Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1886)
- Date
- 1886-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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— S — 71 Zahre alt, beide nach kurzem Krankenlager. Sie waren eifrige Mitglieder, verdient um ihre Frömmigkeit wie um ihren biederen Sinn. Kein Wunder also, wenn die Betheilizung an ihrem Leichenbegänguiße eine enorme war. Namentlich gestaltete sich das letzte Ehrengeleite, welches die Bevölkerung dem allgemein beliebten, biederen Herrn Jakob Adler gab, zu einem höchst imposanten. Herr Adler, bekannt durch seine Schlichtheit, seinen ehrenhaften Charakter, war der frühere CultuSvorstcher der Gemeinde und leitete dieselbe in wahrhaft patriarchalischer Weise, so dass man seines Regimes noch lange in Ehren gedenken wird. — Montag den 25. Jänner 10 Uhr Vormittags nahm die hiesige städtische Feuerwehr Stellung vor dem Tranerhause, nebst den Honorationen und der aus der Umgebung helbeigeströmten Bevölkerung. Nach der Recitirung des Joscliew "beseser durch Herrn Cantor Schwarzkopf hielt Herr Rabbiner Schioloff die Trauerrede, in welcher er die Tugenden des Verstorbenen hervorhob und seines frommen, gottgefälligen Lebenswandels gedachte. Während des langen Zuges zum Friedhofe läuteten die die Kirchenglocken. Am Grabe selbst widmete der Schwiegersohn, Herr Simon Heller, Director des israelitischen Blindeninstitutes in Wien, seinem Schwiegervater einen rührenden Nachruf, dessen Wirkung alle Herzen ergriff. In wenigen, aber von Herzen gehenden Worten entwickelte Herr Direcror Heller׳ das Leben und Streben des theueren Mannes, der Zierde seiner Familie, der Krone seines Hauses. ״Schlaf wohl guter Vater" — rief der Redner mit thränenerstickter Stimme, ״schlaf wohl, und mögest du da droben in des Himmels Höhen, in dem Kreise der Unsterblichen jene Ruhe und Verklärung finden, die dn hienieden so reichlich verdient haft!^ Nachdem Herr Cantor Schwarzkopf den Sehiwisi sehr erhebend vorgetragen, senkten sie einen Mann zu Grabe, dessen Andenken unvergänglich sortleben wird. Friede seiner Asche! Schw. Wien. Ucber den gegenwärtigen Aufenthalt Rohling's berichtet die österr. Wochenschr.: Professor Rohling, dem es durch die bekannten Vorgänge in Oesterreich zu schwül geworden, erhielt, wie wir seiner Zeit berichtet haben, vom Cultusministerinm über sein Derlangen einen einjährigen Urlaub, angeblich behufs einer Studienreise nach Palästina. Nachdem seine literarischen Heldenthaten, welche er seinerzeit in der selig entschlafenen ,Wiener Tribüne* vollbrachte, für ihn so verhängnisvoll geworden, dass er nicht blos zu einer ganz immensen Summe alsj Kostenentschädigung verurtheilt worden, sondern auch einer gerichtlichen Strafuntersuchung wegen Meineides gewärtig sein musste, verließ er Oesterreich, wo er so schlimme Erfahrung gemacht hat. Allein, anstatt nach Palästina zu gehen, ist er jetzt in Deutschland aufgetaucht als Mitarbeiter der Berliner ,Germania*- Der. ehemalige Mitarbeiter der ,Tribüne* schreibt jetzt nicht mehr gegen den Talmud, sondern gegen.— die Czechen! Der. Prager ,Pokrok*, welcher neuerdings die Errichtung einer czechifchen theologischen Faculrät urgirt, bemerkt unter Anderem: Es werden ohnedies demnächst mehrere von deutschen Lehrkräften besetzte Professuren erledigt werden, darunter jene des Professors Rohling, die als über׳ flüssig, unbesetzt bleiben wird. An Rohling, welcher jetzt die czechische Geistlichkeit in der , Germania * verunglimpft, werde die Prager Universität gewiss nicht viel verlieren.* Das haben wir ja immer gesagt. ES ist blos schlimm, dass es so vieler Kämpfe bedurft hat, um die Herren zu dieser Erkenntnis zu bringen. Mudapest. Ein selten edler und musterhafter Obergespan ist Graf Beliczay im Bekeser Comitat. Das Gift des Antisemitismus, welches die bekannten und berüchtigten Agitatoren überall hin mit mehr oder minderem Erfolg ausstreuen, betäubte auch einen Brnchtheil des Dekes-Csabaer Janghagels, wo die Juden mit den anderen Confeffionen stets friedlich und in brüderlicher Eintracht lebten, und so geschah cs, dass einigen armen Juden in den entlegensteu Gaffen, vor längerer Zeit die Fenster eingeworfen worden, ohne dass dieselben sich hierüber beklagt hätten. Der edle hochherzige Obergespann jedoch, .dem das zu Ohren gekommen, ließ es hiebei nicht bewenden, sondern eruirte das Gesindel, ließ es unter bewaffneter Macht 50 Mann hoch nach B.