Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 11 (29.3.1886)
- Date
- 1886-03-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 von Exemplaren überallhin verbreitet, der Unkundige lernt ans ihnen das ihm nolhwendige und nimmt sie als baare Münze an, als ob sic geradewegs vom סיני־" kämen. Mit der Lange der Zci! bürgern sich solche Gesänge' voll st ä n 0 i g bei uns ein,, und dannifl'ö vorbei mit unserem altehrwürdizen und5a!Mewährteü7 Synagogengesangc> Nichts mehrvon seiner eigenthümlichen/berzgewinnendcn Innigkeit und. seinem wahlhast sprudelnden Melodienreichthume; nichts^ mehr non -/seiner Herzbezwingenden Ai acht und seinen zauberhaften Reizen, er ist!!!odernisirt, d. h. abgekürzt und entstell! und als Carricatur in gedruckten Büchern verewigt. Zeit ist es also, dass wir uns es zur heilige, unabweisbare Psticht auferlcgen, diesem Unwesen, dem willkürlichen und eigenmäcktigen Scbalten mit solch' tbeueru, nationalen Gütern unseres Volkes, energisch entgegen zu'treten und diesem schädlichen, für die Geschichte unseres Gottesdienstes sowohl, wie für seine freie, selbstständige Entfaltung höchst verhängnisvollen Treiben mit unser!! heiligen Traditionen tbatkrästig Einhalt zu thun. Wie tief und schmerzlich der Mangel an Veröffentlichung wirklich originaler Traditionsmelodien auch in andern als in Eaniorkreisen empfunden wird, ersehen wir ans einem Berichte des ״Hameliz“ Nr. 41 v. Zs., der sich — in wörtlicher Uebersetzung — wie folgt verlauten lässt: ,Der Grand-Nabbiu von Paris, Herr Weil, hat seine College!! darauf aufmerksam gemacht, wie jammerschade cs ist, dass unsere schönen und angenehmen Synagogengcsäuge von -Altersher, die noch im Gedächtuiße vieler alter Leu:e leben und dort gut aufbewahrt sind, mit dem Ausfterben der Letzteren völlig verloren gehen, und dass mit dem Tode der Aufvewabrer auch die Gesänge zu Grabe getragen und in völlige Vergessenheit kommen werden, fo dass keine Erinncruug mehr an sie im Volke verbleiben wird. Er forderte daher seine Amtsbrüder dringend auf, für diesen heiligen Gegenstand in ihren Sprengel!! Geldsammlungeu zu veranstalten, um diese Gesänge unversehrt und u n v e r f ä l s ch t drucken lassen zu können, damit sie uns in ihrer ganzen Echtheit und unverkürzten Originalität für ewige Zeiten erhalten bleiben. Die Zeitung des Zudenthums, die — nebenbei gesagt — von jeher sich für diesen wichtigen Gegenstand sehr interessirt und sich bei jeder Gelegenheit unserer Traditionsgesänge sehr warm annimmt, benutzt auch diesmal den Aufruf des französischen Oberrabbiuers, um auch das deutsche Zudenthum, das doch sonst die alten Denkmäler unseres Volkes hoch in Ehren hält, darauf aufmerksam zu machen, und unsere deutschen Glaubensbrüder hierzu auzuspornen, dass auch sie diesem, sowohl geschichtlich wie gottesdienstlich hochbedeutlameu Zwecke ihr reges Interesse zuwenden mögend So weit der Bericht des ״Harueliz^, welchem noch der treffliche Nedacteur den charakteristischen und Zweifelaussprechenden Ausruf hinzufügt: ״Wer gäbe es, dass Liese doppelseitige Anregung Gehör und Gehorcher finden möchte!' Daraus geht aber gleichzeitig hervor, dass es tief beschämend für uns sein muss, wenn wir das, was uns am nächsten und stärksten angehcn soll, am wenigsten und geringsten selb st empfindcn und fühlen.