Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1886)
- Date
- 1886-02-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453044-3453048--1628-3455789- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schüft wird, scheint in die Höhe zu streben. Dieses in die Höhe Streben bei leidenschaftlichen starken Stellen ist so natürlich, dass ich nicht selten sowohl an mir selbst, als an verschiedenen Sängern, die sich mit Seele dem natürlichen Ausdruck überließen, bei Aufführung starker. Stellen bemerkte, wie man sich so leicht durch ein/leises Heben aus den Fusssbitzen in der Höhe hält, als müffe der volle Seelenausdruck den Menschen über die Erde erheben. Wie sehr sich der Sänger vor solchen Bewegungen, die leicht Grimmaffen werden, bewahren soll, gehört in das Kapitel seiner zu vermeidenden Unarten. Die Kehle muss während des Gesanges nicht auf die Seite gedreht werden, sonst wird der leichte Durchzug des Athems und Tones gehemmt. Die Brust darf durch kein beengendes Gewand scharf überzogen sein. Sie ist nicht umsonst elastisch gewölbt, und muss sich frei ausdehnen können; ia sich auch selbst, im Falle der Noth, ebensogut in sich hineinziehen, um den kleinen Vorrath von Luft zusammenzufaffen, der bei manchen Gelegenheilen dem Sänger viel werth ist. Zn jeder Bewegung des Körpers kann der Beobachter eine feine Grenzlinie finden, wo Mäßigung die Anmuth hervorlockt, die man Grazie zu nennen pflegt, die in dem unnennbaren Etwas besteht, das sich so anziehend lieblich um jede Aeußerung des physischen und moralischen Menschen schmiegt, wenn ihm die Charis hold ist. Dieses harmonische Ganze, das so einnehmend auf den Beschauer wirkt, kann auch durch den Gesang vermehrt werden und verdient besondere Rücksicht bei dem Theile des Athemholeus. Es berührt uns sehr unangenehm, wenn der Sänger dieses Geschäft mit Anstrengung verknüpft und gleich einem auf dem Trocknen liegenden Fische nach Luft schnappt; auch kann er von einer so schnellen Art, Athem aufzunehmen, den beabsichtigten Vortheil nicht einmal hoffen, weil eine zu schnell angefüllte Brust nicht die gehörige Kraft bat, die Luft lange aufzusparen, wie er es thut, wenn ihm der Athem mit Mäßigung zugeführt wird. (Fortsetzung folgt.) Fragmente. Aus dem alten jüdischen Leben im Familienkreise, im Gottes- Hause, im gesellschaftlichen Verkehre. Erziehung und Unterricht. II. Dem Vater lag es also ob, im Gesetze Zehovahs seine Kinder zu erziehen. Hierzu diente ihm vorerst die häusliche Gewöhnung. Er musste seinen Kindern die allgemeinen Gebete eiuprägen und sie oft daran erinnern, ihnen auch das Grundgebet der Liebe gegen Gott recht an's Herz legen. Dabei gab es denn Gelegenheit, ihnen manches specielle Gesetz bekannt zu machen, das schon die Kinder zu befolgen hatten, z. B. dass das Thier nicht mishandelt, die Vogelnester nicht zerstört werden sollten. Die gesetzliche Sitte gewöhnte das Kind an R e in l ich. k eit und gesunde Diät, wozu das verschiedene religiöse Waschen, das Verbot mancher Speisen u. dgl. beitrug. Auch wurde der F l e i ß im t ä g l i ch e n Leben nothwendig gemacht und also der Jugend angewöhnt. Im Ganzen erwuchs sie in der Sitte, die das Gesetz gebot, und Liebe zu dem Gesetze, in dem ganzen Volke, zu dem einigen Gott, dem Herrn aller Herren, wurde ihr schon durch Vater, Mutter und Hausgenoffen eingeflößt. Der Hausvater sprach jedesmal, wenn er sich mit den Seinigen zu Tische setzte, erst das Gebet des Segens und des Dankes über Brod und Wein, und wenn er mit ihnen am 'Freudenfeste unter der Laube saß oder sonst eine festliche Fröhlichkeit genoss, so verbreitete sich unter Alle ein seliges Gefühl und die Herzen erhoben-sich, den Ewigen zu preisen und .seine. Wunder zu rühmen, womit er von jeher seinem Volke sich gnädig bewiesen. Das deutet der Prophet Jecheskel an mit den Worten: »השלחן אשר לפני יי NI", »dies ist der Tisch, der vor dem Ewigen steht" (Jechesk. 