei. Feuer und Mäßigung muss er vereinen, um seder Leidenschaft, jedes Ausdruckes mächtig zu sein und als Künstler die holde Künstlerillüsiou nie zu stören. Und endlich muss er in die Geheimniße des stillen Zaubers eingeweihl sein, den kein Mund ausspricht, kein Unterricht umfasst noch mitthcilt, der den Gesang auf leisen Schwingen aus der Seele in die Seele überträgt, und den Zuhörer wie in eine bessere Welt hinüberbegeistert, wo Alles reiner, klarer, liebender und milder ihn zu um-- strömen scheint. Wir sollen dem Schüler begreiflich machen, auf welche Weise er es anzufangen habe, um mit seiner Stimme jede Verschiedenheit der ihm vorgelegtcu Noten genau zu bezeichnen; denn, wenn er auch, ein gutes Ohr hat und durch dieses Mittel leicht das gehörte Lied auffasst, so wird er doch bald wünschen, mehr Selbstständigkeit und Abwechslung in feinen Gesang zu bringen. Er kennt die Tonleiter,׳ vollkommen, er weiß, dass ihre Klänge, wenn sie durch die angenommenen Noten dem Auge sichtbar werden, neben einander gereiht liegen; dass sieben solcher aufeinander folgender Töne die Grundklänge aller Musik enthalten, die unter dem Namen der höheren oder tieferen Octaven immer wieder an dem achten Tone angesetzt, ebenso, nur höher oder tiefer, klingen. Auf dem Fortepiano verdeutlicht sich dies am besten, wo das Gehör mit dem Auge zugleich fasst. Aber wenn unser Zögling auch diese aneinander liegende Tonreihe vollkommen fingt, so wird es ihm doch darum nicht so leicht gelingen, das richtige Verhältnis der zu überspringenden Töne, wenn dem Sänger Noten vorgelegt werden, die keine Tonreihe ausmachen, zu denken und durch die Kehle zu bezeichnen. Von den nahen Intervallen muss er stufenweise zum Tressen der größeren übergehen. Was dem Erwachsenen durch eigene Einsicht in die Natur der Sache erleichtert wird, kann dem jüngeren Zöglinge durch Hilfsmittel, von denen ich nächstens einige Beispiele geben will, geboten werden. (Fortsetzung folgt.) . Leopold Zun;.*) Von Dr. M. Güdemann. Ans Berlin trifft die Nachricht ein, dass Znnz im Alter von 92 Jahren gestorben ist. Wer war der Mann? Die Frage wäre eine Beleidigung für die Leser einer großen Zeitung, wie etwa die Frage: Wer war Alexander v. Humboldt d oder: Wer ist Leopold v. Ranke? wenn Znnz nicht ein — jüdischer Gelehrter gewesen wäre und mit jüdischer Wissenschaft sich beschäftigt hätte. In der That wird fein *) Durch die freundliche Einwilligung des hochgeehrten Autors sind wir in die angenehme Lage versetzt, obigen in der ,Presse" bereits veröffentlichten Artikel unseren Lesern als gewiss willkommene Lektüre bieten zu können. Die Redaktion. Name neben denen der genannten und anderer Koryphäen der Forfcbung glänzen und jedem Gebildeten geläufig sein, wenn man einmal dahin gelangt fein wird, die Wissenschaft als ein großes Heiligthnm zu betrachten, in welchem zwar verschiedene Altäre aufgestellt sind und verschiedene Hohepriester opfern, die aber alle dem einzigen hohen Zwecke dienen — der Erleuchrnng und Aufklärung der Menschheit Inzwischen hat die obige Frage für weite Kreise noch Berechtigung, und sie soll hier, so gut dies im Augenblicke, da wir die erschütternde Todesnachricht empfangen, geschehen kann, gegeben werden. Dazu ist aber ein kurzer Rückblick ans den geistigen Zustand, wie er innerhalb des Juderuhums bis zum Ansange dieses Jahr- Hunderts bestellt war, geboten. Bis dahin gab