-Gyula, das der Sitz der ComitatSbehörde, transportiren und bestrafte, die Excedenten ganz exemplarisch, und seitdem herrscht musterhafte Ruhe. Jüngst jedoch kam ein jüdischer Einwohner von B.-Csasba zum dortigen Rabbiner und zeigte ihm an, dass in einer entlegenen Gaffe Nachts eine Berathunz verschämter und unverschämter Antisemiten stattfindeu solle, mit der Bitte, er möge dagegen Schritte thuu! Der Rabbiner wies besonnener Weise dieses Ansinnen zurück, wies auf das gerechte Vorgehen der Behörde hin und bat denselben, sich ruhig zu merhalten. Der Betreffende ließ sichdas wohl gesagt sein, doch ersann er folgenden Plan, dener auch aussührte. Er und noch zwei Gleichgesinnte verkleideten sich zur Unkenntlichkeit als Bauern und gingen in der anberaumten Nacht in die Gasse dem Hause zu, wo die Berathung der Antisemiten stattfindeu sollte, um so stille Zeugen der Vorgänge zu sein! Kaum jedoch bogen diese in die betreffende Gaffe ein, als . ihnen drei andere Bauern entgegenkamen und sie anredeten mit der Frage: Wohin sie wohl so spät Nachts gehen? Der anführende Bauernjude, der da glaubte, er habe es mit Antisemiten zu thun, antwortete keck, sie seien Antisemiten! Nun aber trat aus der Mittte der drei entgegenstehenden Bauern einer hervor und redete den Betreffenden, den er an der Stimme erkannt hatte und rief ihm bei seinem Namen ein ,.znrück" zn. Wie erstaunt, entsetzt, ja srendigst überrascht waren nun die Judenbauern, als sie in demselben den edlen Obergespann erkannten, der, als auch ihm die Mähr zu Ohren kam, selbst den Spion machte, um dieselbe im-Keime zu ersticken, was gar nicht nörhig.war, da nichts geschah. Möge Gott, oder besser, Tisza, allen unseren Comitaten solche Obergespäne geben und der Antisemitismus wird nur noch als Verirrung Einzelner in unser Crinnernng leben und höchstens in der Geschichte aller Zeiten am Pranger stehen. So sei es. Königsberg. Zur Freude unserer ganzen Jsr.-Gemeinde ist unser geschätzter Obercanlor.׳ Herr E. Birnbaum, welcher von der Ausweisung bedroht war, in seinem Amte bestätigt worden. (Herzl. Gratul. Die Red.) Wertin. Ein edler Zug wird von dem jüngst verstorbenen Oberhaupte des Berliner Stadtrathes, unserem Glaubensgenossen Dr. Straßmann, gemeldet. Straßmann war Director der Berliner Creditbank. Eines Tages kam zu ihm ein christlicher Handwerks-- meister und theilte ihm mit, dass er in großer Bedrängnis einen Wechsel auf 800 Mark gefälscht habe nnd bei der Bank, escomptiren ließ. Da der Wechsel fällig ist, bat er den Director, ihm zu rathen, was er thun solle, um nicht für sein ganzes Leben gebrandmarkt zu sein, da er den Wechsel nicht rinlösen könne. Straßmann zankle den Handwerker wegen seiner schlechten That tüchtig aus und entließ ihn mit den Worten: ״DaS Weitere werden Sie schon erfahren". Betrübt ging der Fälscher weg. Einige Tage später wurde er zu Dr. Strbeschieden, der ihn fragte, ob er den Wechsel in monatlichen Raten. abzahlen wolle. Dieser verpflichtete sich mit Freuden, allmonatlich 15 Mk. abzuzahlen. Er hielt diese Verpflichtung auch pünktlich ein. Als das Jahr zu Ende ging, erhielt dev arme Meister ein Schreiben mit Recepiffe, als er es öffnete, lag nicht nur der gefälschte Wechsel ' darin, sondern noch 300 Mark, die ihm Str. zum Neujahrsgeschenck machte. . W. J. Odessa (Orig.-Corresp.) Das 25jährige Amtsjubiläum des Ober-RabbinerS und Predigers Herrn Dr. S. Schwabacher wurde jüngst von der jüdischen Bevölkerung in würdiger Weise gefeiert. Vormittags fand in der sogenannten Brodyer Synagoge ein feierlicher Gottesdienst statt, nach dessen Beendigung der würdige Jubilar von Freunden, Bekannten und sonstigen Anhängern beglückwünscht wurde.