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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-03-13 · Heft 9 (13.3.1886) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 9 (13.3.1886)
Date
1886-03-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 den Geistesarbeiten der Collegen eher Nachsicht und Entschuldigung üben sollen, als der kalten, unerbittlichen Kritik und der Bemängelung freien Lauf zu geben. Ich betrachte nämlich den vielsagenden, von uns aber wenig beachteten Begriff .Collezenschaft' als ein Familien- und Verwandtschafts-Verhältnis, durch welches die Personen des einen und desselben Berufes, ungeachtet der höheren Stellung und des größeren Ansehens der einzelnen — ’ ich möchte sagen — eine Ausnahme bildenden Zndividuen, zu einer einzigen großen, sich gegenseitig liebenden und schätzenden Familie vereinigt werden; und wo gibt es denn eine so graufame und hartherzige Familie, die mit ihren einzelnen Gliedern gar so rücksichtslos verfährt und nicht selbst ihre Febler zu beschönigen und zu entschuldigen sucht? — Besonders aber ist eine solche Zndulgcnz auf musikalischem Gebiete sehr geboten und höchst erforderlich. Musik ist einmal ein Geuußobjecl, und dejshalb sind auch ihre Erzeuguiße dem Geschmacke eines jeden Einzelnen — wenn er nicht schon im Voraus durch Autoritätsglauben oder durch das Urthe.il Anderer beeiustuß! für oder gegen sie eingenommen ist — unterworfen. Wer kann, wer darf sich nun zum eudziltig entscheidenden Richter eigenmächtig aufwerfen über einen Gegenstand, von dem das Sprichwort mehr als von je etwas mit Recht behauptet: 6״« gastibus non est disputandum“, und durch ein abfälliges Urtheil noch, eine anerkannt gemeinnützige Sache gefährden und sie um ihre Existenz bringen? Gefällt es nicht dem Einen, gefällt es dem Anderen, jedenfalls hat es dem Autor gefallen, und wer sagt cs uns, Lass unser Geschmack maßgebender und urtheilsfähiger ist, als der des Verfassers? So also hätte es sein sollen, und so wäre die Musikbeilage zu allererst dafür geschaffen, die löblichen Gefühle der Brüderlichkeit und collegialen Anhänglichkeit, wie sie wahrfcheinlich die Schöpfer dieser Unternehmung zum Ziele hatten — in uns auszubilden, zu erwecken und dauernd zu erhalten. Aber leider haben wir dabei die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Wir ^hätten vorerst die Chasanim-Natur in Bedacht ziehen müssen, bevor wir zur Ausführung dieses ProjecLes schritten. Ist es wobl denkbar, dass ein Chasan die Compositionsfähigkeit eines anderen anerkennen und ihm Gerechtigkeit in dieser Beziehung widerfahren lassen könnte? Wo in aller Welt gibt es einen Cantor, der nicht bei sich denkt: .״אני ואפסי Ob sich nicht für eine — wenn auch verkannte—- Größe hält? Wenn «ihm überhaupt etwas gefallen könnte, dann müßten es gerade seine eigenen Schöpfungen fein. Und da sollte man annehmen, dass er es über sich gewinnen könnte, auch die Geistesarbeiten Anderer für erträglich gut zu halten? Nie und nimmermehr! Hand auf's Herz, Collezen, ist's nicht so? Za, es ist buchstäblich so.nnd ich selbst kann diesen allgemeinen Charakterzug des Chasan's in mir leider nicht verleugnen und mich ihm unmöglich ganz verschließen. Ich will aber etwa nicht behaupten, dass dieser Charakterzug nur auf Ueberhebung und Einbildung beruhe, und darum als Untugend misbilligt werden müsse. Nein! Es ist vielmehr Selbstgefühl und Selbstvertrauen, welche seelischen Eigenschaften für die Geduld und Ausdauer im Forschen und geistigen Schaffen sehr nützlich und geradezu unentbehrlich sind. Wenn man ferner bedenkt, wie wenig Beachtung unsere Fähigkeiten und wie wenig Anerkennung unsere Bemühungen und Anstrengungen bei der Außenwelt finden, so ist's ein wahres Glück für uns und eine von den bekannten .