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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1886-01-16 · Heft 2 (16.1.1886) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 2 (16.1.1886)
Date
1886-01-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Die Moses Mendelslohnfeier in Dessau.*) ״Unvergessen wird der heutige Tag in den Herzen der Festtheilnehiner fortleben^ — so äußerte sich gestern zu der Fest- Versammlung einer der fremden Gäste, welche von nah und fern zahlreich herbeigeeil! waren nach dem kleinen Dessau, um hier wo dereinst die Wiege eines der größten Philosophen aller Zeiten,׳ Moses Mendelssohn's, gestanden, den 100. Todestag dieses verehrten Mannes in würdiger Gedächtnisseier '-zu begehen. Mehr alS hundert auswärtige Festtheilnehmer, darunter die Familien Mendelssohn und Mendelssohn - Bartholdy aus Berlin und Leipzig mit sechzehn Mitgliedern, wies die׳ Präsenzliste auf. Fast alle größeren Gemeinden waren durch Deputationen vertreten, so war als Vertreter der Berliner Gemeinde Justiz rath M a y e r, als -Vertreter des Gemeindebundes Geh.-N. Kristellcr, als Vertreter der Wiener Gemeinde die Vorsteher E m a u n e l B a u m g a r t e n und Baurath S t i a ß n y, ferner Rabbiner Dr. Goldichmidt-Leipzig, Dr. Nahmer-Magdebürg u. A. erschienen. Mild und sonnenklar war der 4. Zänner angebrochen, nicht wie ein Wintertag, sondern als ob es schon Frühling zu werden beginne. Dort in der Ascanischen Straße (Nr. 10) in Dessau steht ein kleines Haus, unscheinbar, aber doch hübscher und niedlicher, als die benachbarten Fachwerkhäuschen. Dieses Haus, in' gelbem Ziegelbau, trägt eine weiße Marmortafel niit goldener Inschrift, welche besagt, dass hier Moses Mendelssohn am 6. September 1729 geboren ward; auch sein Abbe׳ ufungstag von der Erde, der 4. Januar 1786 ist mit goldenen Lettern eingegraben. Da. wo die stolzen Lettern prangen, hat freilich des großen Philosophen Wiege nicht gestanden; es ist die Stätte ein neugebautes Haus und' man muss es erst durchschreiten, um hinten im Hosraume das ärmliche, niedere Zimmer zu finden^ wo der Freund Lessings; der Stolz Dessaus und die Freude der ' aufgeklärten, gebildeten Welt zuerst das Licht der Sonne schaute. An diesem Festtage war das kleine Vordergebäude mit Kränzen geschmückt; auch das Stübchen im Hofe freute sich grüner Zierde, einige Porträts Mendelssohns und seine Büste von Cassicr waren dort aufgestellt. Schon in früher Morgenstunde wallfahrten die Verehrer des Philosophen nach diesem unscheinbaren Stübchen; und sie waren zahlreich erschienen von nah und fern, die Bewunderer des Mendelssohn'schen Geistes. Gegen halb 9 Uhr versammelten sich viele Mitglieder der Dessauer Gesangvereine vor dem Geburtshause des Weltweisen und trugen unter Leitung des Kunsthändlers Salomon einige Lieder vor, wie ״Das ist der Tag des Herrn", ״Es ist bestimmt in Gottes Rath" u. s. w. Eine große Menschenmenge wohnte dieser Ovation bei. Nun kam die Stunde näher, in welcher der Popularphilosoph als Jude, als Gerechter, als Frommer gefeiert werden sollte; cs war gegen halb 11 Uhr. als die Mitglieder ver Dessauer jüdischen Gemeinde, die Festgäste, Rabbiner von auswärts, die Nachkommen des berühmten Weisen in der Synazöge, welche bekanntlich nur wenige Schritte von Mendelssohns Geburtshaus entfernt ist, sich versammelt batten. Es brannten die fünfarmigen Leuchter, die Altartribüne vor dem Allerheiligsten prangte im Schmucke der Fichlenzweige, und alle Anwesenden harrten auf den Gesang des MaU tauwu, vorgetragen von Ober- *) Durch die Freundlichkeit unseres geschätzten College», Herrn . Obercantor Abel in Dessau, sind wird in der Lage, unseren Lesern einen ausführlichen Bericht über die Mendelssohnfeier, wie sie in der Geburtsstadt des großen Philosophen begangen wurde, zu bieten. Die Redaction. Cantor