Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 10 (21.3.1886)
- Date
- 1886-03-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 ueutenklasse, die irgend einem Berufe obliegt, gelten zu können? Doch nicht etwa dadurch allein, dass das betreffende Blatt denselben Namen an der Stirne trägt, womit auch die einzelnen Individuen jenes gemeinschaftlichen Berufes gewöhnlich benannt werden, sondern gewiss nur dadurch, dass cs sich zum geistigen Führer und Wegweiser seiner Abonnenten macht und ihnen das insgesammt an Wiffenswerthem und Bildendem bietet, was sie Lsolirt und was Jeder für sich nirgends sonst finden und sich nie anderweitig aneignen könnte. Und nun, um speciell von nnseren-Fachblättern zu sprechen, so wissen und fühlen wir cs Alle sehr wohl, dass dem jüdischen Cantor eine sogenannte Zukunsts-Cantorstelle mit ,,Staats-Anstellung" — bei Gehaltszahlung seitens der Gemeinde, mit ״Desinitivum — bei zwanglosem und ungestörtem Abmeldiuigs- Recht, mit ״Pensionsberechtigung" — bei kürzester Dienstzeit, und wie noch alle die jetzt beliebten Kraft- und Schlagwörter heißen, die in der phantastischen Einbildung einiger illusionsbehafteter Köpfe entstanden sind, höchst erwünscht wäre; allein es kann doch unmöglich die alleinige Aufgabe unserer Fachzeitunzen sein, uns solche Utopien herbeiführen zu helfen. Man sollte doch vielmebr glauben, dass wir, bevor wir uns unterfangen, von den Gemeinden etwas zu fordern, zuvörderst ihnen durch eben diese unsere Fachblätter etwas bieten müffen, was für sie'sowohl wie für unser Amt sichtbar ersprießlich und förderlich werden könnte; sonst könnte es den Anschein gewinnen, als wollten wir unsere Fachblätter zu P a r t e i b lättern umwandeln und sie nur dazu gebrauchen, um unser materielles Interesse durch sie verfechten zu lassen, nicht aber, um mit ihnen den geistigen und fachmänuischen-Fortschritt — was der eigentliche Zweck wirklicher Fachblätter sein sollte — bei uns auzustreben und zu bewirken suchen. Wenn wir aber in fachmännischer Bildung und berufsmäßiger Aufklärung regelrecht und sicher fortschreiten und zum vorgesteckten Ziele gelangen wollen, bedürfen wir — und gerade wir, die wir doch als musikalisches Völkchen bei Allem und Jedem gelten und meistentheils es auch sind — nicht allein der Buchstabenschrift und der Wortegelehrsamkeit, sondern auch der schwerwiegenden Notcnköpse und der.Musiksprache. Und das ist doch selbstredend, dass eine Zeitschrift für Cautoren gleichzeitig eine Musikzeitung sein muss, wenn sie als wahre Can toren-Fa chzeitu u g gelten und nicht ihren Beruf und ihre Bestimmung verfehlen will. Allein welches Musikgebiet, ist es, das für den Synagogengesaug von Bedeutung ist, und dem wir in den künftigen Musikbeilagen unsere ausschließliche Aufmerksamkeit und Beachtung zuwenden müffen? Sollen wir wieder wie bisher neue Compositionen veröffentlichen? Wir haben ja oben mit triftigen Gründen uachgewiescu, dass sie uns erstens nicht gefallen können, und dass wir sie auch nicht gebrauchen. Oder sollen wir etwa theoretische und didaktische Artikel über Gesang. Stimmbilduug, Notenkenntnis. Generalbass 2c. 3c. zum Nutzen und Frommen angehender Cantoren und Solcher, die es werden wollen, schreiben, damit die Unkundigen an der leitenden Hand derselben sich weiter fortbilden können? Das wäre eine übcrsiüssige und vergebliche Mühe, indem es genug instructive Lehrbücher gibt, mit Hilfe welcher Jeder sich aufs genaueste selbst unterrichten kann, und denen wir mit unseren etwaigen Abhandlungen doch nur tüchtig in's Handwerk pfuschen würden.