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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-02-01 · Heft 4 (1.2.1886) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 4 (1.2.1886)
Date
1886-02-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 2 - geben, und die ganze Natur eines jeden, welches in ihr geboren j wurde, dem Volksleben aneignen. Sie war also recht eigentlich N a t i o n a l e r z i e h u n g. Nothwendig führte sie aucb zu manchen anderen Kenntnißen. Sobald das Kind nur anfing zu reden, wurde es auch schon von seinem Vater, wie oben bemerkt, in dem Gesetze unterrichtet. Es lässt sich also wohl denken, dass es jenes Hauptgebot, das Schema-Bekenntnis (5. M. 6, 4, sg.) nachsprechen und lernen musste, sobald es nur Worte auszusprechen im Stande war, wie es noch heute im elterlichen Hause wie beim Neligionsunterrichte Usus ist, vor Allem das Schema-Bekenntnis dem isr. Kinde mundgerecht zu machen. Schon in seinem vierten Jahre lernte der Knabe die Buchstaben und kam im fünften zum Lesen; auch diesen Unterricht ertheilte der Vater. Der hochgelehrte Nabbi MoseS den Maimon (aus dem 12. Jahrhundert) führt als Grund dieses frühen Lernens an, dass auch die bebeschnittenen Bäume im vierten Jahre heilig werden und man im fünften ihre Früchte genieße (3. M. 19, 23—26.). Indessen scheint dieser frühe Leseunterricht erst in der späteren Zeit üblich geworden zu sein, weil der Zweck angegeben wird, um sich an die heilige Schrift zu gewöhnen und das Wort Gottes in derselben zu lesen. Darauf können die Worte der Schrift Hinweisen : ולמדד. את בני ישראל שימה בפהמי“, unterweise darin die Kinder Israels, lege es in ihren Mund; dadurch wird die Bemerkung des Talmud zu dieser Stelle verständlich, welche lautet: Lese, מימנה בפיהם״", mache ihnen die Thora mundgerecht durch Zeichen, ׳״אין התורה נקנית אלא בסימנים״ diese Zeichen sind .,אותיות", die Buchstaben (von ..אות" Zeichen), Buchstabiren lernen, Zeichen, die das Lesen fördern (8. Erubin 24.) Wie wäre das auch in den Familien möglich gewesen, als es noch wenig Bücher gab und sie nicht leicht zu einer Abschrift einer Schriftrolle gelangen konnten? Sie hätten also durch Schriftzeichen das Lesen lernen müssen. Zwar kommt das Schreiben vor: ״ונתבתם״ ». s. w. (5. M. 6, 9 u. a. m.). allein nirgends als Gegenstand des häuslichen Unterrichtes. Auch beweisen diese Stellen nicht, dass Jeder im Volke das schreiben solle, sondern überhaupt, dass es geschrieben werde. Dazu aber konnte man überall einen Priester oder Leviten haben, die wohl in der Regel deS Schreibens kundig waren. W.r. (Fortsetzung folgt.) Erläuterung des 3. Kapitels der Psalmen. Es ist eine unleugbare Thatsache, dass in der jüd. Liturgie unmittelbar nach der Bibel, ,dem Buche der Bücher*, die Psalmen den hervorragendsten Bestand derselben bilden, ja in gewisser Beziehung, beispielsweise was die Fortdauer des Menscheu nach dessen Tode anbelangt, die Lehre Moses ergänzen. Und in der That, die unsterblichen Gesänge des ruhmgekrönten Dichters haben in der Reihe unserer Gebete den ersten Rang und werden ihn behaupten, so lange noch eine Menschenseele vor seinem Schöpfer hintritt, um sich im inbrünstigen Flehen demselben zu nahen; so lange noch ein Menschenherz den unwiderstehlichen DraNg fühlen wird, vor dem Herrn der Heerschaarsn seine innigsten Gefühle und Empfindungen auszuschütten. Welcher nur einigermaßen verständnisinnige Vorbeter könnte diese herrlichen Gesänge, diese heißen Ergüsse einer kommen Seele, diese unsterblichen Hymnen eines gottbegeisterten, gottbegnadeten Sängers, diese gluthvollen Lieder, einem unerj schütterlichen, ungebeugten Gottesgemüthe entstammend, an heiliger Stätte vortragen, ohne in den innersten Tiefen seines Herzens erschüttert zu werden und wahrlich: gesellt sich zn dieser Verständnis- und Gefühlsinnigkeit auch die Gottesgabe deS Ges-nges, so ist der Cantor der wahre Interpret seiner andächtigen Gemeinde vor dem Herrn, so ist er auch am Betpulte ein würdiger Priester Gottes, der mit Stolz ausrufen kann בשרתי צדק בקהל רב »ich verkünde Heil in großer Versammlung.