Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 3 (24.1.1886)
- Date
- 1886-01-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Wortes abhängig. (1, 110, 5, 14.) Vielmehr ist das höchste Gut jedem nach dem Maße seiner verdienstlichen Handlungen zugänglich, dem Philosophen sowohl, wie den Anhängern der positiven Religionen, den Zweigen am Baume des Judenthnms, den Verbreitern der Gottcserkenntnis und Vorbereitern des Messias-Reiches. Jenen nicht wegen ihrer Ergründung der Wahrheil, welche noch nicht zur GotleSnähe führt, diesen nicht wegen des einen Wortes, welches durchaus nichl von der Stufe des Thieres zur Engelshöhe zu erheben vermag, sondern beiden im Maße ihrer Handlungen, ihres bescheidenen, dcmüthigen Wandels, wegen ihres opferwilligen, selbstlosen Lebens (3, 25. 5, 14). Ueberbanpr, jo betont dies I. H. mit besonderem Nachdruck, sprechen wir keinem Menschen, möge er welcher Religion immer angehören, den Lohn seiner guten Thaien ab. (1. 3. Nachm. Diss. ed. Jell. S. 4.) Kommt es aber auf die Menge der Handlungen an, dann muss den Israeliten, deren Religion viele mühsame Tbatcn vorschreibt, welche sie oft mit Lebensgefahr ansüben, das höchste Gut in vollem Maße zutheil werben. Ihre gedrückte Stellung in dieser Welt lässt noch nicht auf ihre Zurücksetzung im Jenseits schließen. Rühmen sich doch auch Christen und Mohamedaner der Märtyrer, die sich wegen des Glaubens der Verachtung preisgaben, und nicht der tapferen Könige. Wenn auch viele Juden diese Eriticdrigung gezwungen erdulden, so könnten sich diese von ihr durch ein bloßes Wort befreien. Die Meisten tragen jedoch bereitwillig die Demüthigung, welche ihnen wegen ihrer Religion zngesügt wird. Dieses sehnsüchtige Hingeben eben ist das kennzeichnende Merkmal deS jüdischen Gottverehrers im Gegensätze zu dem Philosophen, der Gott mit seinem Verstände erfasst und ihm nur so lange dient, als ihm daraus kein Nachtheil entsteht. Und wenn I. H. die Reiben der Glaubensgenossen aus der prophetischen Zeit, die mit gottgeweihten Sehern verkehrten und die in Gottesnamen prädieirten Eigenschaften nachgcahmt, wünschten die hocherfreuten, überglücklichen Eltern mit einem herzlichen Nassltovv! Und als einige Tage später der Rabbiner der Gemeinde Neb Naftole zu sich beschieden ließ und ihm sagte: .Neb Naftole, ich kann Euch keinen bessern Nach geben, als Sie schicken ihr Jüngel nach N.aus die Jeschiwa, hier kann ich nichts mehr aus ihm machen, dort wird er erst recht lernen, es wird etwas Großes aus ihm werden, kurz, Sie sind gar nicht j026, wenn Sie meinen Rath nicht befolgen!י' Da beseelte ein hehrer, wohl verzeihlicher Stolz das Elternberz und es wurde beschlossen, Jokewl nach N. auf bie Jeschiwa zu schicken. Sorgsam packte Lea die bescheidenen Neiseutensilien ihres geliebten Sohnes in den Koffer und mancher Seufzer entrang sich dem bekümmerten, mütterlichen Herzen, als sie des Abschiedes gedachte, des herannahenden Zeitpunktes, in welchem sie sich von dem Theuersten, das sie aus Erden besaß, trennen musste. Tall63 und Tefillin, die heiligen Kleinodien des frommen Israeliten, die denselben auf allen Lebenswegen begleiten, ihn bei seiner häuslichen, beschaulichen Ruhe, bei seinen Reisen, beim Niederlegen und Aufstehen an den Gott Israels erinnern sollen, wurden obenauf in den Koffer gelegt und so manche mütterliche Mahnung und Warnung vernahm der scheidende Knabe, der oft