*) Nun, was denn? *) In diesem Punkte können wir die Ansicht des geehrten Autors nicht theilen, da es einerseits viele Cantoren gibt, die sich die verschiedenen Lehrdücher überhaupt nicht anschaffeir können, und andererseits so manche Werke wegen ihrer Seltenheit nur sehr Wenigen zugänglich sind. Darum ist es vollkommen gerechtfertigt, wenn die Fachblätter ihrem Leserkreise diesbezügliche theoretische Abhandlungen bieten. Die Redaction. ' Wir, sind in der That damit in Verlegenheit, wenn wir köpf- und gedankenlos in den Tag hineinleben.'und glauben, das sogenannte, jetzt so hochgerühmte ״moderne Cantorthnm" beruhe auf nichts weiter, als ans ״Syuagogeu-Orduung", ״geregelten Gottesdienst", ״geregelten Gesang", welche . wiederum sich nur durch ״Chor und Orgel" mauifestlren lassen; oder unsere Berufsthätigkeit sei damit abgeschlossen, wenn wir in der allgemeinen und musikalischen ' Bildung soweit vorgedrnugen sind, dass wir in Bezug aus Gebcrdespiel, körperliche Haltung und gesellschaftliches Benehmen tadellos erscheinen, um — sozusagen — den Adonis der Gesellschaft zu spielen. Wer aber tiefer denkt und weitsichtiger blickt, dem offenbaren sich in diesem ״modernen Cantorthum" andere, höhere Zieles und er strebt nach einem solchen in ganz anderem Sinne. Betrachtet er auch die oben angeführten, neuzeitlichen Einrichtungen in der Synagoge und ׳ beim Gottesdienste als ein Bedürfnis der Jetztzeit, erscheinen sie ihm auch als Errungenschaften der höheren Bildung. und des größeren Anstandsgesühles, so sind sie ihm dennoch nicht Alles, was das wahre moderne Cantorthnm heute und in der ferneren Zukunft allein bedarf, um diesen Titel mit Fug und Recht sich beilegen zu dürfen und ihn mit^Ehreu tragen zu können. Wenn das jüdische Cantorthnm ein wirklich modernes und neuzeitliches werden sollte, so dürfen wir sein- Wesen nicht in der wandelbaren Mode und in der jeweiligen leichtlebigen Zeitströmung suchen, sondern wir müffen es in der Wissenschaftlichkeit begründen und es mit dem jetztzeitigeu Geiste der Gründlichkeit und der ernsten Forschung in Verbindung bringen. Da erst wird sich vor uns ein großes, fruchtbares Feld ausbreiten, wo wir die Saaten unseres Fleißes mit Freuden aussäeu, und auf welchem die prächtigsten und kostbarsten Früchte, von Musikbeilagen, ganz wie wir sie brauchen und wünschen, uns erwachsen werden. Daun erst werden unsere Musikbeilagen hüben und drüben ungestört und ununterbrochen erscheiucn, und dann erst wird unser Cantorthnm ein wahrhaft modernes, d. t).' ein wissenschaftliches genannt werden können. (Fortsetzung folgt.) Fragmente. Aus dem alten jüdischen Leben im Familienkreise, im Gottes- Hause, im gemeinschaftlichen Verkehre. Aie Stellung des Weiöes im biblischen Alterthurne. IV. Nach den biblischen Grundsätzen waren die Frauen, die einen höheren Geist zeigten, nicht von öffentlichen Aemtern ausgeschlossen. Der Geist Gottes ruhte ans ihnen, wie aus den anserwäblten Männern. Hulda, der Prophetin, welche im Nathe zu Jerusalem verweilte, wurde von den Königen gehuldiget. Wir sahen die herrliche Deborah, als oberste Nichterin, Kriegerin und Dichterin, wir sahen die Mutter des Königs Asa als Negentiu, die Frau des Makkabäers Hirkau durch das Testameut ihres Gatten zu dessen Nachfolgerin in der Negierung bestimmt, und die Witwe des Alexander Jannai fast zehn Jahre das Szepter führen. Die Lage der Frauen bei den Hebräern hatte also Leine Aehnlichkeit mit der Vorstellung, welche man sich von den Frauen des Orientes macht. Sie erfüllten die Nolle wahrer Bürgerinnen, nur Bedingungen unterworfen, welche durch ihre eigene Natur, das Interesse des Vaterlandes, die öffentliche Gesundheit und durch besondere Umstände erforderlich wurden. Sie waren frei durch das Gesetz, aber beschränkt durch die Sitten. Wie sollten auch die Kinder Israels ohne schwarze Un.