*) (Fortsetzung folgt.) *) Mit Bedauern müsse!! wir dem geehrten Autor beipflichten, dass das Gros der Cantoren der heiligen Sache apathisch gegenübersteht. Aber Eines glauben wir nicht unerwähnt lagen zu dürfen, dass wir nämlich gerade für die österr. u n g ar. C a n t o r e n-Zeitu ng und für einen ihrer hervorragendsten Mitarbeiter, Herrn Obercantor I. Singer, das Verdienst in Anspruch nehmen, die Frage des traditionellen Synagozengesanges in Fluss gebracht zu haben. Sowohl die Artikelserie ״Ueber Entwicklung des Spnagogengesanges" als auch die jetzt erscheinende, diesbezügliche Broschüre von I. Singer werden nicht wenig zur Lösung der Frage beitragen. Die Redaktion Gesiuigs-Briefe. (Fortsetzung.) Wenn das bisher Gesagte für jeden Menschen zu wissen nützlich war, um den allgemeinen Geist für den Gesang zu wecken, aw dem es uns noch fehlt, und jedem anschaulich zu machen, dass uns die Natur eine Stimme schenkte, um sie zum Gesänge zu gebrauchen' und den Körper zu stärken; wenn die gegebenen Vorschriften in jedem Zögling das eigentliche Organ nur unverdorben und wvhlkliugeud^erhalten sollten, wodurch dann jeder mit Hilfe seines natürlich guten- Gehörs nach Willkür damit schalten und walten könne, ohne den Zuhörer zu beleidigen: so muss der fernere Unterricht allerdings weit umfassender sein. Bis hieher geleiteten wir die aus Frohsinn ertönenden jungen Menschen. Künftig aber sollen wir ja den Säuger in ihnen entwickeln. Wahrlich, es gehört manche Kenntnis dazu, dies im vollen Sinne des Wortes zu sein. Auch darf neben dem zukünftigen Unterricht das Vorgehende nie vergessen werden. Wäre unser Schüler dereinst noch so weit vorgerückt, so halte er eS nie für überflüssig, jeden Tag seine ersten Tvnübuugen wieder vorzunehmeu. Der bekannte Sänger Nass, der seine Stimme weit länger als gewöhnlich erhielt, schrieb es besonders einer, jeden Tag wiederholten Stimmübung einzelner wachsender Töne zu. Friedrich der Große, erzählt mau, habe die nämliche Uebung jeden Tag bis in sein Alter mit der Flöte vorgeuommen und diese Methode sehr bewährt gefunden. Nicht allein Naturanlagen, sondern auch Kuusteutwicklung, die sich mit ihnen vereinigt, werden erfordert, um einen großen Sänger zu vollenden. Jeder suche die Züge eines solchen Ideals vor seine Eiublldungskrast zu stellen, um ihm nachzueisern. Wer sein Ziel sich weit steckt, hat keine!! gemeinsamen Sinn, und darf hoffen, in seinem hohen Sinne einen Theil der Kraft zu stndeu, die zu jeglicher Vollendung nvthweudig ist. Die Naturgabeu eines großen Säugers sind: eine Stimme, das heißt ein Organ, dessen Grundstoff (timbre de voix, wie sich der Franzos ausdrückt) einen vollen, klaren, dicken, Hellen Klang enthält, der sich durch Uebung gerundet, dem Gehör auschmiegt, dessen reiner, weicher, lieblicher Anklaug alles au sich zieht und für sich eiunimmt. Eine solche Stimme muss fest und biegsam, gewandt und stark, rund und fein, sie muss Beherrscher!!! eines großen Umfangs sein, dessen höchste Höhe und tiefste Tiefe einen gleichen Grad von Ausbildung erhielt. Sie muss in der Höhe leicht ausprecheu, und noch immer metallreich klingen; in der Tiefe markig und voll ertönen, ohne jemals rauh zu - werde!!; in ihrer Mitte einen leisen abgeschliffneu Usbergang von der Brustzur Kopfstimme haben; sie muss sich in jede Modulation, in die kleinsten wie in die größten Intervalle fügen. Dies Alles entwickelt sich aber nur durch Versuche und unaufhörliche Uebuugeu. Ein feines Ohr und eine starke Brust müssen ihre treuen Gefährten sein. Das Eine gewinnt sich durch die Gelegenheit, früh und oft gute Musik gehört zu haben, die andere durch frühe Anleitung, die Stimme zu gebrauchen. Hat die > Natur ihren Liebling durch diese Vortheile begünstigt, so eröffnet sich ihm das Gebiet der Kunst zur ferneren Anwendung. Der gute Sänger soll in gründlicher Schule gebildet fein, von der Kenntnis der Zeichen, Noten, des Taktes und der Znto- Nation zur Kunst des Treffens, und von da zur Lehre der Har-, monie und ihren Grundsätzen übergehen, ihr Gebiet umfassen, ihre Schwierigkeiten kennen und die Klippen vermeiden können. Er muss, ohne Rücksicht aus den vielleicht erschlafften Zeitgeist, .mit Strenge au diesen Grundsätzen hängen, und nicht allein seine Singpartie, sondern das Ganze zu beurtheilen wissen und