Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 8 (5.3.1886)
- Date
- 1886-03-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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haben, diese Herren gar keinen Untercantor, und dennoch, kaum sind sie flügge geworden, prangt schon auf ihrer Adreßkarte, auf ihrer Wohnungstafel und überall, wo es nur auzubringen ist, der Titel ,Obercantor'. Dagegen sollte energisch Einsprache erhoben werden; ich wenigstens, der ich noch heute darauf stolz bin, in meiner Zugend Meschorer gewesen zu sein, und der da weih, wie früher noch so tüchtige Meschorerim alt geworden sind, ohne den Muth zu haben, das heilige Amt des Cbasans ohne Weiteres anzustreben, kann es nicht rubig mit ausehen, wie Jedermann die Meisterschaft für sich in Anspruch nehmen kann, ohne seine Befähigung hiezu nachgewiesen zu haben. In früheren Jahren musste ferner der Chasan den Tallis über den Kopf nehmen, bevor er sich zum Betpulte hinstellte, und durch seine demuthsvolle Haltung. Lurch sein bescheidenes, wahrhaft gottergebenes Benehmen erregte er in uns und allen Anwesenden eine weihevolle und andächtige Stimmung. Heute, wo der Cantor an- Stelle des Chasan getreten ist, darf Ersterer shawlartig den Tallis um seine Schultern legen, und durch würdevollen Anstand, durch majestätisches Einherschreiten im Innern des Tempels sucht er die Andacht zu wecken. Aber wie oft wird leider gegen den Anstand gesündigt! Man sollte es eigentlich nicht glauben, dass der Anstand, welcher doch eine Grundbedingung im gesellschaftlichen Verkehre ist, im Gotteshause oft außer Acht gelassen und verletzt wird. Und doch ist es so. Zu Beginn des Gottesdienstes z. B. ein ewiges Hüsteln, Näuspern und Ausspeien. Ersteres sind angewohnte Untugenden, Letzteres geradezu eine Grobheit! Wo, in! welchem anständigen Privathause werden derartige Unarten geduldet, und auf Gott geweihtem Boden, in Gegenwart Gottes und vieler Andächtiger, an der Stelle, wo der Functionär am . meisten exponirt ist, wo alle Welt ihn und seine Handlungen > mit Aufmerksamkeit beachtet, soll dies ungestraft gestattet sein?! Nie und nimmer, das muss öffentlich misbilligt werden. Wie manchen Functionär habe ich gesehen, der nicht einmal mit Anstand stehen gelernt hat! Beim Beten neigt er sich ganz zum Gebetbuche nieder, und beim Thoralesen krümmt er seinen Leib, berührt fast mit der Nasenspitze die heiligen Gesetzrollen und nimmt dem Publikum gegenüber eine Stellung ein, die gerade nicht andachterweckend ist. Zft der Functionär kurzsichtig, bewaffne er sein Auge mit einem scharfen Glase, ist der Schulchan zu niedrig, so lasse er einen Aufsatz an demselben anbringen. Wie viele der geehrten Leser dieses Blattes werden es mir weiters bestätigen, dass in den kleinen Pausen im Gottesdienste der Anstand sehr oft verletzt wird. Wem ist es unbekannt, dass es Functionäre gibt, die, während der Stellvertreter oder Schames die Mi-scheberach zwischen dem Vorlesen der einzelnen Capitel aus der Thora macht, sich ohne jede Scheu nach allen Seiten umdrehen, dem einen oder anderen Bekannten einen Gruß zusenden und vielleicht auch manchen kokettirenden Blick zur Frauengallerie schicken. Zft das ein würdiges Benehmen, ist das mit einem heiligen Amte vereinbar? Ich will'nicht noch weiter auf dieses Thema eingehen. so sehr mich auch die vielen Erfahrungen dazu verlocken könnten, ich möchte nur nochmals eindringlich betonen, dass derlei Uebelstände abgeschafft werden müssen, wenn nicht der gesammte Cantorenstand darunter leiden soll. Zch, als aufrichtiger Freund der Cantoren, muss dies offen erklären: denn Denjenigen, die solche Untugenden besitzen, wird Niemand es offen Vorhalten, aber hinter ihrem Rücken wird mit den Fingern auf sie gewiesen. Jedermann, der mit Leib und Seele an seinem Amte hängt, wird mir vollkommen beipflichten, und ich hoffe, dass kein anständiger Cantor — und, Gott sei Dank, deren gibt es sehr viele — es mir übel nimmt, wenn ich heute über verletzten Anstand geschrieben habe. Nächstens sehen wir uns beim Capitel ,Probevorträge.' B. Schwarz. Mähr.