* Wo gäbe es eine Situation im menschlichen Leben, deS Einzelnen sowohl wie der Gesammtheit, in welcher der gesalbte Dichter nicht in beredten Worten zu uns spräche! Wenn tiefe Unglücksnackt das Menschenherz mit ihren Rabensittigen umhüllt, wenn die Todesschatten rauschen und eineS unserer Lieben, für welches wir unser Herzblut hingeben würden, auf dem Sieckenlager dabingestreckt, uns entrissen werden soll; wenn der Himmel sich verschließt und der lechzenden Erde den erquickenden Regen versagt, dass Feld und Flur verschmachten, die Quellen versiegen, da tritt der Israelit mit dem Gebetbuche der Psalmen vor dem ewigen Richter in den Höhen und steht in deren unsterblichen Worten um Hilfe, Erbarmen und Rettung aus der Noth ביום רעה ימלטהו ה׳. Aber auch, wenn das Herz des Menschen freudig empor» jauchzt, weun es, von dem Glanze der Glückssonne bestrahlt, fröhlich jubelt an Festes- und Frendentagen; bei patriotischen Anlässen; wenn der gläubige Jude sich zum Schlafe rüstend, seine Seele Gott empsiehlt; zu wichtigen Unternehmungen im Leben schreitet, kurz in allen Lagen des Lebens, find es die Davidepsalmen, die die Herzen aufrichten, Segen stiften, Trost spenden, den Glaubcnsmntb stärken und den wahrhaft Frommen die Gottesnähe ahnen lassen אהבתי בי ישמע ד7 ונו♦ »Ich freue mich, dass der Ewige die Stimme meines Flehens erhört hat.* Und westen Schicksale waren je wechfelvoller und mannigfaltiger, westen Lebenslauf reicher an glänzenden und dunkeln, trüben Ereignißen, als das Leben Davids, dieses ruhmgekrönten, königlichen Helden! Betrachten wir ibn in einer der unglücklichsten Epoche seiner Negierung, als er vor seinem Sohne Absalon fliehen muiste. Ein Vater auf der Flucht vor seinem Sohne! Gibt es in der Leidensgeschichte der Menschheit etwas Ergreifenderes, als sich vor seinem eigenen Kinde, seinem eigenen Fleisch und Blut, cseinem angestammten Leibessprossen, von der Höhe des Thrones gestoßen zu sehen; wenn der Sohn seinen Vater gewaltsam des höchsten irdischen Glanzes, des Königthumes entkleidet, dem gesalbten, väterlichen Haupte die Krone entreißt? Ein Vater auf der Flucht vor seinem Sohne! Barfuß und flüchtig eilt sein irrender Fuß aus seiner geliebten Hauptstadt, der Metropole seines Glanzes und seines Wirkens; vertrieben von seinem eigenen Sohne, verjagt von dem, den er gezeugt, und er singt, Sangeswellen entströmen seiner gramerfüllten Brust: ,du Ewiger bist Schuld für mich, meine Ehre — hebst mein Haupt empor.* Ja er erhebt im Sange zu Gott das von seinem widerspenstigen Sohne der Krone beraubte Haupt empor ומרים ראשי. Nickt nur sein Sohn empört sich gegen ihn, mit dem Kronenräuber auch das ganze Volk — ja ein Volk in Waffen. ת מה רבו צרי ,Ach Herr*, klagt er, ,wie sind sie viel meine Feinde רבים קמו עלי wie so Viele stehen auf wider mich רבים אומרים לנפשי* u. s. w. Der Vater, flüchtig vor seinem Kinde und dem größten Theile seines Volkes. Und er singt — weckt und entlockt der Harfe Töne des Trostes, der Beruhigung im namenlosen Schmerze, Ermunterung im bodenlosen Unglücke, wo jedes gewöhnliche | Menschenkind untergehen musste!

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