eS unter den Inden keinen anderen Gegenstand wissenschaftlicher Thätigkeic, als den Talmud und die rabbiniichen Schriften. Seit dem ,schwarzen Tode' im Anfänge des vierzehnten Jahrhnnderts waren die Inden leiblich und geistig von ihrer Umgebung abgedrängt worden, durch das ,Ghetto" dem bürgerlichen Verkehre entfremdet, verloren sie auch die Fühlung mit dem Zeitgeiste, mit den wisfensckastlichen Bestrebun'gen der übrigen Menschheit. DaZ Jndenthum war ans einer Insel oder einer Sandbank zurückgeblieben, während das Schiff der Menschheit ans dem unermesslichen Ocean der Wissenschaft dahinzog und immer neue Gebiete entdeckte. Nnr wenige Inden, wie etwa der Italiener Asarja der Rosfi (geboren um 1514), hatte es verstanden, Her; und Sinn für die allgemeine Wissenschaft und ihre Fortschritte off n zu halten und sich auf ״die Höhe der Zeit" emporzufchwingen. Aber sät jener Zeit, also etwa feit drei Jahrhunderten, nahm die geistige Vereinfamung der Inden immer mebr zu; ihre eigene Litteratnr, io weit sie nicht in das religiöse Leben'einschlug, ward ihnen fremd, und was der Philosoph Speusippos das wissenschaftliche Empfinden" genannt hatte — daS war ihnen gänzlich abhanden gekommen. Die Juden kannten ihre Geschichte nicht, sie wussten nichts von den Lebensschicksalen ihrer großen Männer, sie verstanden nicht Len Bau und die Gesetze ihrer ״heiligen", das ist der hebräischen Sprache, ja, die Beschäftigung mit diesen Dingen erschien ihnen eine lächerliche und sträfliche Zeitverschwendnng. Was die übrige Welt trieb, ging sie vollends nichts an. Mit der hochmüthigen Geringschätzung eines Omar, der die Bibliothek i» Alexandria verbrannte, sahen die Inden ans die sich immer mehr anhänsenden geistigen Schätze der Menschheit herab. Erft das Gestirn Mendelssohn'» lichtete den Horizont der Juden. Man fing an, den Werth der Welrlitteratur zu begreifen, »ab au ץ diesem Umwege gelangte man auch zur Erkenntnis von dem Werthe der eigenen Litteratnr. Hier ist der Punkt, au welchem Zunz einsetzte. Was Niebuhr für die Geschichtsforschung bedeutet, das bedeutet Znnz für die Behandlung der jüdischen Litteratnr. Er hat die Grundsätze der Kritik auf dieselbe angeweudet, er hat erst eine jüdische Wissenschast geschaffen. Schon mir der kleinen Schrift: ,Etwas über die rabbinische Litteratnr", die 1818 erschien, beleuchtete er das weite und umfassende Gebiet des nachbibtischen Schriftthumes, vor aller Welt die Erzgäuge ausdeckend, welche den verschütteten Schacht deSselben durchzogen, ans dem ec dann selbst das Er; heransgeholt hat. Seine Hauptwerke sind: »Dis gottesdienstlichen Vorträge der Inden" (Berlin 1832), ,Die synagogale Poesie des Mittelalters" (Berlin 1855), ,Zur Geschichte und Litteratnr" (Berlin 1845), abgesehen von anderen hervorragenden Werken, welche jedoch mehr von interner Bedeutung sind und die Entwicklung und Geschichte des jüdischen Gottesdienstes behandeln. Um die Bedeutung der angesührteu Werke kurz zu kennzeichnen, genügt es, zu sagen, dass seit fünfzig Jahren wohl kein Buch über irgend ein Thema aus dem Gebiete der nachbiblischen Geschichte und Litteratnr der Juden weder von einem jüdischen, noch von. einem christlichen Gelehrten erschienen ist, in welchem ans dieselben nicht als auf Fundamentalwerke hingewiefen worden wäre, und man kann dreist hinzufügen: es wird auch noch

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