-Ostrau, im Feber 1886. Die Willensfreiheit. Nach ^uda Halevy. Von Dr. Adolf Frankl-Grün. Keiner der jüdischen Neligionsphiloiophen bat, wie Z. H., dieses Thema so klar und gründlich behandelt und die Lösung aller Widersprüche so glücklich durchgeführt. Die Willensfreiheit, das Vermögen der Selbstbestimmung, etwas zu thun, oder zu unterlassen, bildet auch bei I. H. einen der wichtigsten Grundsätze der Religion (Kus. 5. 20. 25.). Der Mensch handelt stets als vollkommen selbstständiges Wesen. Seine Seele besitzt die Kraft, in allen ihm möglichen Dingen das Böse zu ihnn oder zu lassen- Nichts außer ihm liegt zwischen seinen Wünschen und deren Ausführung, für welche er daher verantwortlich gemacht, belohnt oder bestraft werden kann. Trotz mancher von Außen auf seinen Entschluss einwirkenden Beweggründe, natürlicher und übernatürlicher, angeborener und zufälliger, hemmender undfördernder Einflüße, besitzt dennoch allein sein Wille die Macht der letzten Entscheidung, und hätte er immer vor der getroffenen Wahl, vor der thatsächlichen Aeuß erung des Willensaetes auch das Entgegengesetzte vollbringen können. Wo ihm die Kraft der Selbstbestimmung innerhalb der Grenzen des für ihn Erreichbaren fehlt, dort mangeln ihm nur die Mittelursachen, oder ist sein Verstand beschränkt, um von diesen Anwendung zu machen. Ersterer gleicht einem armen, fremdländischen König, der das Volk bei seinem guten Willen nicht zu leiten versteht, während ein einheimischer, bemittelter, dieses wie seine Hausleute, seine eigenen Glieder lenkt und regiert. Letzterer gleicht einem Schachspieler, der, indem er den rechten Moment entgehen ließ, das Spiel verloren, und der durchaus nicht die Schuld dem Glück oder Zufall zuschreiben kann. Wie dem Gegner lag auch ihm das Feld offen. Dass er einen schlechten Zug gewählt, dies ist Beschränktheit, nicht aber Mangel an Freiheit. Er bethätigt nur nicht die erforderliche Willenskraft, die Energie, den Eifer und Fleiß, sich den Außendingen gegenüber zu behaupten, über die Macht der Verhältniße zu siegen; denn unter allen Mittelursachen ist schließlich der freie Wille die stärkste. Dieser Glaube an die menschliche Willensfreiheit, welche Erfahrung, Wahrnehmung und die ganze heilige Schrift bestätigen, gilt Z. H. für so evident und überzeugend, dass er den Leugner derselben als einen hartnäckigen Heuchler erklärt, der an etwas zu glauben vorgibt, was ihm unglaubwürdig erscheint. Denn, wie wenig Ernst es ihm mit seiner Anschauung von einer beherrschenden Nothwendigkeit ist, beweist er dadurch, dass er auf dasjenige, welches er befürchtet oder erhofft, sich vorbereitet, mithin die Existenz des Möglichen, dessen Eintreffen durch Vorkehrung beschleunigt oder aufgehalten werden kann, indirect eingesteht. Er müßte sonst nach seiner Meinung, dass das Vorherbestimmte unausbleiblich in Erscheinung tritt, dem Verhängniße sich überlassen und dürste sich nicht Waffen gegen den Feind und Vorrath gegen den Hunger auschaffen. Sag: er aber, dass das Vorbereiten selbst schon im Voraus bestimmt wurde, also für den noch nicht Vorbereiteten 1 ,,