Abel; dasselbe konnte auch bald ertönen, denn jetzt traf der erwartete Landesherr, Se. Hoheit Herzog Friedrich'von׳ Anhalt nebst hoher Gemalin und Familie ein und nahm mit ' den Seinen Platz rechts vom' Altar.! '! Nach der Einleitung würde vom Synagogenchor unter Mit- Wirkung der Hoftheater-Capelle und unter Betheiligung der Hof- 'Opernsängerinnen Frln. v. Vahsel, Bingenhenner und v. Wenndrich einige Piecen aus'Mettdelssohn-Bartholdy's ״Athalia" vorgetragen. Dann betrat Herr Rabbiner Dr. Weiße' aus Dessau den Raum vor dem Allerheiligften und hielt die Festpredigt. Er feierte darin Moses Mendelssohn als den Gläubigen und Gerechten, dessen Weisheit zu einer Zeit erstrahlte, als der Glaube' gefährdet schien und war, als die Encyclopädisten systematisch den Glauben an Gott zu untergraben sich ׳anschickten. Moses Mendelssohn redete bei dieser Vertheidigung des Glaubens nicht die Spräche der Mystiker, er redete die Sprache der Philosophie, des Alterthums, der Wissenschaft. Er befestigte den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, an die Gerechtigkeit und Milde Gottes und das Alles in so überzeugender Sprache, dass er wie ein zweiter Moses das Gesetz Gottes auf's Neue in die Herzen der Menschen pflanzte. Erist ein Nacheiferer Moses des Gesetzgebers; seine Treue im Glauben ist nicht sein geringstes Verdienst; er blieb dem Glauben seiner Väter treu, obwohl es ihm hundertfach nahe gelegt ward, herauszutreten aus dem Banne, der damals das Judenlhum noch umschloss, aber er that es nicht. In Dessau, in Anhalt stand die Wiege des Gerechten. Die Eindrücke, die er in diesem Lande empfangen, haben Einfluss geübt auf die Bildung seiner milden Denkweise; denn in Anhalt- Dessau genossen die Juden schon vor zweihundert Jahren Privilegien, wie nirgends sonst in T-eutschland, und namentlich Herzog Franz war einer der edelsten und aufgeklärtesten Fürsten seiner Zeit; wären alle anderen Fürsten ihm gleich gewesen, man hätte die schreckliche Zeit der Revolution nicht zu erleben brauchen. Aus der Milde der Ansichten über Juden Und Judenthum in der Anhaltiscken Heimat nahm Moses Mendelssohn für's ganze Leben den Muth mit, für die allgemeine Bahnbrechung dieser vorgeschrittenen, aufgeklärten Anschauungen sein Denken, Wissen und Fühlen.einzusetzen. Der Rabbiner Dr. Weiße sprach dann den Segen unü es ertönte'ein weiterer Festgesang, ein Terzett ,Ein Herz voll' Frieden', welchem das Seelengebet, und die Todtenfeier folgte. Ein Schlussgesang endete die erhebende Feier, welcher außer Sr. Hoheit dem regierenden Herzoge auch Se. Excellenz der Staatsminister von Krosigk, der Magistrat und das Gemeindeeollegium der Stadt Dessau beiwohnten. Von der Synagoge begab man sich nach der Aula des Fcidericianums, wo die Hauptgedächtnisfeier stattfand. Die Aula war gleichfalls mit Kränzen und Guirlanden reich geschmückt, Mendelssohns Bild prangte inmitten des grünen Schmuckes an der" Frontseite der Orgel, deren feierlich-ernste Klänge den Festactus einleiteten. Nach dem Vortrage von Nolles Männerchor ,Lobet den Herrn" betrat Herr Dr. E. Wickenhagen die Nednerbühne. Der Inhalt seiner Festrede lässt sich in Folgendem zusammensassen: ״Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, sie ist geweiht für alle Zeiten. Eine solche Stätte ist Dessau und Moses Mendelssohn ist es, der sie geweiht. Er verdankt seiner Vaterstadt.wenig, er ,verdankt sich selbst Alles, und eben das Ureigene des Ursprungs seiner Werke sichert diesen auch die Zukunft, die .ihrer nicht vergessen wird und kann. Friedrich des Großen Sterbejahr ist auch Moses Mendelssohns Sterbejahr; Humanität' und Aufklärung sind ° das Signum jener Zeit und Mendelssohn ihr würdiger Verkünder. Sein Todesjahr ist der Beginn einer neuen Zeit, die׳ er mit'herauf hat führen helfen.

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