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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-03-21 · Heft 10 (21.3.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 10 (21.3.1886)
Date
1886-03-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— •4 — ״Ein WSrtcheir zur Zeit". Von M. Hinlner Cantor und Lehrer in Buuzlau (Preuß. Schlesien). Cs erscheint nothwendig, dass man doch von Zeit zu Zeit von allen Wünschen und Anforderungen, die auf dem Gebiete gottesdienstlicher Gestaltungen sich geltend machen, Act nehme. Ueberall bemerken wir einen gleichmäßigen Drang und ein inneres Bedürfnis, einen wirkungsvollen, auf das Gemüth einwirkenden Gottesdienst zu schaffen. Was ist nun zu rhun? Die Polemik gegen Orgel und deutsches Gebet ist schon längst erschöpft und auszetragen. ja ein überwundener Stand- Punkt, und dennoch lesen wir hier wie dort recht ausführliche Artikel über das deutsche Gebet. Und mit Recht, denn cs ist auch nicht erreichbar, unsere beutige Jugend so weit im Hebräischen zu fördern, wie wir es in unserer Kindheit wurden, um ein ausreichendes Verständnis unserer Liturgie und Bibel wieder zu gewinnen. Auch in älteren Zeiten, ehe man noch Orgel und deutsche Gesänge oder Gebete kannte, gab es wohl eine Mehrzahl von Betern, welche zwar unermüdlich alle T’fi!08, Pijutim und Jozeros beteten, aber den Inhalt derselben gar nicht oder nur zum Theil kannten. Wenn unsere heutige Jugend hebräisch zu beten nicht versteht und deutsch nicht beten will, so ist das gewiss sehr tadelnswerth, aber Abhilfe kann nur dadurch cintreten, dass lebendiges, religiöses Gefühl geweckt werde. W i r werden erhoben und beseelt beim hebräischen Gebet sind aber auch erbaut bei deutschen Gebeten und Vorträgen. Unserer heutigen Jugend fehlt aber die tiefeindringende und durchgreisende Kenntnis der biblischen Traditionen. Dies kann aber nach dem heutigen Stande der jüdischen (besser nichtjüdischen) Erziehung auch durch ein weit größeres Quantum hebräischer Worte nicht erreicht werden. In dieser Hinsicht müssen wir uns beschränken auf das unerlässliche Mag, d. h. auf den Umsang unserer hauptsächlichsten und wichtigsten Pstichtgebete. Denn gerade durch das frühere Uebermaß des Gebett'toffes, glaube ich, ist die heutige Gleichgiltigkeit und Abspannung bei unserem Gottesdienste erzeugt worden. Ich glaube nicht, dass es unserem lieben Gott ein besonders angenehmes Opfer ist, wenn einer unserer Glaubensgenossen sein Asclire Joseliwe dreimal täglich in einem Athen! abhaspelt. Bei uns Cautoren ist diese Art umso peinlicher, weil von uns sehr häufig gefordert wird, recht schnell die Andachten resp. die Gebete zu absolviren. Wer mit Gemüthlichkeit, Andacht und Gcistekruhe würdig vorträgt, der wird am Ende mißliebig: ,,er zieht die Wörter! — der Gottesdienst dauert zu lange!" — ist dann der stereotype Vorwurf. Beim deutschen Gebet hat man wenigstens den Vortheil, dass man die Wörter nicht so leicht verschlucken darf, weil ja sofort das Unschickliche daran bemerkt wird. Und das Vorlesen der Sidra? Was gelangt da alles zu Gehör? — Wie viel aus der Gemeinde verstehen überhaupt das Gotteswort. Und die Jugend, die zukünftigen Glieder Israels? Ich laste hier den fel. ehrwürd. Dr. Treuenfels in Stettin wörtlich sprechen: »Je mehr seit Jahrzehnten die Predigt, der gottesdienstliche Vortrag aus einer bloßen Zugabe, einer Concesfion, einem Hors d’ocuvre, zu einem integrirenden Bestandtheile der Hauptandachten in der Synagoge geworden ist — also dass in vielen großen und kleineren Gemeinden ein Sabbath- oder Fest-Morgen- Gottesdienst ohne ein anregendes oder erbauendes Wort in der Muttersprache nicht mehr dem Bedürfnis entspricht — umsomehr hat man versucht, an die Stelle der eigentlichen Predigt, zur Abwechslung und um eben jedesmal etwas bieten zu können, kürzere Betrachtungen treten zu lasten. . . . . . Es mag Manchem nicht der Mühe Werth erscheinen, solche Kleinigkeiten drucken zu lasten, sicher ist aber, dass zum Vorlesen in kleinen Gemeinden kurze Betrachtungen geeigneter sind als Predigten, und dass die Herausgabe solch kleiner Homilet!