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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-03-13 · Heft 9 (13.3.1886) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 9 (13.3.1886)
Date
1886-03-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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intervenirendc Statsänwalts-Snbstitut sogar gegen den Antrag per Vertheidlgung ans Verlesung der vom Cassationshose, mit seinem ׳Erkenntniße vom 25. Februar 1885: hinausgegebenen Entscheidungsgründe bei der dritten, im Oktober 1885 stattzehabten'Schwnrgerichtsverhandlung Protest erhoben. - Vor mehr als einem Jahrhundert schrieb Voltaire: ״ Visu de justice! Que d’exemples de ees . erreurs meurtrieres qui 86 renouvellent cliaque annee en Europe . dans presqae tous ces tribunaiix. 068 catastropKes;n’exeitent pas toutes la meme rumern■ que celles des Calas. Le fanätisme ne leur donne pas cette celebrit4 affreusequi penetre -si profonderaent les esprits.“ Zu Deutsch: ,Herr der Gerechtigfeit! Wie viele Beispiele jener möderischen Jrrthümer, die sich jedes Jahr bei fast allen Gerichtshöfen Europas wiederholen. Diese Kata- -strophen erregen nicht alle dasselbe Aussehen wie der Fall Calas. (Der ׳Prottstant Calas war am 9. Mär; 1762 unschuldig in grässlicher Weise gerädert worden, weil er angeblich seinen zum Katholieismus übergegangeuen Sohn aus religiösen Motiven gemordet habe.) Der ׳Fanatismus verleiht nicht allen jene furchtbare Berühmtheit^ welche l'o tief die Gemüther erschüttert.' Und heute? Noch sind die heißspornigen Ankläger, die aufgeregten Richter, die voreingenommenen Geschmornen nicht ausgestorbeu, noch gibt es selbst Assis en-Präsidenten, welche die Vertheidiger wie Feinde behandeln, die ihnen die Beule abjagen wollen, noch trübt der Fanatismus den Blick, und der Fall Ritter ruft mit durchdringender Stimme: ״Dien le justice, que d’exemples de ces erreurs :meurtrieres!" LMersrisches. ״D i e T o n a r t e n des traditionell c n Sy n a- . g 0 gen ge sang es (Steiger) und ihr Verhältnis zu d e n K i r ch e n t o n a r t e n n n d den Tonarten der vorchristlichen M u s i k p e r i o d eJ. Unter diesem :Titel erscheint in den nächsten Tagen eine Brochüre (mit Notenbeilag en) von Obercantor Josef Singer in Wien, welche durch - das hochinteressante, bisher wenig oder gar nicht besprochene ,Thema, sowie durch die geistvolle Behandlung desselben in cantoralen und auch weiteren musikalischen Kreisen berechtigtes Aufsehen erregen wird. — Y. : ״Zur Indenfrage na ch den Acten des P r o z e s s e s N o h l i n g - B l o ch von D r. I o s e f K o p p, Leipzig 1886:,, Eine göttliche Fügung möchte ich es nennen, dass ׳״der durch blinden Hass verblendete Professor Rohling, der sich stets zum Anwalt berufen fühlte, der Mann des Wortes und der'Feder,: welcherbei der großen ihm zu Gebote stehenden ׳Publicistik seinen vermeintlichen Rechtsstreit durch die. Presse :austragen konnte, dass er dennoch den von Dr. Bloch ihm hin- ׳"geworfenen Vorwurf des Meineids mit einer gerichtlichen Klage 'beantwortete-,— zu seinem eigenen Verderben. Oder sind׳ plötz- ״lich die früher ihm reichlich zuströmenden, jüdischen, Wissenschaftlichen Quellen des Dr. Justus Brimanos versiegt? Genug,, durch -sein Abstehen vom Prozesse kurz vor dessen Entscheidung und ׳-mehr noch durch die׳ Motivirung dieses Vorgehens, hat er sich 'selbst gerichtet. Wir aber :verdanken seiner feigen Flucht die ״"oben genannte, ihn ׳mehr, als jeder Gerichtshof vernrtheilende 'Schrift, welche uns' für die.unausgesetzten Beleidigungen Genug, -thunng verschafft, .und die von׳N. entstellten und. verzerrten :Züge des Talmudjuden in ihrer wahren Form zeigt. Und gehörte ׳-schon ein nicht geringer Mannesmuth uud Gerechtigkeitssinn -dazu, ungeachtet der Stimme der Zeit wie der politischen