״רפיאות קודם- למכות &er göttlichen Vorsehung, dass wir dieses Selbstbewusstsein besitzen, das uns in den trüben Stunden aufrichtet und erhebt, und uns nicht an uns selbst verzweifeln lässt. Aber für den Bestand und die Fortdauer einer Musikbeilage in bisheriger Weise und desselben Zuhaltes sind solche Gefühle und Eigenschaften äußerst nachtheiliz und höchst verderblich. (Fortsetzung folgt.) Die WillensfreihrU. Nach Juda Halevy. Von Dr. A d o l f Frankl - G r ü n. (Schluss.) Doch konnte der religiöse Denker sich nicht den Widerspruch verhehlen, in welchen die Willensfreiheit mit dem Grundproblem der Theologie, der Vorherbestimmung und dem Vorhermissen Gottes geräth, und er erklärt diese Schwierigkeit durch folgende Auseinandersetzung. Wenn auch jedes Ereignis auf Gott, den, Leuker aller Begebenheiten, zurückzusühren ist, so müsse man dennoch solche Thaten, welche unmittelbar durch seinen Willen vollzogen werden, von denjenigen anseinanderhalten, welche durch die von. ihm geschaffenen Kräfte und erst im.Wege der Verkettuug ihm als der letzten Ursache zugeschrieben werden (5, 14). Zu den ersteren gehören ausschließlich göttliche (אלהיות) Handlungen, wie die zweck- und planmäßige Anordnung der ganzen Schöpfung, die in geistiger Beziehung dieser gleichenden Offenbarung (1, 91), ferner wichtige weltgeschichtliche Vorgänge, als Krieg und Sieg, wobei allerdings Volk, Ort und Zeit zu berücksichtigen sind, wenn auch Sprachgebrauch und Volkssitte zur Stärkung des Glaubens alle Ereigniße Gott zuzuschreiben; endlich Wunderthaten. deren Mittelursachen wir nicht kennen und daher nicht für uns vorhanden sind: als die Erlösung aus Egypten, die Spaltung ches Meeres, der ohne sichtbare Ursache erfolgte Untergang des assyrischen Heeres, von denen wir wissen, dass sie nicht durch Naturkräfte, Zufall , oder menschlichen Willen, sondern lediglich durch die Anordnung '®otteS geschehen sind (1, 78). Auch die Propheten. Weisen und Tugendhaften gelten allgemein als die ersten Werkzeuge des göttlichen Willens, den sie ohne Widerstreben aussühren, gleich den Himmeln (1. 97), welche ihm mit Ausschluss aller Mittelglieder dienen und deshalb oft an Stelle Gottes gesetzt werden (4. 3 ). Zu den letzteren gehören die (מכליות) natürlichen Handlungen, die aus der unbewusst handelnden, nur der höchsten. Intelligenz folgenden Natur hervorgehen, wie das mittelst Affection bewirkte Verbrennen des Balkens durch das Feuer; die (מקריות) zufälligen Handlungen, die absichts- und ziellos entstehen; sie können bei entsprechenden Mittelursachen und ungestört durch die anderen drei Classen von Handlungen eine angemessene Vollendung erlangen; die (כתרייות) freiwilligen Handlungen des Menschen, die nach einer Reihe aufeinanderfolgenden, zwangslosen Ursachen auf Gott selbst als die erste zurückgeführt werden. Es wird daher das Gebiet der göttlichen Bestimmung durch die Willensfreiheit nicht beschränkt und das menschliche Geschick der Allmacht nicht ganz und gar (כל עיקר) entrückt. Denn es ist gleichviel, wenn man nur nicht, wie die Philosophen, die Mittelursachen unendlich sein lässt, ob man jetzt sagt: Alles geht von Gott aus, oder von der Freiheit und Zufälligkeit, als deren Ur- und Beweggrund aber Gott selbst anerkannt wird. Der gegen die Willensfreiheit erhobene Einwand, dass durch sie nämlich die menschlichen Handlungen dem Wissen Gottes entzogen werden, weil doch das Mögliche, erst durch unseren

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