in Thränen ausbrach. (Fortsetzung folgt.) durch den Anblick der heil. Stätte und gottesdienstlicher Kundgebung Herz und Seele geläutert haben, oder die Vortrefflichen aus dem talmudischen Zeitalter überblickt, die in geduldiger Ertragung aller Qualen und Martern mit dem letzten Worte des Schema ihren Odem ausgehaucht haben, oder wenn er die erhabenen, leuchtenden Vorbilder voll eingepflanzter Sittenreinheit, von den Ahnen ererbter Heiligkeit und Keuschheit aus der Blüthezeit des Volkes sich vor Äugen führt, wenn er diese Volksmenge, die stets eines redlichen Wandels beflissen war, ihre Zungen nie mit unwürdigen Reben entweiht, sich vergegenwärtigt, dann ruft er voll seliger Usberzengnng begeistert aus: ,Ein solcher lebt ein süßes Leben, stirbt einen süßen Tod. weil er der ewigen Glückseligkeit sicher ist. Dieser hat die höchste Stufe erreicht über welcher nur noch der Engel ist. Er fühlt die Verbindung, mit dem Göttlichen, bei welcher der Tod nicht schwer fällt, denn er bedeutet nur das Vergehen des Körpers; allein die Seele die jene Höhe erreicht hat, kann nicht mehr finken' (3, 53. 22, 63)*). Aber auch unter den Zeitgenossen I. H's. hat es nicht an solchen vollkommenen, Ehrfurcht gebietenden Erscheinungen gefehlt, welche ihm als Vorbild für sein Tugendideal dienten, und jdas eigentlich nichts anders als ein wahrhaft nach Bibel und Talmud lebender Jude ist. dessen Gründzüge von böswilligen Fälschern unserer Zeit so arg entstellt und verzerrt wurden. Es ist durchaus kein Phantasiegebilde, sondern eine der Wirklichkeit entnommene Gestalt, wie sie der Boden unserer Religion in der Thar nicht selten hervorgebracht hat. Ja, der nationale Dichter und Denker I. H. selbst stellt die vollendete Verkörperung dieses jüdischethischen Volksgeistes dar, welcher in sein Denke n und Fühlen tief eingedrungen ist und der in seiner lichtvollen, harmonischen Lebensweise sowohl als in seinem von Milde und Sanstmuth, von Liebe und Gerechtigkeit erfüllten Sittenlehre klar und lauter sich abgespiegelt. Er hat die aus dem Boden des Judenthums entstandenen Grundsätze sortentwickelt und weitergebildet, ihnen durch seine Helle Auffassung und klare Darstellung das Gepräge seines hohen, erhabenen Sinnes aufgedrückt. Eingesendet. Hochgeehrter Herr Redacteur! Ich ersuche Sie höfl., nachfolgende Zeilen in Ihr geschätztes Blatt, unser Vereinsorgan, auszunehmen. Wie Sie sich wohl errinnern werden, theilte ich Ihnen gelegentlich meines letzten Besuches in Wien streng vertraulich mit, dass ich mich aus der Durchreise nach Trautenau befinde, wohin ich zu einem Probevortrage eingeladen wurde. Es ist leicht begreiflich, dass ich meiner hiesigen Gemeinde Zweck und Ziel der Reise verschwieg, um nicht meine hiesige Stellung zu comprommitiren, da das Geheimnis die Bürgschaft des Erfolges auch bei uns Cantoren ist. Sie können sich nun lebhaft meine peinliche Ueberraschung vorstellen, als ich bei meiner Ankunft in Trautenau durch einen Brief meiner Frau erfuhr, es hätte sich inzwischen, ohne dass die Erledigung meines hiesigen Postens irgendwie veranlasst oder bekannt gemacht wurde, ein eifriger Reflectant schon gemeldet und beworben, der auch gleich unter Einem meinem hiesigen Vorstande die Mittheilung machte, ich sei gesonnen, meinen Grazer Posten zu verlassen und jenen in Trautenau an- *) Vergl. Gasali's Waage ed. Gold. Ä. 23. 37. 83. 116. f?,** ׳ ־!*■■׳ BESK• •־•י