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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-01-24 · Heft 3 (24.1.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 3 (24.1.1886)
Date
1886-01-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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für das letzte Ziel menschlichen Strebens hält. Wenn er dann die mosaische Religion als diejenige bezeichnet, welche ganz besonders zu gottgefälligen Thatcn anregt, so batte er zugleich die Mittel zur Erlangung dieses erhabenen Zweckes angegeben. In welcher Wechselwirkung aber das göttliche.Wohlgefallen mir der menschlichen Glückseligkeit siebt, und wodurch das religiöse Handeln diese in uns begründet, dies erklärt er in folgender Weise: Die Bethätigung der göttlichen Gebote, der Naturgesetze für den Menschen, welche allen Kräften des Körpers und des Geistes angemessen sind, erhalten in den gegenseitigen Beziehungen desselben ein richtiges, geregeltes Verhältnis so dass im menschlichen Organismus ein harmonischer Zustand beständig vorherrscht. Und wie auf dem Herligtbum und dem Opfer, welche die Vereinigung des menschlichen und göttlichen Willens bekundeten, die Herrlichfeit Gottes sich niederließ als Zeichen seines Wohlgefallens über die im Ganzen, wie im Einzelnen bestehende Ordnung, so versenkt sich auch der Gottesgeift, wie die Flamme mit dem Docht fick verbindet, wohlgefällig in den vervollkommten Menschen, desien vernünftiger Wille alle seine Vermögennnd Seelenkräfte in Uebereinstimmung mit der Religion gleichmäßig ausgebildet hat. (Kus. 2, 26, 3, 32.) Dieses süße Gefühl der Verbindung mit Gott, das Bewusstsein seiner Näbe. oder eigentlich das , Jnnewerden seines Wohlgefallens, ist die Wurzel aller biblischen Verheißungen und Belohnungen, der Inbegriff aller menschlichen Bestimmungen und Bestrebungen, es ist das höchste Gut; das ethische Ideal, welches im Satze ausgesprochen ist: Ihr sollt ' mein Volk sein und ich werde euer Gott sein. (Lev. 19, 2.) Wer dessen theilbaftig wird, der ist schon bienieden von einem inneren paradiesischen Seelenfrieden erfüllt, der führt ein süßes, angeuebmes Dasein, desien Freuden durch den Gedanken an Gott verdoppelt und dessen Leiden durch religiösen Trost erleuchtert werden;*) der fürchtet den Tod nicht, weil er von der *) Bei Bachja ist dieses nur nach dem Durchbrechen aller natürlichen Schranken und Abtödten jeder irdischen Lust möglich. B. will uns nicht zu I Fortdauer der Seele, nachdem sie die »irdischen Fesseln, die Sorgen und Leiden des Körpers abgestreift bat, fest überzeugt ist, wie dies I. H. an zwei ähnlichen Gleichnißen darlegt (1, 109. 3, 21), weshalb die hl. Schr. daß Moment der Unsterblichkeit so wenig hervorhebl. Dieses Gut ist ein dauerndes Gut, nicht wie das der Epikuräer, welche die positive Lust als das höchste Ziel halten, deren Wohlbehagen den Augenblick des Ge׳ uusies nickt überdauert. Diese müssten beim Anblick der unwandelbaren Seligkeit der Frommen, welche wie ihre Sittlichkeit, weil auf dem sichern Felsen der Religion ruhend, keiner Schwankung unterworfen ist, von der göttlichen Einwirkung einer waltenden Vorsehung überzeugt werden. (4, 3 Schluss.) Es unterscheidet sich auch von dem höchsten Gute der Philosophen, welche dieses in die reinste, von jedem Zweifel freie Denkthälig- ,keit und Erkenntnis setzten. (1, 4, 19, 5, 10).**) Abgesehen davon, dass dieses Ziel ein unbestimmtes ist, — denn, ist darunter ein begrenztes Gebiet des Wissens zu verstehen, dazu reicht ein Tag hin, ist aber darunter die Gesammtbeit der Erkenntnis zu verstehen, dazu wäre bas ganze Leben zu kurz, — wendet I. H. dagegen ein. dass es ungerecht erscheint, alle Menscken mit Ausnähme der Philosophen der Vernichtung preiszugeben. (4. 