Freunde die Vertheidigung Blochs zu übernehmen^ so bekundet die Veröffentlichung der hierausgewonnenen. Ueberzeugung den unerfchrockenen Kämpfer für.das bedrückte Recht. Der Antisemitismus, auch praktisches Christenthum genannt,: an dessen Spitze, charakteristisch genug, zwei Geistliche stehen, gilt ihm für den Ausfluss religiöser Intoleranz und der Verbreitung der N.'schen Schmutzlitteratur, welche das Blutmärchen mit einer religiösen Unterlage befestigte. Nun scheut er keine Mühe, durch Selbststudium und an der Hand nichtjüdischer Fachgelehrter alle Scheinbeweise N.'s . zu widerlegen und die Lügenhaftigkeit feiner Behauptung darzuthun, welche in dem Satze gipfelt: der Jude ist von Neligionswegen verpflichtet, alle Nichtjuden anszubeuten, sie. mit. jedem Mittel an Leben, Ehre uud Eigeuthum zu schädigen; nur müsse er vorsichtig sein, dass der Name Gottes nicht entheiligt werde, d. h. dass Israel nicht blamirt werde. Welche Profanisirung des erhabenen Begriffes von הלול השם, welche Entweihung des heiligen Namens! Nachdem uns der Verfasser die lehrreiche Vorgeschichte des Prozesses und dessen Gang mittheilt, wie selbst ein persönlicher Freund Rohling'« dessen Treiben als Schwindel verdammt, und wie das umfangreiche Qnellenmaterial zu Stande kam, in welches Rohling nicht einmal Einblick nahm, und wie endlich der Lichtscheue, als cs Licht werden sollte, vom Schauplatze verschwand, geht er an der Hand sachverständiger Autoritäten alle allzemeinen und besonderen Beschuldigungen durch, um ihre Grundlosigkeit nachzuweisen. Zumeist befasst er sich mit der Bekämpfung der unglücklichen Wahnidee vom rituellen Morde, welche Rohling schon bei den ältesten Kirchenvätern flnden will, bei denen sich aber kein Schatten davon flndet, sondern erst bei Rohling Fleisch und Blut erlangte. Die Fabel wurde im 1. und 2. Jahrhundert auf die Christen ersonnen und dann auf die Juden übertragen. Rohling enstellt die Wahrheit, wenn er alle im jüdischen Schriftthume vorkommende heidenfeindliche Stellen auf das Christenthum deutet. Als offenbar freche Lüge erklärt er die Behauptung, dass dem Chisten gegenüber der Eid nicht heilig sei, und dass dessen Leben und Vermögen nicht geschont zu werden brauche, lauter Verdächtigungen, an denen keine Spur der Wirklichkeit haftet. Nach dieser gründlichen Abfertigung Rohling'« überblickt Dr. Kopp das Gebiet des Talmud, in dem wohl manche aus der Zeit des Druckes entstandenen Ausspruche Einzelner zu Misverständnißen Anlass geben dürften. Doch mochte er diese nicht entfernt wissen ans dem alten Schriftdenkmal, dem Gemeingut der Wissenschaft, ebensowenig als die k. k. Academic aus den Kirchenvätern die Ausbrüche fanatischen Glaubenseifers ausmerzen ließ. Auch in den Gebetbüchern, wenn auch die Textirnng barock erscheint, dieses oder jenes von Unwissenden misdeutet werden kann, flndet sich nichts Anstößiges. Neligionsgenossenschaften halten' erfahrungsgemäß an nichts so fest als an alten Formeln, -jeder A e n d e r.u n g verletzt die Pietät. Will ein .Narr oder ein Böswilliger rituelle Formeln bekritteln und misdeuten, so flndet er wohl bei . allen Confessionen willkom- -menen Anlass. Inden Neligionslehrbüchern hat bis nun -Niemand Bedenkliches für die israelitische Jugend entdeckt. Vor Allem — diese Schlussbetrachtung bildet das Resultat der - ganzen Untersuchung — vergegenwärtige man sich den lange - geknechteten .Zustand des jüd. Volkes, wie die Entwicklung ihrer Kräfte gesetzlich beschränkt war, wie sie.'aus allen edlen Lebensstellungsn und Berufszweigen verdrängt wurden, lege daher nicht jedes in ihrem Unmuthe gesprochene Wort auf dis-Goldwage und mache nicht die Nation oder noch weniger die Religion für das Vergehen Einzelner verantwortlich. »So wie: ein nn-

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