- scher Beiträge einem Bedürfniße entsprechen würde." — Die geehrten und ehrw. Mitarbeiter dieser geschätzten Ztg. würden viele zu Dank verpflichten, wenn sie allwöchentlich über die Sidra ober Haftara eine freie, kurze Betrachtung oder eine alte Auslegung oder Deutung aus dem unversiegbaren Borne des Llidrasell udgl. veröffentlichten. ׳ Es würde diese neue Rubrik zur Hebung des religiösen Bewusstseins des gesammten Judenthums und zur Bestergestaltung unseres Gottesdienstes gewiss wesentlich beitragen.*) *) Für baä ״vielgepriesene" Radikalmittel der Einführung deutscher Gebete zur Bekämpfung des Jndifferentismus können wir uns aus mannigfachen Gründen nicht erwärmen. Wer keinen Sinn für den Gottesdienst hat, wird deutsche Gebete ebenso gedankenlos abhaspeln wie hebräische. Hier kann einzig und allein die religiöse Erziehung in der Familie und in der Schule von Erfolg sein. Was die Betrachtungen über die Sidra u. Haftara betrifft, so sind solche von Zeit zu Zeit uns und unseren Lesern gewiss willkommen, aber allwöchentlich durch das ganze Jahr hindurchgesührt, würden sie den Nahmen dieses Blattes überschreiten. Die Redaktion. Gesangs-Briefe. (Fortsetzung). Auf die Art und Weise, seine!! Mund. zu öffnen, kommt es besonders an, ob der Sänger das ihm zugetheilte Organ wird genügst!!!! geltend machen können. Es gibt sehr viele Sänger und Sängerinnen, die von der Natur ein schönes Organ erhielten, aber dennoch hört man sie nicht mit Vergnügen, weil sie ohne Leitung eines guten Meisters, der sie auf die Ursachen, welche eine schöne Stimme verhässlichen, aufmerksam gemacht hätte, nur glaubten sie diese in Bewegung setzen zu müssen, um Sänger zu werden. Von einer schlechten Haltung des Mundes rühren die größten Fehler der Sinzstimme her. Ein Mund vor dem andern ist natürlicher dazu gebaut, die beste Lage anznnehmen, die früher beschrieben wurde. Dicke vorstehende Lippen halten das gehörige Äusströmen des Tones zurück; besonders lange Zähne erfordern, dass der Sänger seinen Mund noch breiter als gewöhnlich beim Gesang öffne, sonst wird sein Ton in den Zähnen gequetscht. Auch der große Stimmenfehler, welchen man unter der dreifachen Benennung der Halsstimme, des chanter gras, oder cantar di gola, als einen der alleruncrträglichsten kennt, entsteht durch eine unrichtige Art den Munden öffnen, wo die gewölbte Zunge, anstatt stach zu liegen, den Ton im Hals aufhält und die Kehle dergestalt gedrückt wird, dass der Schall, statt den geraden Ausweg zu nehmen, vielmehr nach der Wölbung׳ des Mundes getrieben wird. Hier bildet er durch das Anprallen an den Gaumen eine Art von Nepercnssion, die zwar den Ton um etwas verstärkt, aber.gerade dadurch so manchen schlechten Sänger verleitet, dies als ein Hilfsmittel zur Verstärkung seines Tones anzuwenden, Der Ton wird aber dadurch äußerst unangenebm gemacht, und muss um so gefährlicher für die künftige Schönheit der Stimme werden, da sich dieser Fehler selten׳ wieder ganz verliert, wenn der Schüler Fertigkeit in dieser fehlerhaften Singmanier bekam, die er dann selbst nicht mehr zu - hören pfiegt, wenn sie ihm eigen ist. Diejenige Stimme, welche in mehreren oder auch nur in wenigen Tönen diese misstellende Verstärkung angenommen hat und selbst ihren Fehler nicht mehr unterscheiden

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