Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 2 (16.1.1886)
- Date
- 1886-01-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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eS auch nöthig erschiene, den Rahmen dieses Aussatzes, wollten > wir jeden einzelnen, jetzt üblichen Steiger, mit seinen wesentlichen! Merkzeichen und der charakteristischen Tonfärbung speciell und ausführlichbehandeln, zudem wäre selbst die eingehendste Erörterung lückenhaft, weil hiezu entschieden Notenbeispiele nöthig find, die wir aus Billigkeitsrücksichten hier nicht zur Anwendung bringen können; allein der Gegenstand stndet an anderer Stelle?אי*!־ eingehendste Würdigung und Erörterung. An dieser Stelle wollen wir nur das von uns offenkundig nachgewiesene Princip feststellen, dass alle Steiger, die dem Tongefüge un« serer modernen Skala entsprechen, unmöglich zu den alten gerechnet werden können, weil sie selbstredend nicht älter sein können, als die Skala selbst, dass hingegen alle jene Steiger, die v om Ton׳ gef ü g e d e r m o d e r n e n S k a l a a b w e i ch e 11, d e mentsprechend auch älter als diese selbst s ein müssen, daher als alle Steiger anerkannt w e r d e n m ü s s e n. Und nun nur noch einen Gegenstand, der scheinbar nicht zur Sache gehört, streng genommen jedoch einer eingehenden Würdigung werlh ist. Zn welchem Lichte erscheinen, nach diesem von uns ausgestellten System die Tonphrasen der beim Vorlesen aus der Thora jetzt zur Anwendung gelangenden Singweisen- (נגינה)? Ueber die Tonzeichen derselben, beziehungsweise über die Formverwandtschaft mit den griechis chen Neumen haben wir seinerzeit in diesen Blättern unter dem Titel: ״Neuinen und Negi־ noth“ unsere diesbezüglichen Anschauungen veröffentlicht; es erübrigt uns daher nur noch, bezüglich des Werthes der betreffenden Singweisen unsere Ansicht kund zu geben/Unter Werth der Neginoth-Singweise verstehen wir durchaus nicht etwa die Feststellung des mehr oder minder künstlerischen Tonaufbaues, sondern ledig, lich die endgilrige Feststellung des Alters derselben. Auch hiebei muffen wir wieder die übliche, moderne Tonskala als Gradmesser unserer Beurtheilung zur Anwendung bringen, und auch hiebei'-^ bewährt sich diese Prüfuugsweise, nach unserer Anschauung, trefflich. Betrachten wir die bei der Singweise der Thoravorlesung am Sabbath oder an Wochentagen zur Anwendung kommenden Töne genau, so finden wir, dass dieselben der üblichen heutigen Our-Skala vollständig entsprechen; denn nicht ein einziger Ton weicht, selbst bei der rigorosesten Prüfung, von der Tonfolge der heutigen Our-Skala ab, so dass wir mit voller Berechtigung den Ausspruch wagen dürfen, d a s s d i e h e u t i g e S i n gweise bei derTboravorlesuug gleichfalls nicht älter sein könne, als die Feststellung dieser Skala s e l b st. Wenn nun entgegnet werden könnte, dass die Tonzeichen der Neginoth bekanntlich viel älter find, so müssen wir in voller Würdigung dieser Thatfache zu d er Ansicht gelangen, dass die Tonphrasen der Neginoth e i n st e n s andere gewesen und im Zeitfluge der Jahrhunderte bis aus unsere Zeit mannigfache, Wandlungen durchgemacht haben dürften, bis sie die heutige moderne Färbung angenommen *) Ganz anders jedoch erscheint uns die Singweise des Thoravorlesens, wie sie heute am י'כ und ר״ה üblich ist; eine einihnen das Tongefüge des ״׳ £לך-Steiger vollständig aufrecht erhalten ist, und nur in der oftmaligen Anwendung verschiedener Intervalle der Unterschied liegr. *) Beachten wir, beispielsweise nur die eine Umwandlungsphase, welche