Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 5 (9.2.1886)
- Date
- 1886-02-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Intelligenz und Religion vielmehr nur die Bescheidenheit, Ruhe und Gelassenheit als charakteristische Merkmale haben, so kommt es leider häufig vor, dass bewährte, in jeder Weise qualificirke, vollkommen würdige Fachmänner ganz untergeordneten Milbe- Werbern, die jeder uölbigen Fachkenntnis und Bildung entbehren, weichen müssen, weil die Gemeinden sich von solchen Lappalien, von dem momentanen äußern Eindrücke irre führen lassen und nicht den richtigen Unterschied erwägen zwischen ,Sein* und zwischen ,Scheins Infolge dessen sieht man zuweilen in Provinz- und Landgemeinden — mit großem Bedauern muss es constatirt werden — Cnltusbeamten, die bei ihren Funktionen dem Fachmanne Tbränen des Mitleids zu entlocken und Empfindungen des -Schmerzes zu verursachen fähig sind. Schreiber dieses hatte schon oft Gelegenheit, sich von sülchen traurigen Wahrheiten zu überzeugen und fühlte, sich stets von inniger Theilnahme gerührt; er konnte es aber solchen Funktionären nie verzeihen, wenn sie anstatt das Versäumte nachzuholen und sich zu vervollkommnen, von Fachmännern belehren und unter- .weisen zu lassen, ihre berufsfreie Zeit vergeuden, indem sie lästig hin- und hergehcn, die Häuser und Straßen frequenteren und die Vermittler und Träger der Ortgespräche und Localneuigkeiten bilden, oft auch Witze und Anekdoten zum Besten geben, wodurch nicht leiten der Moral und guten Sitte Hohn gesprochen wird, ,lieber eine derartige Selbstverkürzung dieser Art Gemeindebeamtcn war und bin ich immer entrüstet, weil sie nickt nur sich selbst schädigen, sondern auch den ganzen Stand entwerlhen und entwill!..11. Die meisten sind auch Stammgäste der Bier- und Wen Hauser, wo sie allenfals die kostbare, dem Menschen knapp zügemessenen Zeit in angenehmer Weise verspielen. — Sapienti sat. Dennoch finden derartige Funktionäre sehr häufig in den Gemeinden Anklang und werden mit Vorliebe acceptirt; sie erringen oft den Sieg über den wahren Fachmann, der sein ganzes Leben dem Fach-Studium und dem Dienste des Herrn gewidmet hat und in seiner berussfreien Zeit sich nicht Ruh' und Rast gönnt, um für sich und seinen Berufsstand zn schaffen und wirken. Denn man versteht sich leider in vielen Gemeinden zu wenig auf die hohe Berufspflicht des Cultusbeamten und b egnügt sich häufig, so zu sagen, mit einem bloßen Surrogat, das seinen Mangel an Fachkenntnis und intellectueller Bildung durch häufige Besuche, durch erkünstelte Familien- und Personen-Anhänglichksit und dgl. zu ersetzen und sich dadurch in der Gemeinde wichlig zu machen versteht. Infolge solcher Verhältniße und Umstände, die bei der Aufnahme der Cultusbeamten oft obwalten, braucht man sich gar nicht darüber zu wundern, dass es nicht allzuselten Personen gelingt, sich als Cultusbeamten zu geriren, die in irgend einem materiellen Lebenßberufe verunglückt sind oder bei demselben auf keinen grünen Zweig gekommen find. Sie widmen sich dem jüdischen Cultusbeamtenstande, wenn sie auch im Leben nichts gelernt und nichts vergessen haben. So findet man oft in den Gemeinden Funktionäre (Lehrer, Neligionsl ehrer, Vorbeter, Thoralehrer, Schächter, Beschneider), die sich bald als Handwerker, Handelsleute, Krämer u. -gl. entpuppten; es frage aber Niemand, wie solche ihre Funktion ansüben: Der wahre und treue Neligionsfreund fühlt sich stets höchst peinlich berührt durch eine solche Entstellung und Entwürdigung der Religion und des Gottesdienstes. Es ist zwar keine Schande, vielmehr liegt ein großer Vorzug darin und verdient jede Anerkennung, wenn der jüdische Gelehrte oder der sonstige' Vertreter der