41, 22.). Ein solches Mahl ist Gott geweiht, stärkt den Körper, erhebt den Geist. Interessant ist die Bemerkung, die der Talmud (Ber. 55) an diese Stelle knüpft: ׳פתח במזבח וסיים בשלחן der Prophet schildert den Altar und schließt, ״das ist der Tisch". Damit will angedcutet sein, so lange das Heiligthum bestand, versöhnte der Altar; jetzt aber versöhnt der Familientisch, an dem gespeist wird. Der Tisch vertritt die Stelle des Altares, wenn an demselben vor und nach dem Speisen der Segen gesprochen wird von Eltern und Kindern, und in den Zwischenpausen Lob- und Dankgesänge dem Geber alles Guten dargebracht werden, Opfer auf dem Tischaltare, so war es in alten jüdischen Kreisen üblich, so haben es wir Betagten noch in unseren Familienhäusern beigewohnt und miierlebt. Heute ist das Familienhaus kein Heiligthum mehr, der Tisch kein Altar, die Eltern keine Priester. Wie sollen da die Kinder religiös erzogen werden, wenn ihnen Meister und Vorbild fehlt? Da klagt man die Religionslehrer an, sie leisten nichts, was taugt Theorie ohne Praxis, umsomehr, wenn daS Leben im Elternhause mit dem Religionsunterrichte im Widerspruche steht? — — — Vielleicht würden auch die Gebote in den bestimmten Zeiten des Tages von dem Vater im Kreise der Seinigen vor« gesprochen; in späterer Zeit findet sich ein eigenes Betzimmer im oberen Theile des Hauses, das wohl zur stillen Familienandacht dienen konnte. Indessen waren es doch mehr die öffentlichen Gebräuche und Feste, welche den religiösen Sinn schon der Kinder bildeten. An den Festen nahmen meist auch die Kinder Theil; an dem Laubhüttenfeste schwenkten auch sie unter dem Üosiana-Gesang den Lulab. An der Passah-Mahlzeit betheiligten sich auch die Kinder, sie mussten alsdann aufmerksam sein, wenn ihnen die Gebräuche dabei erklärt wurden, wie wir in der Bibel derartige Anregungen mehrfach finden. Die Eltern nahmen ihre Kinder sobald als möglich mit, wenn sie ihre Fest״ reisen nach dem heiligen Orte machten, und das Angenehme und Festliche solcher jährlicher Caravanen, wo ganze Familien zusammen waren, Verwandte und Freunde sich wieder sahen, und die Nation im Heiligthume sich zusammensand, konnte nicht ohne großen Eindruck auf die Herzen der Kinder bleiben, der durch das ganze Leben hindurch forttönte. Bei solchen Festreisen, welche die Kinder mitmachten, hatte der Vater oft Gelegenheit, mit ihnen über, religiöse Dinge zu sprechen. Nur so verstehen wir recht die Worte der Schrift (5. M. 6, 7.): .ודברת בם*, du sollst mit den Kindern von den Geboten Gottes sprechen, .״בשבתך בבתך» wenn du in deinem Hause weilest, im Familienkreise .1בלבתך בדרך“, wenn du auf dem Wege gehest, bei einer Festreise; sonst hätte dieses Gebot keine rechte Bedeutung. Vielleicht kann man unter letzteren auch einen Spaziergang in der Natur verstehen. Diese religiöse Erziehung war zugleich Unterricht, und zwar ein das ganze Leben durchdringender, denn er war geschichtlich, indem den Kindern nicht nur erzählt wurde, was Gott von alten Zeiten her gethan und verordnet, sondern indem sie auch durch alles dieses die V o l k s b i l d u n g in sich aufnahmen (2. M. 12, 26 fg.). So musste die Religion und Denkart der Nation und zugleich die Kenntnis ihrer Geschichte in jedes Kind über-