die Thoravorlesung heute im Verhältniße zu jener Weise, wie man vor fünfzig Zähren dieselbe behandelte erlitt, und man wird auch ibie Berechtigung dieses Ausspruches anerkennen. gehende Untersuchung derselben führt zu dem interessanten Ergebniße, dass die Töne dieser Singweise vollständig den. Tönen der von uns erörterten יי מלך Steiger-Skala entsprechen. Liest man beispielsweise in C und prüft die einzelnen Töne genau, so finde man, dass zumeist die Tonfolge von C D E—F Gr A—B C zur Anwendung gelangt. Die Anwendung der Halbtöne Gr Fis und C H, wie es hie und da üblich ist, müssen als Hinneigung zum modernen Geschmacke aufgefasst werden; denn der Charakter der Singweise wird durch die Anwendung der leitereigenen Töne Gr F und C B nicht nur in keiner Weise beeinträchtigt, sondern - erhält noch eine viel interessantere Färbung. Diese Anschauung, dass das Thoravorlesen, reip. die Singweise derselben am ר״ה und 2"י den Tönen des יי מלך" Steiger entspricht, dürste noch mehr an Berechtigung gewinnen, wenn wir auf den im vorigen Aufsatze gelhanen Ausspruch Hinweisen, dass die Skala des ׳ "יי מלך Steiger auch bei den Türken unter der Benennung Uschak bekannt war, und die Singweise des היה י״כ - Thoravorlesens mit der heutigen Singweise der türkischen Juden viel Aehnlichfeit bat. — Endlich die Töne der Singweise für die Vorlesung des BucheS Esther (מגילה), und der Trauerzesänge um den Fall Zions (איכה) sind ganz entschieden nach denen der מק אבוה■ Steigerskala gebildet, so dass, wenn jemand beispielsweise in 0 liest, die Töne C D—Es F G—As B C zur Anwendung gelangen. Der scheinbare Unterschied zwischen der Leseart der beiden Bücher besteht lediglich darin, dass die Tonzeichen der מגילה rasch und die der ,איכה langsam vorgetragen werden; die Tonstufen jedoch bleiben für beide dieselben. Auch die Töne der Singweise bei der Haphtora-Vorlesung entsprechen vollständig den 'Tönen des אבות j^-Ste.iger. Fassen wir nun das Ergebnis der bis nun gewonnenen Anschauungen zusammen, so erscheint es offenkundig nachgewiesen, d a s s d i e M e l o d i e e n für sämmtliche N1UN"GesaNgsweisen und sogar die Singweise der ¬נגינות n a ch den v o n uns. au fge stellte it drei Steige r- ) f a l e « 0—Oes E F G—As B 0-N2NV' 0—d Es f G—As b מק אבות־ס CD E—F G—A B יימלך־ס ge b i l d e t s i n d, d a s s demnach in dem Tongefüge der altsynagogalen Ge sä n g e ein strenges Princip obwaltet, welches die volle Berechtigung besitzt, in die K u n stsphäre veralten Musikgeschichte ein gereiht zu werde n.* *) Diese von uns gelieferte Arbeit war eine aufreibende und bedurfte der emsigsten, eingehendsten Forschung, allein der gewonnene Erfolg krönt die Arbeit. Wir nahmen bereits Veranlafsung, das von uns aufgestellte Princip Musikcapacitäten allerersten Ranges vorzutragen, und unsere Auseinandersetzungen wurden mit tiefem Interesse angehört und der Gesammtaufbau derselben vollinhaltlich acceptirt; es wird nun unsere unablässige Aufgabe sein. ... die bisher gewonnenen Resultate auch weiteren Krisen zugänglich zu machen und hiedurch unseren alten Synagogengesängen jene kunstgeschichtliche Bedeutung, und Anerkennung zu erringen, die derselben bis nun vorenthalten wurde. Wir kehren nun zum Ausgangspunkte unserer Besprechung u. zw. der Durchsicht des H. Weintraub'schen Werkes zurück, indem *) Alle Synagogen gesang s-Mclodien, das Thoravorlesen am Sabbath- Wochen-und den drei Feiertagen mit eingerechnet, die der jetzt üblichen Skala entsprechen, müssen zweifellos, als einer späteren Periode angehörig, hingestellt werden. U&üBi