jüdischen Religion für irgend einen materiellen Lebensberuf Verständnis, Fachkenntnis und Fähigkeiten besitzt. Unsere weisen Talmudlebrer rmpfeblen es, ja sie machen es sogar jedem Vater zur Pflicht, seinem Sohne neben den Torastudium irgend einen materiellen Lebensberuf anzueignen. Viele vorzügliche Schriftgelehrte batten ein Handwerk ausgeübt. So war der Patriarch Hillel ein Holzbauer, der berühmte Oi. Äkiba ein Hirte, N. Iehoschua, Voisitzender des Obersten Landesgerichtes, erzeugte Nadeln u. s. w. Aber trotzdem manche ganz niedrige Handtirürgen hatten, leuchtete ihr Geilt in der Gotteslehre. Auch in neuerer und neuester Zeit liebten es andächtige Eltern, ihren dem Torastudieu gewidmeten Söhnen das Verständnis zur Ausübung irgend eines materiellen Berufszweiges beizubringen. Der große jüdische Gelehrte und weitberühmte Philosoph Moses Mendelsohn (Maimonides) hatte sich dem Handel und den Handelswissenschaften gewidmet und gar mancher genialer Geist, mancher Held der Kanzelberedtsamkeit und des Wissens war einmal Jünger und Vertreter irgend eines materiellen Faches, sowie mancher geistreiche, emsige Torabeflissene beute als tüchtiger, großer Handelsmann oder FabrikS- Unternehmer sich auszeichnete; denn das Wissen hat immer einen goldenen Boden, auf welchen jeder Lebensberuf verpflanzt werden kann, um gedeihliche Früchte zu tragen. Wie aber Personen ohne entsprechendes Wissen und ohne jede FackkenntniS, ja selbst ohne jede Willenskraft, etwas zu lernen, sich als Canror, Neligionslehrer u. dgl. ausgeben und accevlirt werden können, ist staunenerregend und kann nur in den Auinahms- Modalitäten in den Gemeinden Begründung finden. Dieser Misstand ist umso bedauerlicher, als gerade diese Art Gemeindebeamten es ist, welche mittels ihren standesverletzenden Mauipulationen und Machinationen die Männer von Fach und Würde oft aus dem Felde jagen. Während z. B. der wahre, seinem hohen Berufe, seiner Amtswürde und seiner Leistungsfähigkeit entsprechende Fachmann bescheiden abwartet, bis er in Erledigung seines Bewerbungsgesuches zur Probeproduclion berufen wird, scheut der gewerbsmäßige Functionär kein Mittel anzuwenden, das ihn zur Erreichung seines Zieles führen kann. Er zieht oft selbst bei nicht freien Stellen direct oder indireet Erkundigungen ein, ob diese oder jene Stelle zn vergeben wäre, und bei der leisesten Ahnung auf einen möglichen Erfolg kömmt er herbeiaeeilt, um mit Hilfe seines Mundwerkes und feines Vorspiegelungsvermögens sich auf Kalten Anderer zu nützen. Durch solche verwerfliche Mittel wurde schon manche Stelle eines würdigen Fachmannes unterwühlt oder Mancher existenzlos gemacht; denn Füchse verderben die Weinberge. Manche lassen sich sogar herbei, ein geringeres Honorar zu beanspruchen, auf die Reise und Uebersiedlunzskosten zu verzichten u. dgl. An die Einsetzung solcher unberufener Personen, die sich, nebenbei gesagt, zu'verschiedenen unschicklichen Dienstverrichtungen in der Gemeinde herbeilaflen, tragen nicht selten Nabbinen bei, die den unverzeihlichen Fehler begehen, solchen unwissenden Personen, theils aus Protection, theils aus falschen Humanitären, oder anderen Rücksichten die Befähigung als Religionslehrer, Schlächter u. dgl. zu ertheilen, ohne zu erwägen, dass daS Judenthum dadurch untergraben und der hohe Beruf des israelitischen Gemeindebeamten herabgewürdigt und eutwerthet wird. Ich glaube einerseits die Spalten dieses Fachorgans nicht noch mehr in Anspruch nehmen zu dürfen, andererseits eine gewisse Rücksicht obwalten lassen zu müssen, sonst könnte ich auf diesem Gebiete gemachte Wahrnehmungen und andere traurige Erfahrungen mittheilen, welche meine Ansichten gewiss noch mehr bekräftigen und rechtfertigen würden.