10, 19, 33.) Ebenso ist die Erlangung der zeitlichen und ewigen Glückseligkeit nicht, wie bei anderen Glaubensbekenntnißen, die damit keine geistigen Genüsse, sondern erhöhte körperliche Lust verbinden, vom Aussprüche eines oft auch nicht verstandenen Gott erheben, sondern ihn auf beschauliche, schwärmerische, mystische Weise zu uns herabziehen durch unsere Losreißung von der Welt. Geig. Eint. z. Baumg. CH. Hal. **) Auch jüd. Religionsphilosophen haben unter ihrem Einflüße die Ethik als Vorstufe der Metaphysik und die Veredlung der. Sitten bis zur Leidenschaftslosigkeit als Vorbereitung für die reinste Wahrheit, die Gotteserkenntnis betrachtet. Sadsa Emun. 10. Abschn. Maim. More 3, 23, 54. v. ^Geigers Gabirol S- 97. Wist. Ztschr. Band!,jüd. Philosoph, des 11. Jahrh. I S. 188. - Typen aus dem Wischen Ghettoieben. Von Simon Diamant, Oberlehrer, Austerlitz. (Alle Rechte Vorbehalten.) VH. Iokewl hatte jene Lebensperiode erreicht, in welcher der Knabe Abschied nimmt von den Tagen der Kindheit, wo deren herrliche Freuden und Vergnügungen allgemach ihre unschuldsvolle, harmlose Bedeutung verlieren und sich der jugendliche, strebsame Geist fast unbewusst einem höheren, wenn auch noch unbekannten, ungeahnten Ziele zuwendet. Mit einem Worte: Iokewl war bar 2li21vab geworden; er hatte den Markstein, der das Kindesalter von der zu beginnenden Jünglingsperiode scheidet, überschritten und nun galt eS, sich einen künftigen Lebensberus zu wählen. Ach, wie schwer war dies zu jener Zeit, in welcher unsere Erzählung handelt! Verschlosien, mit sieben Riegeln verschlossen, war dem jüdischen Jünglinge damaliger Zeit eine nur irgendwie gedeihliche Zukunft! Nur zwei Wege blieben ihm übrig, die er betreten konnte, entweder er ergriff den Wanderstab feiner Väter und ging von Dorf zu Dorf, ein Nomade. der sechs Tage in der Woche verurlheilt war, das Gespötte, die Zielscheibe allen Hohnes zu sein, dem der Jude damaliger Zeit zum Opfer fiel, oder er konnte ein Jünger Aesculaps und, wenn ihn der Geist des Herrn besonders beseelte und er mit eminenten Geistesgaben ausgeftattet war, sogar ein Rabbiner werden. Das sollte auch unser Iokewl werden. Von dem Tage an, als er das Cheder betrat und kaum die Änfangsgründe der jüd. Wissenschaft erlernt hatte, war er das Wunderkind der Gemeinde und in der ganzen Khille hieß es: ,Iokewl wird ein großer Mann, ein ״Mofes hador“, eine Leuchte Israels werden.' Mit 12 Jahren konnte er nicht nur ein Blatt Gemara selbstständig lernen, sondern auch einen herben ״Marscho“ und Tossefes Jomtof enfern. War es nun ein Wunder, wenn er der Stolz feiner Eltern wurde, und sie in ihrem einzigen Sobne das ganze Glück und die wonnevollste Freude ihres Lebens erblickten! Oft, in stillen Nächten, wenn der zarte Knabe über den Talmud gebeugt, in tiefernstes Sinnen versunken, bestrebt war, eines jener Probleme zu lösen, welche den Scharfsinn und die ganze Elasticität des Geistes herausfordern, blickte Lea mit hehrem Multerstolze auf ihr geliebtes Kind, und als ob sie befürchtete, ihn in seinem tiefen Studium zu stören, flüsterte sie leise zu ihrem Gatten: ,Naftole, welch' ein Glück hat uns der Allmächtige, gelobt sei er, in dem Kinde verliehen, er wird ein ״Godel bejisroel“ werben, Gott soll ihn nur gesund sein lassen-' . Als aber der Samstag herankam, an welchem Iokewl bar Mizwah wurde, und er am Nachmittage in zahlreicher Versammlung sein ״Pschettl“ docirte, da ging ein beifälliges Murmeln durch die Reihe der Zuhörer, das sich nach und nach 'zu einem wahren Beifallsstürme steigerte und alle stimmten unisono in den Nus ein: ,Iokewl wird ein feiner Bochur werden', .und beglück-

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